neue U-Bahn Schilder
Die neuen U-Bahn-Schilder mit der Station "Potschajna". Bildrechte: Denis Trubetskoy/MDR

Ukraine Ukraine setzt Dekommunisierung durch

1000 Wohnorte wurden umbenannt, 2500 Denkmäler abgerissen: Die Ukraine hat das ambitionierte Dekommunisierungsprojekt, das den Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit festigen sollte, in drei Jahren nahezu umgesetzt. Doch das Vorhaben bleibt nach wie vor umstritten.

von Denis Trubetskoy

neue U-Bahn Schilder
Die neuen U-Bahn-Schilder mit der Station "Potschajna". Bildrechte: Denis Trubetskoy/MDR

Anfang Mai herrschte meist Verwunderung, als Bewohner der ukrainischen Hauptstadt Kiew die U-Bahn-Station "Potschajna" im Bezirk Podil betraten. "Potschajna, was soll das denn überhaupt sein?", fragte sich ein grauhaariger älterer Mann, nachdem er das neue Stationsschild entdeckte. "Geil, man darf sich schon wieder an etwas Neues gewöhnen", klagte zudem ein Paar Mitte 50.

Verwendungsverbot kommunistischer Symbole und Namen

Die Umbenennung der Haltestelle in "Potschajna" war die letzte große Aktion im Laufe der sogenannten Dekommunisierung. Kommunistische Symbole und Namen sollten aus dem öffentlichen Raum in der Ukraine verschwinden. Früher hieß die Haltestelle "Petriwka", benannt nach Grigorij Petrowskij, dem Staatsoberhaupt der Ukraine in der Sowjetunion zwischen 1919 und 1938. Er soll eine Mitschuld an der Hungersnot in den Jahren 1932 und 1933 tragen. Und obwohl der Name in der Öffentlichkeit längst den Bezug zum ursprünglichen Namenspatron verloren hat, war die Umbenennung letztlich unvermeidlich.

Beginn der Dekommunisierung 2013

De facto nahm die Dekommunisierung bereits am 8. Dezember 2013 ihren Anfang, als nationalistische Gruppierungen ganz am Anfang der Maidan-Proteste das größte Wladimir-Lenin-Denkmal im Zentrum Kiews stürmten. Das führte zum sogenannten "Leninopad", dem massiven "Leninfall", in mehreren großen und kleineren Städten. Nach der Flucht des Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch wurde der Moskau-kritische Historiker Wolodymyr Wjatrowytsch zum Direktor des staatlichen Instituts für Nationale Erinnerung, das als eine Art "Geschichtsministerium" dient und nach dem Maidan massiv an Bedeutung gewann. Wjatrowytschs Institut bereitete schließlich vier Dekommunisierungsgesetze vor, die den Abriss kommunistischer Denkmäler und die Umbenennung kommunistischer Ortsnamen vorschrieben. Im April 2015 wurden sie vom ukrainischen Parlament verabschiedet.

Umbenennung des "Moskauer Prospekts"

Nirgendwo in Kiew sind die Folgen der Dekommunisierung deutlicher zu spüren als hier: Wenige Meter von der U-Bahn "Potschajna" liegt der ehemalige "Moskauer Prospekt", eine wichtige Verkehrsader, die mehrere Stadtbezirke miteinander verbindet. Seinen Namen erhielt der Prospekt ursprünglich, weil dieser zur Moskauer Brücke führt. Seit 2016 heißt er nun "Stepana-Bandery-Prospekt", benannt nach dem ehemaligen Anführer der "Organisation Ukrainischer Nationalisten" (OUN), der in der Westukraine als Nationalheld verehrt, allerdings von Kritikern als Nazikollaborateur angesehen wird. Keine andere Geschichtsfigur spaltet die ukrainische Gesellschaft so stark wie Bandera – und so war es wenig überraschend, dass eben diese Umbenennung bis heute für die heftigsten Diskussionen sorgt. Zumal es bis heute fraglich bleibt, auf welcher Grundlage sie überhaupt stattfand, denn Moskau per se hat mit kommunistischen Namen etwa so viel wie Kiew selbst zu tun.

Stepana Bandery Prospekt
Ein Blick auf den "Stepana-Bandery-Prospekt". Bildrechte: Denis Trubetskoy/MDR

"Ich habe mich wie viele andere irgendwie damit abgefunden. Ich gebe jedoch zu: Mich stört der Bandery-Prospekt immer noch", erzählt der 39-jährige Grigorij, der ein Café in der Straße besitzt. "Ich bin kein großer Bandera-Gegner. Ich finde aber, dass solche Entscheidungen das Land eher spalten als einen – und das ist nicht das, was die Ukraine heute braucht. Das merke ich auch an den Gesprächen unserer Besucher, die sich auch zwei Jahre danach noch immer darüber unterhalten." Switlana, eine 26-jährige Anwohnerin, sieht die Sache jedoch anders: "Bandera als Nazikollaborateur darzustellen, heißt einen sowjetischen Dämonisierungsmythos zu unterstützen. Wir sollten die neue Generation anders ausbilden, deswegen finde ich den Schritt trotz westlicher Kritik völlig richtig."

2500 Denkmäler abgerissen, 1000 Ortschaften umbenannt

Das statistische Ausmaß der Dekommunisierung ist nicht kleiner als das politische. Rund 2500 Denkmäler wurden seit 2015 abgerissen, etwa 1000 Ortschaften umbenannt – darunter auch ganz große wie zum Beispiel Dnipropetrowsk, eine der wichtigsten Städte der Ukraine, die nun Dnipro heißt. Auch hier wurde der Bezug zum sowjetischen Funktionär Petrowskij gestrichen. "Es ist eine enorme Investition in unsere Zukunft, die nun weniger von sowjetischer Ideologie geprägt wird. Ich bin stolz, dass wir die Dekommunisierung umgesetzt haben", betont Wolodymyr Wjatrowytsch. Für ihn sei die Dekommunisirung schon fast erledigt. Es bleiben ja nur noch vereinzelte Umbenennungen übrig.

Kritik an der Dekommunisierung

"Die Dekommunisierung ist nichts als sinnlose Geldverschwendung, um die ukrainische Geschichte umzuschreiben", heißt es aus dem Oppositionsblock, einer Parlamentspartei, die zum Teil aus ehemaligen Verbündeten von Wiktor Janukowitsch besteht und den heutigen politischen Kurs Kiews kritisch sieht. Den endgültigen Preis der Dekommunisierung festzustellen, fällt in der Tat nicht leicht, es soll aber eine milliardenschwere Summe sein. Auf lokaler Ebene sind die Kosten nachvollziehbar: Eine einzige Straßentafel zu wechseln, kostet in der Hauptstadt Kiew rund 30 Euro. Allein in Kiew wurden mehr als 70 Straßen umbenannt, was ausschließlich aus dem Haushalt der Stadt finanziert wurde.

Selbst Feiertage müssen dran glauben

Eine weitere Folge der Dekommunisierung bekamen die Ukrainer Anfang Mai jedoch zu spüren. Zum ersten Mal war der 2. Mai, neben dem 1. Mai, kein gesetzlicher Feiertag – der Bruch einer langen sowjetischen Tradition. Der 2. Mai wurde bisher als Nachfolgetag ohne eigene Bedeutung quasi mitgenommen, um der Bevölkerung eine Art verlängertes Wochenende zu gewährleisten. Damit ist nun Schluss. Und auch der 1. Mai ist in Kiew vergleichsweise unspektakulär, ohne große Demonstrationen, gelaufen. Denn schließlich gibt es seit dem Verbot der Kommunistischen Partei vor drei Jahren auch keine treibende Kraft mehr dafür.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im TV: 08.05.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2018, 17:50 Uhr

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