Serie zur Bundestagswahl Serbien: Unsere Freundin Angela

Deutschland ist einer der wichtigste Handelspartner und Geldgeber Serbiens. Der mächtige serbische Staatspräsident Aleksandar Vučić pflegt die Bundeskanzlerin als seine "Freundin Angela" zu bezeichnen. Trotzdem weiß kaum ein Bürger Serbiens, dass am 24. September Bundestagswahlen stattfinden.

Neuer deutscher Hegemonismus. Deutschland als Bezwinger Europas. Der Nutznießer der Wirtschaftskrise. Die egozentrische Exportmacht. Der Euro-Profiteur. Der Sparmeister mit der Peitsche oder wie man sonst noch im verschuldeten Süden und im armen Osten Europas über Deutschland schimpft. Von wegen. Nicht in Serbien. In diesem armen und verschuldeten Land reden regierende Politiker nur Gutes über Deutschland. Den Takt gibt, wie bei allem anderen, Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vučić an. Die anderen folgen ihm.

Merkel wird siegen

Bundeskanzlerin Merkel empfängt den serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic.
"Meine Freundin Angela ..." Serbiens Staatspräsident Vučić hält große Stücke auf die deutsche Bundeskanzlerin. Bildrechte: IMAGO

Vučić ist vielleicht der größte Fan von Bundeskanzlerin Angela Merkel außerhalb Deutschlands. Er verehrt sie, nennt sie gern "meine Freundin Angela", bezeichnet sie als eine Freundin Serbiens. Deutschland sei ein Partner Serbiens, sagt der Staatspräsident, hält Tiraden über die protestantische Arbeitsethik und rät den Serben, sie sollten sich an den Deutschen ein Beispiel nehmen.

Putin und Vucic
Doch auch zum traditionellen Verbündeten Russland sind die Beziehungen bestens. Vučić und Russlands Präsident Putin in Moskau. Bildrechte: IMAGO

Schon Anfang März sagte Vučić im Brustton der tiefsten Überzeugung, dass die Bundeskanzlerin bei den Bundestagswahlen am 24. September siegen würde. "Wenn ich sage, dass jemand Wahlen gewinnt, dann gewinnt er auch. Ich weiß es am besten", erklärte der damalige Ministerpräsident Vučić während seiner Kampagne für die Präsidentschaftswahlen, die er Anfang April überlegen gewann. Die Bundeskanzlerin erwiderte diese "Liebe", indem sie Vučić unmittelbar vor dem Wahltermin in Serbien nach Berlin einlud und ihre Unterstützung zusicherte. Eine Woche später empfing ihn allerdings auch Russlands Präsident Wladimir Putin in Moskau. Mit der Unterstützung des von Serben geschätzten Deutschland und des geliebten Russlands konnte bei den Präsidentschaftswahlen für Vučić nichts schief gehen.

Putin und Trump als Wandbild an einer Häusermauer.
Die Herzen der Serben sind groß: Sie schlagen auch für US-Präsident Trump. Und viele wünschen sich, dass Trump und Putin den Serben das Kosovo zurückgeben, wie dieses Wandbild zeigt. Bildrechte: IMAGO

Trotz den betont freundschaftlichen Beziehungen der serbischen Staatsspitze zu Deutschland, zeigen serbische Medien und die Bürger Serbiens wenig Interesse für deutsche Innenpolitik. Grundsätzlich ist die außenpolitische Berichterstattung in Serbien oberflächlich und sensationalistisch. Berichtet wird über Krieg oder wenn Nordkorea eine weitere Rakete abfeuert. Oder über Donald Trump, der die Serben begeistert, auch Staatspräsident Vučić. Außenpolitik in Medien kostet Geld, und serbische Medien sind arm. Auf die Frage ob sie wüssten, dass in Deutschland Parlamentswahlen stattfinden, antworteten die meisten Serben: Nein, keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Oder: Was kümmern mich denn Wahlen in Deutschland? Von Martin Schulz hat kaum jemand gehört. Ausgehend davon, dass lediglich rund 55 Prozent der Bürger Serbiens überhaupt zu den Urnen gehen, wundert das Desinteresse für die Innenpolitik anderer Staaten überhaupt nicht.

Wichtigster Handelspartner

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Deutschland mit Italien der wichtigste serbische Handelspartner ist. Über 350 deutsche Firmen in Serbien beschäftigen rund 25.000 Menschen, investierten in Serbien seit dem Jahr 2000 über 1,6 Milliarden Euro. Deutschland war auch von 2010 bis 2015 mit über 350 Millionen Euro einer der der größten bilateralen Geldgeber in Serbien.

Doch Tatsachen entsprechen oft nicht der kollektiven Wahrnehmung. Laut einer Meinungsumfrage der Agentur "TNS Medium Gallup" glaubten beispielsweise 16 Prozent der befragten Bürger Serbiens, dass Russland der größte Geldgeber in Serbien sei. Elf Prozent nannten Japan, zehn Prozent die EU, dann folgten Deutschland und China.

Tatsächlich war zwischen 2010 und 2015 die EU mit fast drei Milliarden Euro für Entwicklungshilfe mit Abstand der größte Geldgeber in Serbien; es folgten die USA mit fast 680 Millionen, dann verschiedene EU-Staaten, an erster Stelle Deutschland mit 350 Millionen Euro. Japan war an achter Stelle mit knapp über 110 Millionen Euro und China mit nur zehn Millionen an 15. Stelle. Vom geliebten Mütterchen Russland, der orthodoxen Schutzmacht, bekommt Serbien keinen Cent umsonst. Die einen würden sagen, dass Liebe nicht käuflich ist, die anderen, dass die Serben schlicht nicht ausreichend informiert sind.

Für Serbien ändert sich nichts

Wie auch immer: Egal wer in Deutschland nach der Bundestagswahl die Regierung bilden wird, in Belgrad geht man davon aus, dass sich an der Westbalkan-Politik Deutschlands, also auch an der Serbien-Politik, nichts ändern wird. Das heißt: Unterstützung Serbiens bei den EU-Beitrittsverhandlung, Verständnis für Serbiens enge und freundschaftliche Beziehungen mit Russland, finanzielle Hilfe, Geduld bei den Verhandlungen Belgrads mit dem Kosovo, das Serbien nicht anerkennt, regionale Friedenspolitik als entscheidender Faktor.

Die meisten Serben werden irgendwann nach dem 24. September zur Kenntnis nehmen, dass Angela Merkel wieder einmal gewonnen hat oder dass Martin Schulz Bundeskanzler geworden ist. Ob es zu einer großen, Jamaika-, oder Ampelkoalition, schwarz-gelben, schwarz-grünen, oder rot-rot-grünen Koalition kommen wird, interessiert die "normalen" Bürger Serbiens überhaupt nicht.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in der HEUTE IM OSTEN-Reportage: Wir Serben | 25.03.2017 | 18:00 Uhr

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Porträt

Fotomontage Mann vor Fahne mit Video
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