Am Rande Europas Europas hässliches Gesicht

Ich habe unzählige Geschichten über das menschliche Leid im Jugoslawien-Krieg geschrieben. Ich habe viele Geschichten über Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Nordafrika erzählt. Doch Anfang November dieses Jahres im bosnischen Velika Kladuša war ich besonders betroffen. Vielleicht war es einfach eine Geschichte über menschliches Leid zu viel.

Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
In einer leerstehenden Fabrikhalle in Velika Kladuša wurde im November eine Notunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Velika Kladuša ist eine europäische Stadt. Zumindest geographisch. Sie befindet sich im Nordwesten Bosniens, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Kroatien entfernt. Es ist die Außengrenze der Europäischen Union. Anfang November war ich dort, um eine Reportage über die neue Flüchtlingsroute zu schreiben. Ich hatte zuvor Dutzende Geschichten über Flüchtlinge geschrieben. Es hätte business as usual sein sollen. Doch es kam anders.

Bedrückender Ort

Schon der Ort an sich wirkte auf mich bedrückend. Vor dem Krieg in Jugoslawien eine wirtschaftlich aufstrebende Gemeinde, vermittelte er ein Gefühl des Verfalls, des ziellosen Treibens auf den Straßen, verstärkt durch die vielen dürftig gekleideten, dunkelhäutigen Gestalten, die man sofort als Flüchtlinge erkannte. Selbst vom Kriegsleid geprägt, zeigten die Einheimischen eine rührende Hilfsbereitschaft für Menschen, die vor dem Krieg in einem anderen Teil der Welt geflüchtet sind.

Empfundene Heuchelei

Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Im Cafe "Fantom" in der nahe gelegenen Stadt Velika Kladuša konnten die Flüchtlinge im November zwar das Internet nutzen und sich Getränke bestellen, die Toilettennutzung war ihnen jedoch untersagt. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Im Café "Fantom", umgeben von Flüchtlingen aus dem  Nahen Osten und Nordafrika, denen die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben war, fiel mir ein, bei Google die Stichwörter "EU" und "Wertegemeinschaft" einzugeben. Ich wollte mir die genaue Definition in Erinnerung rufen. "Die Werte, auf die sich die Europäische Union gründet, sind Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören", steht da. Wie erhaben das klingt. Und wie heuchlerisch an diesem Ort der Trostlosigkeit und des menschlichen Leids nur wenige Kilometer von der EU entfernt, dachte ich.

Kälte, Dreck, Hunger

Seit dem Ausbruch der Flüchtlingskrise 2015 habe ich viele Geschichten geschrieben über Menschen, die vor Krieg, Tod, Hunger, Terror, einem "des Menschen unwürdigen Lebens" flüchteten und sich in Richtung EU begeben hatten. Diese Menschen haben in den vergangenen drei Jahren die EU geprägt.

Die "Wertegemeinschaft" hat unter ihrem Andrang ihr hässliches, egozentrisches, heuchlerisches Gesicht gezeigt. Die Antwort auf den kollektiven Kummer vor ihrer Grenze war der Stacheldraht in Ungarn.

Ich hatte das alles schon gesehen: Menschenunwürdige Lebensbedingungen; drei Toiletten und drei Wasserhähne für hunderte Menschen; provisorische Zeltstädte; unregelmäßige Essensversorgung; Kälte; Matsch; Dreck. Und immer wieder diese Blicke, in denen das Wanken zwischen Hoffnung und der Erkenntnis, dass man am Ende des Weges angelangt ist, zu sehen ist; diese Geschichten über die Flucht aus der Hölle und den höllischen Weg nach Europa, das für Frieden und Menschenwürde steht.

Osteuropa

Wie Flüchtlinge an der bosnisch-kroatischen Grenze hausen

Ostblogger Andrej Ivanji hat im November 2018 das Camp in Velika Kladuša besucht und diese Aufnahmen gemacht.

Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Rund 400 Menschen leben derzeit im Flüchtlingscamp Trnovi, das sich an der bosnisch-kroatischen Grenze befindet. Die Zelte haben sie selbst mithilfe von Freiwilligen aufgebaut. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Das Cafe "Fantom" in der nahe gelegenen Stadt Velika Kladuša ist ein Treffpunkt für Flüchtlinge. Sie können dort zwar das Internet nutzen und dürfen sich etwas zu Trinken bestellen, die Toilettennutzung ist jedoch untersagt. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Achraf zeigt uns die Route seiner Flucht auf dem Handy. Er sitzt seit zwei Monaten in Bosnien fest, schläft auf der Straße. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Mit dem Wintereinbruch droht eine humanitäre Katastrophe. Bald sinken die Temperaturen in Bosnien unter Null. Die Bewohner des Camps sind nicht auf den Winter vorbereitet, sie haben zum Beispiel keine Winterkleidung. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Nur unregelmäßig werden die Campbewohner mit Essen versorgt. Meist laufen sie einige Kilometer bis zum nächsten Geschäft und machen sich selbst etwas zu Essen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Wie diese ehemalige Fabrikhalle. Sie wurde den Flüchtlingen vom Besitzer zur Verfügung gestellt. Eine Hilfsorganisation wollte die Verwaltung übernehmen, dies ist aber nicht geschehen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Rund 400 Menschen leben derzeit im Flüchtlingscamp Trnovi, das sich an der bosnisch-kroatischen Grenze befindet. Die Zelte haben sie selbst mithilfe von Freiwilligen aufgebaut. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Einer von ihnen ist Achraf aus Tunesien. Er lacht gern und gibt sich locker. Doch man merkt, wie verzweifelt er ist. So nah am Ziel will er unter gar keinen Umständen aufgeben. Mehrmals wurde er in Kroatien festgenommen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Viele Flüchtlinge beklagen sich über die Brutalität der kroatischen Polizei. Wer beim Versuch der Grenzüberquerung aufgegriffen wird, wird nach Bosnien zurückgebracht und irgendwo abgesetzt. Achraf hat ein Selfie gemacht - mit der Polizei im Hintergrund. Kroatien weist die Vorwürfe, die Flüchtlinge würden brutal behandelt, zurück. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Für rund 400 Flüchtlinge gibt es im Camp fünf Wasserhähne mit kaltem Wasser und fünf Toiletten. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Die zwei Männer im Zelt kommen aus Afghanistan und dem Irak. In schlechtem Englisch erklären sie, dass einige der Flüchtlinge im Camp seit Monaten hier sind. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Wir sind doch Menschen und keine Kriminellen oder Terroristen, meinen viele Flüchtlinge. Die Flüchtlinge können nicht begreifen, warum man sie in der EU nicht haben möchte. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
In einem verlassenen Busbahnhof im Zentrum von Velika Kladuša schlafen ebenfalls dutzende Flüchtlinge. Auch andere leerstehende Gebäude dienen als Unterschlupf. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Im Erdgeschoss der Fabrikhalle sind Familien, Frauen und Kinder untergebracht. Im ersten Stock allein reisende Männer. Insgesamt sind es um die 400 Menschen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Eine junge Frau aus dem Iran lernt unterwegs voller Hoffnung Englisch. Sie reist mit ihrem Mann und zwei Kindern.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 26.10.2018 | 21:45 Uhr.
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Wie verzweifelt muss man sein?

Ich weiß nicht, warum es mich diesmal so hart getroffen hatte. Vielleicht war es meine persönliche Enttäuschung darüber, dass in der EU - dem Nachkriegsfriedensprojekt - mit Blick auf die Flüchtlinge rechtsextreme Parteien und Bewegungen aufblühen. Nach dem Motto: Alle Menschen sind gleich, doch EU-Bürger sind gleicher, als die anderen.

Vielleicht war es der Anblick eines afghanischen Mädchens in einer verlassenen, in eine Notunterkunft verwandelten Fabrikhalle, im Alter meiner 13-jährigen Zwillingstöchter, mit Haaren so lockig wie das Haar meiner Töchter, das voller Hoffnung die Hand ihres Vaters hielt, in dessen Augen keine Hoffnung mehr zu sehen war. Wie verzweifelt müsste ich sein, dachte ich, dass ich meine Kinder der Todesgefahr auf einem tausende Kilometer langen Weg aussetze, um sie an einen Ort wie Velika Kladuša zu führen - ohne zu wissen, welche Perspektive sie haben werden.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR AKTUELL | 26.10.2018 | 21:45 Uhr

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