Serie zur Bundestagswahl Die Tschechen: Deutschland? Ach ja, Merkel ...

Ende Oktober wird in Tschechien das neue Abgeordnetenhaus gewählt, im Januar 2018 folgt die Präsidentschaftswahl. Und so steht die deutsche Bundestagswahl im Schatten dieser beiden politischen Ereignisse. Trotzdem lassen sich in Prag dieser Tage Reaktionen zur deutschen Politik einfangen. Vor allem, wenn man auf der Straße zwei Wörter sagt: Merkel und Migrationspolitik.

von Helena Sulcova

Osteuropa

Junge Frau mit Mikrofon 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Deutschland? Ach ja, Angela Merkel. Von ihr habe ich viel in der Schule, aber auch zu Hause gehört. Sie hat viele schlimme Sachen gemacht, aber vielleicht sollte sie doch eine weitere Chance bekommen", erzählt mir souverän eine junge Schülerin im Park am Karlsplatz (Karlovo náměstí) in der Prager Neustadt. Es fängt an zu nieseln. Das Wetter in Prag ist nicht mehr schön. Aber am Karlsplatz findet man immer viele Leute, auch wenn das Wetter nicht mitspielt. Hier halten alle wichtigen Straßenbahnen, und ihre Haltestelle hat hier auch die Linie B der Prager U-Bahn. Man ist kaum zehn Minuten vom dem Wenzelsplatz entfernt, aber doch weit genug vom großen Touristenrummel. Zum Karlsplatz kommen nur touristische Feinschmecker, die sich das Neue Rathaus anschauen wollen, wo sich im Jahre 1419 der erste Prager Fenstersturz ereignete. Hier findet man auch Einheimische. "Angela Merkel hat viele Flüchtlinge nach Europa gebracht", sagt eine junge Studentin. Ähnlich äußern sich auch weitere Leute, die ich im Prager Park angesprochen habe: Merkel, Flüchtlinge, Katastrophe, Kriminalität, Terrorismus, Vergewaltigungen...

Schulz? Wer ist das?

Martin Schulz im EU Parlament
Martin Schulz haben die Tschechen als EU-Politiker in keiner guten Erinnerung. Bildrechte: IMAGO

Der Herausforderer von Angela Merkel, der Spitzenkandidat der SPD, Martin Schulz, ist für die Menschen am Karlsplatz in Prag ein Unbekannter. "Schulz? Wer ist das?", fragen mich viele. Eigentlich ist es der Mann, der den mitteleuropäischen Staaten oft gedroht hat, das EU-Geld zu kürzen, falls sie die Migranten nicht aufnehmen. Eines muss ich sagen: Martin Schulz hat mit seiner Kandidatur zum Bundeskanzler den Ruf von Angela Merkel bei vielen meiner Freunde verbessert. Dann doch lieber Merkel, als der arrogante EU-Bürokrat, sagen sie.

Ex-Präsident Klaus macht Wahlkampf für die AfD

Alexander Gauland und Vaclav Klaus
Sympathie für die Ultrakonservativen: Tschechiens Ex-Präsident Klaus (re) mit AfD-Spitzenkandidat Gauland. Bildrechte: IMAGO

Angela Merkel gilt als Favoritin der Wahl und es ist kein Wunder, dass sich jede Debatte in Tschechien um sie dreht. "Angela Merkel ist der neuzeitliche Hitler im Rock", sagte der bekannte tschechische Künstler und ehemaliger Direktor der tschechischen Nationalgalerie Milan Knížak in einem Interview mit dem Onlinefernsehsender XTV. Milan Knížák ist ein langjähriger Freund von Ex-Präsident Václav Klaus. Klaus kritisiert laut und von Anfang an die Migrationspolitik von Angela Merkel und nicht nur das: Vaclav Klaus engagiert sich direkt im Bundestagswahlkampf. Er unterstützt die AfD. Klaus sprach beispielsweise auf einer Wahlveranstaltung der Partei in Hofheim. Unter anderem über Merkel und Schulz, die seiner Meinung nach für "politische Korrektheit, Multikulturalismus und Humanrightismus, Feminismus, Genderismus und die Aggressivität des Homosexualismus, Massenmigration und den Kulturmarxismus der Frankfurter Schule" stehen. Diese Seite sei, so Klaus, arrogant, aggressiv und monologisch.

18 Prozent für Merkel

Doch es gibt in Tschechien auch Unterstützung für Angela Merkel. Allerdings nicht viel. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts STEM aus dem Sommer 2016 bewerten nur 18 Prozent der Tschechen Angela Merkel positiv. Russlands Präsident Putin ist beliebter. Zu Merkels Anhängern gehört in Tschechien zum Beispiel der ehemalige Außenminister und Ex-Vorsitzende der tschechischen Christdemokraten Cyril Svoboda. In einem Interview mit dem Onlineportal Parlamentnilisty.cz sagte er, dass Angela Merkel für tschechische Politiker Vorbild sein sollte. "Sie hält ihre Position auch, wenn sie stark kritisiert wird. Das ist eine starke Einstellung, die auf die Wähler positiv wirkt."

Deutschland und Frankreich als EU-Tandem nerven

Angela Merkel und Emmanuel Macron
Die führende Rolle Deutschlands und Frankreichs in der EU nervt viele Tschechen. Bildrechte: IMAGO

Auf der Prager Burg, dem Sitz des tschechischen Präsidenten, macht man sich schon jetzt Sorgen, was nach der Wahl in Deutschland kommt. Vor allem mit Blick auf die Flüchtlingsquote in der EU. Ich hatte vor ein paar Tagen als Gast in meiner Sendung beim Tschechischen Rundfunk den Direktor der Auslandsabteilung des Präsidentenamtes und ehemaligen Botschafter in Deutschland Rudolf Jindrak. Seiner Meinung nach wird der Druck auf mitteleuropäischen Staaten noch stärker. "Ich erwarte, dass nach den Wahlen Deutschland und Frankreich manche Sachen noch intensiver besprechen werden. Ich denke, falls wir solche Gegner haben werden, wie Frankreich und Deutschland, dann wird es für uns keine einfache Situation."

Dann kommt der Czexit!

Magazin
Raus aus der EU: Eine Möglichkeit, über die auch Tschechen offen nachdenken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die führende Rolle Deutschlands und Frankreichs in der EU nervt auch viele Leute, mit denen ich am Karlsplatz in Prag gesprochen habe. Und was, wenn sich der Druck aus der EU nach den Bundestagswahlen in Deutschland weiter erhöht, frage ich? Die Antwort: Czexit! "Hoffentlich verlassen wir schnell die Europäische Union", sagt ein älterer Mann. Wie symbolisch. Am Donnerstag hat sich Mr. Brexit, der britische Politiker Nigel Farage, zu einer Wahlkampfveranstaltung der tschechischen "Partei der freien Bürger" in Prag angesagt ...

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 05.06.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2017, 16:15 Uhr

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