Belgrad Kindergarten in ehemaligem KZ

Im Krankenhaus des ehemaligen Konzentrationslagers Semlin in Belgrad ist ein Kindergarten eröffnet worden. Genau an dem Ort, wo die Großmutter unseres Ostbloggers Andrej Ivanji ermordet wurde.

Belgrad, 30. Januar 1942. "Ich möchte von euch hören. Pischta ist hier mit seiner Familie. Ich bin allein. Als Ärztin habe ich viel zu tun", diese paar Zeilen schrieb meine Großmutter Ida Ivanji aus dem Konzentrationslager "Alte Messe" ("Staro sajmište") an ihre Schwester Schwester Olga. Mehr durfte sie nicht, denn auf den Postkarten des Roten Kreuzes war die Wortzahl beschränkt. Während der Besetzung Serbiens durch die Nationalsozialisten war meine Großmutter im Lager interniert, das als Anhaltelager Semlin oder einfach als Judenlager bezeichnet wurde. Pischta ist mein Urgroßonkel, er war Schneider und mit seiner Frau und zwei Kindern in der "Alten Messe".

Keiner von ihnen überlebte das Lager. Wie rund 11.000 andere Häftlinge, vorwiegend Juden, wurden sie in einem eigens zu diesem Zweck umgebauten LKW der Marke Saurer durch Abgase erstickt. Mit einer Länge von 5,8 Metern und einer Höhe von 1,7 Metern konnte der LKW 80 bis 100 Häftlinge fassen. Von März bis Mai 1942 fuhr er fast täglich zu einem Schießplatz bei Avala, etwa 15 Kilometer südöstlich von Belgrad. Dort wurden die Leichen vergraben. Meine Großmutter wurde wahrscheinlich aus dem Krankenhaus des Konzentrationslagers in den Todeswagen verschleppt. Sie wird wohl gedacht haben, man würde sie in ein anderes Lager transportieren.

Spielen im KZ-Krankenhaus

Neulich habe ich erfahren, dass auf dem Gelände ein privater Kindergarten eröffnet werden soll. Als "Ort, wo sich ihre Kinder sicher und geliebt fühlen werden" wirbt der "Kindergarten an der Save" im Internet für sich. Kinder würden hier durch Spielen lernen, heißt es. Daneben sind Fotos von nagelneuen Räumlichkeiten auf 950 Quadratmetern zu sehen. Die Adresse: Staro Sajmište 20, Novi Beograd. Also von dem Gebäude, indem sich das KZ-Krankenhaus befand, wo sich die Spur meiner Großmutter verliert.

Historiker entsetzt

Der Belgrader Historiker Dejan Ristić reagierte mit Fassungslosigkeit auf das Projekt. Auf Facebook postete er: "Ich verstehe nicht, was mit uns passiert, und weiß nicht, ob das überhaupt jemand verstehen kann. Ein Gebäude des nationalsozialistischen Konzentrationslagers 'Alte Messe' ist in einen Kindergarten umgebaut worden. Man stelle sich einen Kindergarten in Auschwitz, Dachau oder Mauthausen vor. Ihr könnt es nicht? Ich auch nicht … natürlich nicht … weil das nicht möglich ist … außer bei uns."

Konzentrationslager Belgrad
Menschen im Konzentrationslager in Belgrad. Bildrechte: Archiv des Jüdischen historischen Museums in Belgrad

Nachtklub und Fitnesszentrum

Auch viele Zeitungen berichteten empört über den "Kindergarten im ehemaligen Nazi-Lager", dessen Besitzer Miodrag Krsmanović von den Behörden alle notwendigen Dokumente für die Eröffnung bekommen hatte. Das Gebäude erwarb er bereits 1998 für rund zwei D-Millionen Mark. Die Lage des Grundstücks ist attraktiv, bei guter Verkehrslage erreicht man von dort in nur fünf Minuten das Stadtzentrum.

Meine Empörung über das Projekt hält sich in Grenzen. Mittlerweile kann mich kaum noch etwas schocken. Denn Inhaber Krsmanović hatte zuvor bereits versucht, einen Nachtklub und ein Fitnesscenter in dem Gebäude zu betreiben, dessen Besitzverhältnisse bis heute nicht komplett geklärt sind.

Blutiges Steak neben dem Krematorium

Was soll man überhaupt mit der "Alten Messe" machen, dem ehemaligen Ort des Grauens, der die Ausrottung der serbischen Juden symbolisiert, und wo heute Tausende Menschen, auch Familien mit Kindern, in kleinen, größtenteils verfallenen Häusern leben? Obwohl in der letzten Zeit Pläne für eine Gedenkstätte ausgearbeitet wurden, ist außer einem vor Jahrzehnten errichteten Denkmal unmittelbar an der Save nun fast schon seit achtzig Jahren nichts passiert. Im kommunistischen Jugoslawien hegte man den Kult des Heldentums, des Widerstands, nicht den des Opfertums; ähnlich wie in der DDR.

Bereits vor einigen Jahren habe ich eine Reportage über die "Alte Messe" geschrieben und speiste aus diesem Anlass in der Kneipe "Salz und Pfeffer", die sich direkt gegenüber dem Krematorium befindet. "Blutiges Steak neben dem Krematorium", titelte ich. Meine deutschen Kollegen fanden das übertrieben und geschmacklos. Ich nicht. Es traf auf den Punkt, und außerdem ging es um meine Großmutter.

Die Eigenart der Pietät

Unmittelbar nach dem Krieg entstand auf der "Alten Messe" eine Künstlerkolonie. Mein Vater, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, besuchte dort oft befreundete Maler, trank und amüsierte sich. Als ich ihn fragte, wie er das denn konnte an dem Ort, von dem aus seine Mutter in den Tod getrieben wurde, sagte er nachdenklich: "Wir waren eine brutale Generation. Wir lebten mit dem Tod, wir entgingen dem Tod und wollten unmittelbar danach nicht zurückschauen."

Konzentrationslager Belgrad
Luftaufnahme des Geländes zu Beginn des 2. Weltkrieges. Bildrechte: Archiv des Jüdischen historischen Museums in Belgrad

Ich will zurückschauen. Und natürlich ist ein Kindergarten im Gebäude des ehemaligen KZ-Krankenhauses eine Schweinerei, es ist unerhört, dass es Belgrader Behörden überhaupt an eine Privatperson verkauft haben. Aber übertriebene Pietät stört mich. Mit Tabus erreicht man nichts, sie können genau das Gegenteil  bewirken.

Ich wünsche mir eine Gedenkstätte auf dem Gelände, in der meine Kinder etwas über das Schicksal ihrer Urgroßmutter und anderer Verwandter erfahren können. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn sich in unmittelbarer Nähe ein Spiel- oder Sportplätze, Cafés oder Restaurants befinden würden. Das Gedenken an die Verstorbenen hat nur Sinn, wenn es mit dem Leben verbunden wird.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR AKTUELL RADIO | 24.08.2019 | 19:00 Uhr