Champions League-Finale in Kiew: Hotelzimmer zu Wucherpreisen

Gelegenheit macht Diebe, hört man derzeit oft in Kiew. Kurz vor dem Champions League-Finale zwischen Real Madrid und Liverpool am 26. Mai rufen Hotels in der ukrainischen Hauptstadt Wucherpreise auf. Ziemlich kurz gedacht, findet so mancher Kiewer, denn den Fremdenverkehr kurbele das sicher nicht an. Freundliche Gesten dagegen schon. Um die bemühen sich jetzt die Kiewer Bürger selbst.

von Denis Trubetskoy

Das diesjährige Finale der Champions League, das am 26. Mai im Kiewer Olympiskyj-Stadion ausgetragen wird, sollte der ukrainischen Hauptstadt eigentlich als Werbung dienen und nachhaltig westeuropäische Touristen anlocken. Doch Berichte der spanischen und britischen Presse klingen aktuell eher nach Antiwerbung.

"Die Fans, die das Erstrecht für das Finalticket hatten, sagen massenhaft ab, weil die Reise nach Kiew viel zu teuer ist. Eine einmalige Situation: Real muss nun kurzfristig die Fans von der Warteliste kontaktieren", schreibt zum Beispiel die spanische Sportzeitung "Marca". "Aber es geht nicht nur um die Fans", setzt die Zeitung aus Madrid noch einen drauf. "Auch die Spieler selbst geben die Tickets für ihre Angehörigen und Bekannte zurück, obwohl sie im Normalfall eher klagen, es würde für sie zu wenig davon geben."

Blick in das Olympiastadion Kiew.
Das Olympia-Stadion in Kiew, Ort des Finalspiels. Doch wer ein Ticket für das Spiel hat, braucht auch eine Unterkunft. Ob das Geld dafür noch reicht? Bildrechte: dpa

Großereignisse als Goldesel

Dass die Preise für Hotelzimmer und Mietwohnungen vor einem Großereignis wie einem Finale der Fußball-Champions League steigen, ist zwar normal – und auch für Kiew selbst keine Neuigkeit. Schließlich hat die Stadt bereits Erfahrungen mit solchen Events wie der Fußball-EM 2012 und dem Eurovision Song Contest 2017. Doch als Anfang Mai feststand, dass Liverpool und Real Madrid ins Finale einziehen, schienen in Kiew alle Dämme gebrochen zu sein.

Offenbar haben die Hoteliers das ganz große Geld gewittert. Während ein durchschnittliches Doppelzimmer in Kiewer Hotels in der Regel 40 Euro pro Nacht kostet, sind die Preise exakt am 3. Mai – als die Finalisten feststanden – auf bis zu 3.000 Euro gestiegen, obwohl die gleichen Zimmer noch im April für etwa 500 Euro zu haben waren – was auch schon eine bemerkenswerte Preissteigerung darstellt.

Besonders ragt das Verhalten einiger beliebter Billighotels heraus: So hat das Hotel Niwki am Stadtrand ein 35-Euro-Zimmer auf einmal für 4.500 Euro angeboten - also mehr als das 120-fache des Preises. "Sie würden sich wahrscheinlich wundern, aber die Nachfrage ist eben da", sagte eine Managerin des Hotels auf Nachfrage am Telefon.

Plattenbau
Angebot und Nachfrage regulieren den Preis: 4.500 Euro pro Nacht für ein Zimmer in der Platte. Bildrechte: Facebook Hotel Nivki

Maßlos aus Platzmangel

Den Angaben der internationalen Immobilien-Agentur CBRE zufolge wurden die Übernachtungspreise in Kiew für die Nacht des Finalspiels bis auf das 45-fache erhöht. Damit liegt die ukrainische Hauptstadt deutlich vor allen anderen bisherigen Austragungsstädten.

Nur Cardiff, in dem das Champions League-Finale im vergangenen Jahr stattfand, kommt mit einer 30-fachen Preissteigerung noch relativ nahe. Der Unterschied jedoch besteht darin, dass Cardiff mit seinen 341.000 Einwohnern eine der kleinsten Städte ist, in denen das Endspiel der Champions League je ausgetragen wurde. Damit stand die Stadt von Anfang vor dem Problem, 36.000 angereiste Fans in nur 4.000 zur Verfügung stehenden Hotelzimmern unterzubringen.

Billiggäste vor die Tür gesetzt

Kiew dagegen ist eine Multimillionenstadt. Doch auch hier war von vornherein klar, dass die verfügbaren Zimmer für den Finalansturm nicht ausreichen werden. Nach CBRE soll es 11.000 davon in der ukrainischen Hauptstadt geben - als die Finalisten feststanden waren 98 Prozent der Zimmer bereits ausgebucht. In einer PR-Offensive versprach selbst der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, einige Fans bei sich zu Hause aufzunehmen. Wie ernst es der 52-Jährige meinte, muss sich noch zeigen.

Hotels und Hostels der Hauptstadt reagierten ausgesprochen perfide auf die Zimmerknappheit. Viele von ihnen, die schon ausgebucht waren, wollten den Profit noch weiter steigern – und haben damit angefangen, die bereits existierenden Buchungen zu stornieren. Ein besonders skurriles Beispiel dabei: Das Hostel Wetrjannaja Gorka begründete die Stornierung mit einem Strom- und Wasserausfall am Tag des Spiels. Das Royal Olympic Hotel meldete einen Hackerangriff, weswegen das ganze Hotel für den Zeitraum zwischen dem 25. und dem 27. Mai geschlossen sein würde. Allerdings waren in beiden Fällen die stornierten Zimmer sofort wieder für eine Reservierung verfügbar - zu neuen, deutlich höheren Preisen.

Eine Frau lässt sich mit einem Fußballschal fotografieren
Es geht auch anders: Willkommenskultur ohne monetäre Interessen. Bildrechte: IMAGO

Solidarität zum Wohle der Stadt

Doch nicht nur Gäste aus Spanien und Großbritannien waren über die neue Preispolitik erstaunt, sondern auch einige Kiewer selbst. Auf Facebook gründeten sie die Gruppe "Kyiv Free Couch For Football Fans". Dort bieten die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt für den 26. Mai eine kostenlose Übernachtung an. Mittlerweile hat die Gruppe 7.000 Mitglieder und ist selbst in Liverpool Stadtgespräch.

"Für mich ist es extrem wichtig, dass Kiew einen guten Eindruck bei den Gästen hinterlässt. Die Leute sollten wiederkommen – und zwar nicht wegen eines Großereignisses, sondern einfach so", sagt der 30-jährige Andrij, der seine Zweizimmerwohnung am Stadtrand kostenlos zur Verfügung stellt. "Zudem bin ich seit jeher großer Liverpool-Fan, deswegen will ich damit vor allem den Reds-Anhängern helfen."

Für Ähnliches will die beliebte Bar Rebra & Kotlety im Zentrum Kiews sorgen. Für die Nacht der Nächte wird diese in ein kostenfreies Hostel umgewandelt: Nur eine Kaution von etwa neun Euro ist für eine Reservierung erforderlich. Für diese Summe bekommt man an der Bar Freigetränke. "Wir glauben fest daran, dass die Reputation Kiews und der traditionellen ukrainischen Gastfreundschaft wichtiger sind als kurzfristiger Profit", begründen die Besitzer ihre außergewöhnliche Entscheidung. Diese Ansicht scheinen jedoch nicht alle zu teilen.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 03.05.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2018, 14:46 Uhr