Covid-19 Corona in Serbien: Erst Lachnummer, jetzt Panik

Fotomontage Mann vor Fahne
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Serbien kann man nach Auffassung unseres Ostbloggers in Belgrad, Andrej Ivanji, beobachten, wie autokratische Systeme in Osteuropa der Herausforderung der Corona-Pandemie begegnen: Höchst seltsam!

Zuerst war es "das lächerlichste Virus in der Weltgeschichte". Der Autor dieses in Serbien berühmten Satzes, Prof. Dr. Branimir Nestorović, machte während einer Pressekonferenz Witze über das Coronavirus, riet Männern sogar, ihren Frauen Geld fürs Shopping in Mailand zu geben, da nun alles so günstig sei. Der Kinder- und Lungenarzt meinte, das Coronavirus existiere vor allem auf Facebook. Die Beschaffung zusätzlicher Schutzmasken und Virustests sei überflüssig.

Ich war irritiert wegen der sexistischen Sprüche des Facharztes und wunderte mich, dass kaum jemand besorgt wegen der Verbreitung des Coronavirus in Europa zu sein schien. Anwesend bei dieser denkwürdigen Pressekonferenz waren Vertreter der serbischen Staatsspitze. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić kicherte heftig im Hintergrund.

Das geschah am 26. Februar. Da wusste man auch in Serbien, dass vier Tage zuvor in Italien der erste Mensch an den Folgen einer Corona-Infektion bereits gestorben war.

Prof. Branimir Nestrovic bei einer Präsntation
"Das lächerlichste Virus in der Weltgeschichte": Der serbische Kinder- und Jugendarzt Prof. Dr. Branimir Nestorović spielte die Gefahr runter. Bildrechte: Branimir Nestrovic/MDR

Ausnahmezustand in Serbien

Wochenlang ging es in Serbien so weiter mit dem Kleinreden des Coronavirus. In der regierungsnahen Boulevardpresse konnte man vom "Betrug des Jahrhunderts" lesen und bekam u.a. den Vorschlag, dass "Fasten die Immunität gegen das Coronavirus stärkt." Präsident Vučić riet seinen Landsleuten, ein Schnäpschen am Tag zu trinken. Am 4. März schrieb Vučić Parlaments- und Kommunalwahlen für den 26. April aus, seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) organisierte Massenveranstaltungen.

Und dann war es plötzlich vorbei mit dem Spaß. Am 15. März rief Vučić den Ausnahmezustand aus und übernahm das Kommando in der Krisenbekämpfung. Wir sind doch nicht im Krieg, dachte ich, wurde jedoch eines Besseren belehrt: "Wir sind im Krieg gegen einen unsichtbaren, heimtückischen Feind", erklärte nun Präsident Vučić.

Belgrad in Zeiten von Corona

Belgrad
Kurz nach 17:00 Uhr: In Belgrad hat die Sperrstunde begonnen. Durch den Tunnel zur Brücke über die Sava strömen sonst um diese Zeit Hunderte Menschen. Bildrechte: Andrej Ivanji / MDR
Belgrad
Kurz nach 17:00 Uhr: In Belgrad hat die Sperrstunde begonnen. Durch den Tunnel zur Brücke über die Sava strömen sonst um diese Zeit Hunderte Menschen. Bildrechte: Andrej Ivanji / MDR
Belgrad
Unser Ostblogger hat sich trotz der Sperrstunde aufgemacht, um die menschenleeren Straßen seiner Heimatstadt Belgrad zu fotografieren. Hier die Fußgängerzone Knez Mihailova. Bildrechte: Andrej Ivanji / MDR
Belgrad
Am Zugang der Flaniermeile überwachen Polizisten die Einhaltung der Ausgangssperre. Wer auf der Straße erwischt wird, muss knapp 123.000 Dinar bezahlen. Das sind umgerechnet 1.300 Euro. Zum Vergleich: Das Durchschnittseinkommen in Serbien liegt bei umgerechnet 500 Euro im Monat. Bildrechte: Andrej Ivanji / MDR
Belgrad
Auch auf dem Platz vor dem serbischen Parlament in Belgrad herrscht Stille. Bildrechte: Andrej Ivanji / MDR
Belgrad
Der Weg zur Kirche des heiligen Marko gleicht ab 17 Uhr einer Filmkulisse ohne Hauptdarsteller und Statisten. Bildrechte: Andrej Ivanji / MDR
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Belgrad
Unser Ostblogger hat sich trotz der Sperrstunde aufgemacht, um die menschenleeren Straßen seiner Heimatstatd Belgrad zu fotografieren. Hier die Fußgängerzone Knez Mihailova. Bildrechte: Andrej Ivanji / MDR

Scheiß auf Demokratie

Von Tag zu Tag wurden die Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus schärfer: Zuerst wurden alle Kindergärten, Schulen und Unis geschlossen; alle Massenversammlungen verboten, Theater, Kinos und Museen geschlossen.

Als dann eine Ausgangssperre von 8:00 Uhr abends bis 5:00 Uhr morgens erlassen wurde und man Menschen, die älter als 65 Jahre alt sind, das Verlassen ihrer Wohnungen komplett verbot, wurde mir mulmig. Selbst in reifen Demokratien ist die Aufhebung persönlicher Freiheiten im Notzustand problematisch. In einem autokratischen Staat wie Serbien halte ich das jedoch für kritisch. Unter dem Deckmantel Menschenleben zu retten, lassen sich schließlich alle möglichen restriktiven Maßnahmen umsetzen.

Ein Mann, der Schutzkleidung trägt, desinfiziert einen Krankenwagen vor der Klinik für Infektions- und Tropenkrankheiten.
Desinfektions-Team vor einer serbischen Klinik für Infektions- und Tropenkrankheiten. In Serbien sind bisher drei Menschen an Folgen des Coronavirus gestorben. Bildrechte: dpa

Statt Witzchen zu machen, malte Präsident Vučić nun apokalyptische Coronavirus-Szenarien an die Wand, falls das Volk ihm nicht gehorchte. Ich war entrüstet, wie die verfassungswidrige, diskriminierende Verordnung, ältere Bürger rund um die Uhr ins Haus zu sperren, ohne jeglichen Widerstand durchkam. Die Maßnahme trifft rund 1,7 Millionen Menschen.

"Scheiß auf Demokratie und Menschenrechte, wenn Menschenleben bedroht sind", hörte ich selbst meine Freunde sagen. Die Alten sollen gefälligst zu Hause bleiben und sich nicht anstecken und die Beatmungsgeräte besetzen. Die Parlaments- und Kommunalwahlen wurden aufgeschoben.

Kleiner Sieg der Vernunft

Ich war überrascht, wie diszipliniert sich die Belgrader an die neuen Regeln halten: Die Straßen sind fast menschenleer, man hält Abstand voneinander, einer nach dem anderen geht man ins Geschäft oder in die Apotheke. Schutzmasken tragen die Wenigsten, aber nur weil es nirgendwo Schutzmasken zu kaufen gibt. Es gibt keine Engpässe in der Versorgung, außer, mir aus mysteriösen Gründen, mit Toilettenpapier.

Doch Vučić äußerte sich unzufrieden mit dem Verhalten der Bevölkerung und verhängte noch schärfere Einschränkungen: Die Polizeistunde dauert nun von 17:00 Uhr bis 5:00 Uhr, alle Cafés, Restaurants und Hotels sind geschlossen, der Stadtverkehr wurde eingestellt, die Grenzen geschlossen.

Spinnen die, dachte ich, was mache ich nun mit meinem Hund. Als Hundebesitzer protestierten, wurde uns doch genehmigt zwischen 20:00 und 21:00 Uhr auf 20 Minuten im Umkreis von 200 Metern von unserer Wohnadresse, unsere Hunde auszuführen.

Polizeibeamte patrouillieren während der Ausgangssperre in der Hauptfuߟgängerzone Belgrads.
Belgrad: Polizeibeamte patrouillieren während der Ausgangssperre in der Hauptfuߟgängerzone der serbischen Haupstadt. Bildrechte: dpa

Unser Bruder Xi Jinping

Bald sieht es mit unserer Freiheit wie in China aus, dachte ich, als ich Präsident Vučić über die mangelnde Solidarität der EU mit Serbien schimpfen hörte und stattdessen seinen chinesischen "Freund und Bruder Xi Jinping" zur Hilfe rief. Bald darauf kamen medizinische Ausrüstung und im Kampf gegen das Coronavirus erfahrene chinesische Ärzte nach Serbien. Die chinesische Botschafterin in Belgrad sprach von "stählerner" Freundschaft der beiden Völker.

Melodramatischer Befehlshaber

Weil die Polizei mit der Kontrolle des Hausarrests und der Polizeistunde heillos überlastet ist, ist die Armee im Einsatz. Bewaffnete Soldaten patrouillieren durch Belgrad und bewachen Krankenhäuser sowie Regierungsobjekte.

Anstatt beruhigend auf die Bevölkerung einzuwirken, trägt der sichtlich beunruhigte Präsident Vučić mit seinen melodramatischen und befehlshaberischen Auftritten zur Beunruhigung der Menschen bei. "Ich werde die Polizeistunde rund um die Uhr für alle verhängen", drohte Vučić, für den Fall, dass sein Volk nicht brav genug sei. "Auch wenn ihr mich danach erschießt", fügte er pathetisch hinzu, und beteuerte dann tausendmal, dass man das alles doch vor allem aus Liebe zu unseren Eltern, Omas und Opas tue. Rentner gehören zur wichtigsten Wählergruppe von Vučić.

Aleksandar Vucic
Drohgebärde: Er werde die Polizeistunde rund um die Uhr verhängen, drohte der serbische Regierungschef Vučić unlängst. Bildrechte: IMAGO

Es sind nicht einmal zehn Tage seit der Verabschiedung des Ausnahmezustandes vergangen. Ich merke, wie Menschen um mich schon jetzt nervös werden, und es hat alles erst begonnen. Man muss sich auf Wochen, gar Monate dieser sozialen Distanzierung und Einschränkungen einstellen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 23. März 2020 | 19:30 Uhr