Blick in die Regie
Bildrechte: MDR/Helena Sulcova

"Current Time"-TV in Russland Gegen Propaganda oder auch nur Propaganda?

Seit Frühjahr 2017 ist "Current Time"-TV in Russland auf Sendung. Der Anspruch: Information statt Propaganda. Finanziert wird der Sender ausschließlich von den USA. Maxim Kireev hat sich das Programm angesehen.

von Maxim Kireew

Blick in die Regie
Bildrechte: MDR/Helena Sulcova

Plötzlich war im russischen Teil des Internets überall dieses Video: Ein Berliner Techno-Opa tänzelt durchs Bild. Dann schwingt die 83-jährige Galina Gorjana den Tennisschläger. Im nächsten Schnitt flitzt der gleichaltrige Albert Esakow aus Charkow auf Rollschuhen durchs Bild. "Alt ist man nur, wenn man aufhört über Pfützen zu springen und sie stattdessen zu umlaufen", erklärt der Ukrainer. Fast zwei Millionen Clicks hatte das Video bei Facebook, gepostet vom Sender "Current Time".

Finanziert vom amerikanischen Steuerzahler

Es ist wohl der bisher erfolgreichste Clip des russischsprachigen Kanals, der sich aus einem Internetprojekt heraus entwickelt hat. Seit dem Frühjahr 2017 hat "Current Time" ein 24-Stunden-Programm eingeführt, empfangbar per Internet und Satellit. Finanziert wird es vom amerikanischen Steuerzahler und das Ziel sind natürlich nicht unterhaltende und lebensbejahende Videos, sondern das russischsprachige Publikum soll mit News versorgt werden. Ausdrücklich will der Sender keine Gegenpropaganda zu den russischen Staatsmedien betreiben, sondern eine "alternative Quelle für Information" darstellen. Doch um dieses zu erreichen, braucht es mehr als nur Nachrichten: Medienexperten in Russland und auch in Europa geben stets zu bedenken, dass russischsprachige Sender in ehemaligen Sowjetrepubliken vor allem wegen ihrer aufwendigen Unterhaltungssendungen so erfolgreich sind beim Publikum. Propaganda in den Nachrichten gibt es sozusagen als Beilage frei Haus.

"Moskaus Wicht"

Eine Frau steht an einem Tisch in einem Fernsehstudio.
Studio des russischsprachigen und von den USA finanzierten Senders "Current TV" in Prag,. Bildrechte: MDR/Helena Sulcova

Ein Blick ins frische Rund-um-die-Uhr-Programm zeigt, dass "Current Time" in der Tat kein schnöder Nachrichtensender sein will, sondern die Zuschauer mit Reportagen und auch ein wenig Unterhaltung locken will. Natürlich gibt es in jeder Stunde eine vierminütige News-Sendung. Und auch Nachrichtenmagazine, wie das des Reporters Timur Olevskij, der aktuelle Ereignisse beleuchtet – etwa die Kohleblockade im Osten der Ukraine. Über Monate hatte die Ukraine Kohle aus den abtrünnigen Gebieten im Osten des Landes gekauft. Für ukrainische Aktivisten glich das einer Unterstützung der prorussischen Separatisten, weshalb sie die Transportwege für die Donbass-Kohle versperrten. Ein heikles Thema, bei dem sich die "Current Time"-Journalisten sichtlich um Objektivität bemühen. Im Interview verrät etwa ein Kiewer Energieexperte, das Land könne nicht lange ohne die Donbass-Kohle existieren und müsse ohne sie irgendwann auf Lieferungen aus Russland zurückgreifen. Eine Sichtweise, die vielen in der Ukraine nicht schmeckt. Als kurze Zeit später der ukrainische Abgeordnete Semjon Sementschneko den Experten als "Moskaus Wicht" beschimpft, schmeißt ihn Olewskij kurzerhand aus der Sendung.

Nicht immer "objektiv"

Doch nicht immer geraten die Beiträge "objektiv": Bei einer Bildergalerie über den Abriss alter Fünfgeschosser in Moskau kann es sich der Redakteur offenbar nicht verkneifen, den Ukraine-Konflikt ins Spiel zu bringen. "Chruschtschowka" werden die Blocks im Volksmund genannt, die vor allem in den 1960er und 1970er-Jahren massenhaft gebaut wurden. Man findet sie überall in der ehemaligen Sowjetunion. Und so ergänzt die Moskauer Bilder eine Chruschtowka aus der ukrainischen Stadt Awdijiwka - über Wochen Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen Regierungstruppen und pro-russischen Separatisten. Versehen mit einem Graffiti-Porträt einer Einwohnerin der Stadt – die Bildunterschrift erinnert an die bisher knapp 10.000 Opfer des Konflikts. Was das mit einem Moskauer Abrissprogramm zu tun hat, bleibt das Geheimnis der Redaktion – dem Nutzer jedenfalls bleibt der Eindruck, dass das Thema ein weiteres Mal ins Gedächtnis gerufen werden sollte.

Stimme Amerikas

Noch weiter weg von kritischer Distanz ist man naturgemäß, wenn es direkt um die Politik des Landes geht, an dem russischsprachigen Nutzer fast genauso interessiert sind wie an ihrem eigenen: den USA. Die entsprechenden Berichte übernimmt "Current Time" direkt von "Voice of America", dem offiziellen Auslandssender der Vereinigten Staaten. So wundert man sich nicht über einen Bericht zur humanitären Lage in der irakischen Stadt Mossul, die durch irakische Soldaten und mit amerikanischer Hilfe vom IS befreit wurde. Mit keinem Wort werden zivile Opfer amerikanischer Luftangriffe erwähnt. Vielmehr kommt eine Expertin zu Wort, die ausdrücklich nur die IS-Milizen für zerstörte Wohnhäuser verantwortlich macht. Ähnlich der Tenor eines Beitrags über Wiki-Leaks-Enthüllungen, wonach die CIA mittels Hacker-Methoden die eigenen Bürger ausspioniert. Hier werden anfangs nur Stellungnahmen amerikanischer Offizieller zitiert, die die Vorwürfe zurückweisen. Anschließend erklärt ein Experte, die CIA mache nur ihren Job - während die Sprecherstimme direkt im Anschluss Spekulationen erwähnt, wonach Wiki-Leaks und russische Geheimdienste Verbindungen zueinander hätten. Ausgewogene Berichterstattung geht anders.

Russen misstrauen ausländischen Medien

TV-Show Doschd
Oppositioneller TV-Nischensender "Doschd" Bildrechte: IMAGO

Kann es der Sender so mit der Übermacht der kremlhörigen Medien im postsowjetischen Raum aufnehmen? Immerhin: Die Aufmerksamkeit der russischen Propagandakanäle haben die Macher von "Current Time" bereits auf sich gezogen. Russlands wichtigste Nachrichtensendung auf dem staatlichen Kanal Rossija 1 widmete dem neuen Sender ganze acht Minuten: "Das Budget für den Sender wurde noch zu Obamas Zeiten vergeben", erklärte Moderator Dmitri Kisseljow. Im Klartext: Der Sender sei schlecht für Russland - wie alles, was der ehemalige US-Präsident gemacht hat.

Der Angriff auf den neuen Kanal könnte allerdings nach hinten losgehen, meint etwa Journalist und Medienexperte Alexej Kowaljow und erinnert an den Versuch Lettlands, das staatliche russische Onlineportal "Sputnik" auf seinem Territorium zu sperren. Damals habe sich die Zahl der Leser dadurch vervielfacht. Ein Effekt, den "Current Time" durchaus gebrauchen könnte. Denn der Sender ist bisher kaum bekannt: Bei Facebook hat die Gruppe von "Current Time" nach zwei Jahren knapp 400.000 Likes. Der eher oppositionelle Nischensender "TV Doschd" kommt auf weit über eine Million. Darüber hinaus bleibt es fraglich, ob das russischsprachige Publikum überhaupt bereit ist, umzuschalten. Laut einer Umfrage des Instituts VZIOM hat sich die Zahl jener, die ausländischen Medien misstrauen, innerhalb von sieben Jahren auf über 50 Prozent versiebenfacht. So droht dem Sender das gleiche Außenseiter-Schicksal wie den verbliebenen unabhängigen Medien in Russland. Was auch niedliche Panda-Videos zwischen den Nachrichtenblocks, Techno-Opas oder spannende Reportagen leider nicht ändern können.

Über dieses Thema berichtet MDR auch in MDR AKTUELL: TV | 17.02.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. April 2017, 14:41 Uhr

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