Wohnanlagen am Abend mit Lichtern in den Fenstern, 2009
Sogenannte Chruschtschowkas in Moskau Bildrechte: IMAGO

Chruschtschowkas: Kompromiss um den Abriss alter Platten in Moskau

Russlands Parlament hat zahlreiche Änderungen in das geplante Moskauer Renovierungsprogramm aufgenommen. Das ist zwar ein Sieg für die Gegner des sogenannten Renovierungsgesetzes. Die meisten Chruschtschowka-Bewohner wollen dennoch den Abriss ihrer Blocks.

von Maxim Kireev

Wohnanlagen am Abend mit Lichtern in den Fenstern, 2009
Sogenannte Chruschtschowkas in Moskau Bildrechte: IMAGO

Zurückrudern ist für Russlands Gesetzgeber keine Paradedisziplin. Doch diesmal ließen ihnen die andauernden Proteste in Moskau wohl keine Wahl. Fast 150, teils grundsätzliche, Änderungsvorschläge mussten die Abgeordneten der Staatsduma absegnen, bevor das umstrittene Renovierungsgesetz auch die zweite und dritte Lesung des russischen Parlaments passieren konnte. Das Gesetz muss nun vom Föderationsrat abgesegnet und von Wladimir Putin unterschrieben werden, was allerdings eher als Formalie gilt. Damit ist der Weg zwar frei für den geplanten Abriss von mehreren Tausend Plattenbauten quer durch Moskau, die die Stadtregierung durch moderne Wohnblocks ersetzen will. Dennoch sind die Änderungen ein großer Erfolg für Moskaus Aktivisten und Gegner des Abrissprogramms.

"Diese Änderungen haben wir Moskauer erreicht"

"Das geänderte Gesetz ist natürlich besser als der ursprüngliche Plan", meint Kirill Schulika, ein Abrissgegner und Bewohner eines Fünfgeschossers in Moskau, der kürzlich Gelegenheit hatte, seine Kritik auch in der Duma vorzutragen. Laut dem geänderten Gesetz reicht es heute aus, wenn sich ein Drittel der Wohnungseigentümer gegen den Abriss ausspricht, um das Haus von der Renovierungsliste zu streichen. Das Stadtzentrum Moskaus wurde fast komplett vom Programm ausgenommen. Dort hatten Einwohner gefürchtet, ihre Immobilien in teurer Lage zu verlieren. Zudem soll nun auch der Abnutzungsgrad der Häuser berücksichtigt werden, sodass Gebäude in besonders schlechtem Zustand zuerst abgerissen werden sollen. "Diese Änderungen haben wir Moskauer erreicht", ist Schulika stolz. Als einen Sieg auf ganzer Linie sieht er die Zugeständnisse dennoch nicht.

Viele Chruschtschowka-Bewohner sind für den Abriss ihrer Platte

Auch Alexandra Lawinskaja ist entschiedene Gegnerin des Bauvorhabens. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Mutter in einer Dreiraumwohnung im Nordosten der Stadt. Ihr Haus, eine klassische Chruschtschowka in passablem Zustand, liegt in einem ruhigen Viertel. Nur einen Steinwurf entfernt befinden sich ein Park und ein Stausee. Zusammen mit Nachbarn hatte sie seit Wochen andere Hausbewohner davon zu überzeugen versucht, gegen das Projekt zu stimmen. "Das Gesetz ist auch nach den Änderungen nicht überzeugend", kritisiert die junge Moskauerin. "Niemand weiß, was mit dem Land passiert, auf dem die Häuser stehen. Das ist ja auch unser Eigentum."  Gleichzeitig sei die Art und Weise wie die Behörden versuchen, Bewohner vom Abriss zu überzeugen, verdächtig. "Das ganze bestätigt nur unseren Verdacht, dass sich die Stadt vor allem das teure Land unter den Nagel reißen will, auf dem unsere Häuser heute stehen", glaubt Lavinskaja. Für sie könnte die Sache trotz allem noch ein gutes Ende nehmen. Laut vorläufigen Ergebnissen stimmten in ihrer Straße fast 50 Prozent der Bewohner gegen den Abriss. Damit gehören die Bewohner der Chruschtschowka von Alexandra Lavinskaja zu jenen zehn Prozent, die sich dem Abriss ihrer Platte mit Erfolg widersetzt haben. Insgesamt scheinen sich in knapp 90 Prozent der Häuser jedoch die Befürworter eines Abrisses durchzusetzen. Die meisten von ihnen hoffen, dass die neuen Wohnungen größer und komfortabler ausfallen als der günstige Wohnraum aus der Zeit der Sowjetunion.

Proteste gegen das Renovierungsgesetz

Auf dem Höhepunkt der Proteste versammelten sich zehntausende Menschen gegen das Mammutprojekt der Stadtväter. Der ursprüngliche Plan, den der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin im Frühjahr präsentierte, war für viele Moskauer ein Schock gewesen. Mehr als 8.000 Häuser sollten in der ganzen Stadt abgerissen werden. Der Großteil davon sind fünfgeschossige Platten aus den 1950er und 1960er Jahren. Im Volksmund heißen sie Chruschtschowkas, benannt nach dem damaligen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow, unter dessen Regie im ganzen Land Tausende dieser günstigen Bauten entstanden waren.

Weil das Vorhaben jedoch völlig unausgegoren war und praktisch aus heiterem Himmel kam, fürchteten viele Moskauer, aus ihren alten Vierteln wegziehen zu müssen. Seit den 1990er Jahren befinden sich die meisten Wohnungen in Privatbesitz. Für viele Russen macht ihre Wohnung den Löwenanteil ihres Kapitals aus. Kritiker sahen in dem Projekt einen Angriff auf ihre Rechte als Eigentümer. Zumal nicht wenige Moskauer ihre vier Wände in den letzten Jahren aufwändig modernisiert und renoviert hatten. Der größte Kritikpunkt war jedoch, dass nicht nur billige Platten- sondern auch gut erhaltene Altbauten auf der Abrissliste gelandet waren.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 09.06.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2017, 10:07 Uhr

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