Ungarn und Deutschland: Beziehungsstatus "frostig"

Zur bevorstehenden Bundestagswahl scheint in Budapest niemand etwas sagen zu wollen. Zu Bundeskanzlerin Merkel schon. Doch am liebsten reden die Leute über Ungarn.

Angela Merkel und Viktor Orban bei einer PK, 2014
Liebe sieht anders aus: Mit den deutsch-ungarischen Beziehungen steht es nicht zum Besten. Bildrechte: IMAGO

"Ich verstehe nichts von Politik", hieß es, oder: "Ich lese keine Zeitungen mehr und schaue kaum noch Fernsehen". Die meisten Leute, die ich auf den Budapester Straßen angehalten habe, um sie zur bevorstehenden Bundestagswahl in Deutschland zu befragen, wollten überhaupt nicht antworten. Oft bekam ich auch die Antwort, man wisse gar nicht, dass in Deutschland gewählt werde. Es war sehr deprimierend. Also änderte ich meine Taktik. Statt nach der Bundestagswahl, fragte ich die Leute nach Bundeskanzlerin Merkel. Nun bekam ich Antworten. Die drehten sich letztlich aber alle um Ungarn. Was das Land wohl erwarten könne nach der Wahl in Deutschland.

Merkel – eine Marionette

Ein rauchende Frau vor einer Kneipe auf der Pester Seite seufzt zunächst, als ich sie auf Merkel anspreche: "Die Arme", meint sie bedauernd. Doch dann ändert sich ihr Ton und etwas feindselig fährt sie fort, dass es die Schuld der Bundeskanzlerin sei, dass man sich um die Sicherheit seiner Kinder sorgen müsse. Denn sie habe die Migranten nach Europa geholt. Aber wahrscheinlich sei auch Merkel nur eine Marionette fremder Mächte. Und ich ahne, dass sie damit wohl auf den US-Milliardär Soros anspielt. Es klingt, als habe die Frau die Propaganda der beiden konkurrierenden rechtsgerichteten Parteien Ungarns, Fidesz und Jobbik, auswendig gelernt.

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Frau auf Straße 2 min
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Sehr pragmatisch antwortet ein junger Mann. Ob es uns Ungarn gut oder schlecht mit einer Bundeskanzlerin Merkel gehen wird, meint er, hänge u.a. davon ab, ob sich Merkel auf EU-Ebene für eine Bestrafung Ungarns wegen der Weigerung Flüchtlinge aufzunehmen einsetze. Oder wenn sie aus dem gleichen Grund die hier residierenden deutschen Firmen aufrufe, weniger in Ungarn zu investieren.

Prodeutsch, pro EU - der Wirtschaft wegen

Miklos in Budapest
Pragmatischer Ansatz: Ungarns Regierung muss ihren Kurs ändern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der wirtschaftliche Aspekt begegnet mir auf der anderen Seite der Stadt, in Buda, häufiger. Dort, in einem Stadtteil, in dem überwiegend Menschen aus der Mittelschicht, Intellektuelle und sehr wohlhabende Leute leben, sprechen meine Interviewpartner ganz kühl darüber, wie sehr Ungarn von der deutschen Wirtschaft abhängig sei. Rund 4.000 deutsche Firmen beschäftigen in Ungarn etwa 300.000 Menschen. Jeder 14. Arbeitnehmer arbeitet für einen deutschen Arbeitgeber. Die hiesigen deutschen Firmen produzieren ein Sechstel des ungarischen Exportes. Ein Mann, der für eine deutsche Elektrofirma in Budapest arbeitet, meint deshalb, dass Ministerpräsident Viktor Orbán und seine Regierung in der Frage der Flüchtlingsquote nachgeben müssen, sonst liefe Ungarn Gefahr, sich innerhalb Europas zu isolieren. Trotzdem findet der Mann Orbáns Flüchtlingspolitik durchaus richtig und er ist auch ein Fan der deutschen AfD. Doch was soll's: Für einen sicheren Arbeitsplatz muss man seine Fahne eben in den Wind hängen.

Merkel – das kleinere Übel

Welches die nächsten Schritte von Ministerpräsident Orbán in der Flüchtlingsfrage sein werden, ist noch unklar. So oder so, die deutsch-ungarischen Beziehungen sind zurzeit frostig. Sie haben sich in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt verschlechtert. Auslöser war jedoch nicht erst die Flüchtlingskrise. Eine Rolle spielen auch Orbáns russlandfreundliche Haltung, sein wiederholtes Nein zu den EU-Sanktionen gegen das Land und seine guten Kontakte zum türkischen Präsidenten Erdogan. Und auch die Einschränkung der Pressefreiheit in Ungarn, staatliche Repressionen gegen NGOs, die auch vom Ausland finanziell unterstützt werden und Ungarns Absage an eine engere europäische Integration sorgen dafür, dass es zwischen Ungarn und Deutschland nicht zum Besten steht. Trotzdem forderte Ministerpräsident Orbán im Juni seine Landsleute auf, für den Sieg Merkels zu beten. Im Vergleich zu SPD-Mann Schulz, dem Orban ungarnfeindliche Aussagen nachsagt, sei Merkel die bessere Wahl.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 06.09.2017 | 19:30 Uhr

(Zuerst veröffentlicht am 22.09.2017)

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