Vereidigung einer Bürgerwehr.
Verteidigungsminister Antoni Macierewicz bei der Vereidigung der ersten Bürgerwehr Bildrechte: Ministerstwo Obrony Narodowej, Polska

Patriotische Bürgerwehren

Die ersten 400 freiwilligen polnischen Soldaten wurden vom Verteidigungsminister im Mai 2017 vereidigt. Bis 2019 sollen die patriotischen Bürgerwehren insgesamt 53.000 Mann zählen. Der Zulauf zu den Freiwilligen-Bataillonen ist beträchtlich.

von Monika Sieradzka

Vereidigung einer Bürgerwehr.
Verteidigungsminister Antoni Macierewicz bei der Vereidigung der ersten Bürgerwehr Bildrechte: Ministerstwo Obrony Narodowej, Polska

In den östlichen Regionen Polens ist der Zulauf zur Bürgerwehr besonders stark. Ein Grund dafür mag der hier besonders ausgeprägte Patriotismus sein. Und genau der wird von Verteidigungsminister Antoni Macierewicz als die ideologische Basis der Bürgerwehr angesehen. Die Bürgerwehr ist für ihn eine natürliche Folge des polnischen Freiheitskampfes von alters her – als es zuerst gegen die russischen Zaren ging und hernach gegen den von Moskau verordneten Sozialismus.

Patriotische Bürgerwehr

Es war also kein Zufall, dass die ersten 400 Soldaten in den drei östlichen Wojewodschaften Polens vereidigt wurden. "Der Soldateneid formt das Leben des Menschen, er gibt dem Leben einen Sinn", tönte Macierewicz im südöstlichen Rzeszow. Aus der Karpatenregion, die übrigens als die größte Festung der Regierungspartei PiS gilt, kommt derzeit jeder vierte der 20.000 Polen, die sich für die Bürgerwehr gemeldet haben.

Angst vor Russland

Die Idee, in Polen eine Bürgerwehr aufzustellen, ist alles andere als neu. Der erste Auslöser der Debatte war der Konflikt zwischen Russland und Georgien von 2008, in die sich der verstorbene Präsident Lech Kaczynski persönlich eingeschaltet und keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass er auf Seiten Seite Georgiens stünde. Die alten polnischen Ängste vor Moskau wurden damals wieder lebendig. Dann kam die russische Annexion der Halbinsel Krim im Jahr 2014 und in Polen sind rasch unzählige paramilitärische Organisationen entstanden, die freiwillig und auf eigene Kosten Soldatenausbildungen organisiert haben. Als ein Jahr später die nationalkonservative PiS die Regierungsgeschäfte übernahm, wurde die Bürgerwehr Teil der politischen Agenda. Von 2016 bis 2019 sollen für die Freiwilligen-Bataillone insgesamt eine Milliarde Euro vom Staat zur Verfügung gestellt werden.

Unterstützung der Armee

Die Aufgabe der freiwilligen Soldaten soll es sein, die reguläre polnische Armee zu unterstützen. Die Bürgerwehr, seit Anfang 2017 institutionalisiert, ist schon jetzt Teil der Armee und untersteht somit dem Staatsoberhaupt.

Laut Pressesprecher der Bürgerwehr, Marek Pietrzak, ist die Bürgerwehr "die billigste Lösung, das Verteidigungspotenzial Polens zu vergrößern". Pietrzak weist auf neue Bedrohungen hin, die in den früheren Verteidigungsplänen nicht vorgesehen waren. Es sei der moderne Krieg, der sogenannte Hybridkrieg, der an verschiedenen Fronten parallel geführt werden wird. Die Bürgerwehr soll aber auch die Armee in traditionellen Krisensituationen wie etwa Naturkatastrophen unterstützen.

Pietrzak will nicht über die Bedenken mancher oppositioneller Politiker diskutieren, die befürchten, dass die Bürgerwehr auch zur Bekämpfung von Antiregierungsdemonstrationen dienen könnte.

Eine Kompanie in jedem Landkreis

Was erst einmal für die nächsten Monate und Jahre bevorsteht, ist die Ausbildung der Freiwilligen. In Zukunft nämlich soll jeder der 300 polnischen Landkreise seine eigene Bürgerwehr bekommen. Die Wehren sollen ausgestattet sein mit leichten Waffen und Luftabwehr. In den Kompanien werden, so die ministeriellen Vorgaben, junge Männer und ältere Reservisten dienen, die nach der gemeinsamen Ausbildung zu eingespielten Teams reifen sollen. "Jung lernt von alt", lautet die Devise.

Die Ausbildung soll an einem Wochenende jeden Monat stattfinden – gestreckt über drei Jahre. Dafür bekommt der Bürgerwehrsoldat 100 Euro im Monat Sold. Bewerben kann sich jeder, der mindestens 18 Jahre alt ist und eine Schulausbildung erfolgreich hinter sich gebracht hat. Für viele wird es aber wohl nicht bei einer freiwilligen patriotischen Nebentätigkeit bleiben. Nach der Ausbildung bei der Bürgerwehr wachsen die Chancen für den Einstieg in die polnische Berufsarmee.

Freiwillige werden gesucht

Die Bewerbungsverfahren sind bereits in vollem Gang. Anfang Juni 2017 findet im nordöstlichen Ostroda (Osterode) die größte Zusammenkunft der paramilitärischen Organisationen statt, verbunden mit einer Rüstungs- und Waffenmesse mit geplant 100 Ausstellern.

Auch Attraktionen sind vorgesehen. Tausende Schüler aus den Militärklassen aus ganz Polen werden auf einem riesigen gemeinsamen Picknick zusammenkommen. Als Höhepunkt gilt ein Bildungspfad mit verschiedenen Stationen, die über die heroischen polnischen Kriege und Aufstände informieren werden. Es haben sich bereits Tausende Besucher angemeldet, darunter viele Familien und Schulklassen. Am Ende des patriotischen Pfades stehen die Vertreter des Verteidigungsministeriums und werben für die Bürgerwehr – so der Plan. Im Ministerium hofft man auf viele neue Anmeldungen. Die Ambitionen sind schließlich groß – bis 2019 soll es in Polen immerhin 53.000 Bürgerwehrsoldaten geben.


Über dieses Thema berichtete MDR auch im TV: MDR Aktuell | 06.05.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2017, 13:27 Uhr

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