T-Shirt-Aktion Polen: Verhüllte Denkmäler sorgen für Aufruhr

An vielen Denkmälern in Polen sind gerade T-Shirts mit der Aufschrift "Verfassung" zu sehen. Ein weißes T-Shirt tragen unter anderem Skulpturen von Ex-Präsident Lech Kaczyński, der Warschauer Seejungfer und Nikolaus Kopernikus. Mit dieser Aktion fordert die Opposition, dass die PiS-Regierung die Verfassung achte.

"KONSTYTUCJA"

So ging es los: Auf seinen Schultern hing plötzlich ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift "Verfassung, Jędrek". Als erstes wurde das Denkmal des 2010 verstorbenen Präsidenten Lech Kaczyński in Stettin verhüllt. Damit wollten die zwei PiS-Kritiker Magda Filiks und Lukasz Olejnik eine Botschaft an den Präsidenten Andrzej Duda richten: Sie wollen ihn daran erinnern, dass er Hüter der Verfassung sei, so wie er es in seinem Eid geschworen habe.

Außerdem war Duda, der selbst gelernter Jurist ist und die Unabhängigkeit der Gerichte hoch schätzt, auch ein Mitarbeiter von Lech Kaczyński. "Jędrek" ist eine Verniedlichung des Vornamens Andrzej. So werden in Polen kleine Jungs genannt. Duda wird von Filiks und Olejnik, den beiden Aktivisten des Komitees der Verteidigung der Demokratie, kurz "KOD" als Marionette gesehen, der unkritisch die Gesetze der parlamentarischen PiS-Mehrheit unterzeichnet.

Denkmalschändung?

Die Fotos des verhüllten Denkmals von Lech Kaczyński haben in den sozialen Netzwerken massiv für Furore gesorgt. Die Polizei begann nach dem Täter zu suchen und sprach von einer "Denkmalschändung". Das polnische Recht sieht für Taten dieser Art Geldbußen und Gefängnisstrafen vor.

Eine Nacht-und-Nebel-Aktion

Die T-Shirt-Aktion hat große Wellen geschlagen. Im ganzen Land wurden laut Organisatoren, mindestens 250 Denkmäler mit T-Shirts verhüllt. Die Aktionen wurden oft beim Sonnenuntergang oder im Morgengrauen durchgeführt. Auch Nikolaus Kopernikus und die Warschauer Seejungfer mussten schon den Slogan "Verfassung" auf ihrer der Brust präsentieren.

Am Montag sind die Verantwortlichen der "Verhüllungs-Aktion" in die Öffentlichkeit getreten. Der KOD-Aktivist Olejnik wählte dafür die Danziger Werft, die als historische Wiege der antikommunistischen Bewegung Solidarnosc gilt. Dabei trug er ein weißes Shirt, mit den Schriftzügen "Verfassung" vorn und "Wanted" hinten:

Ich bin derjenige, der von der Polizei gesucht wird. Ich habe nichts Schlimmes getan. Lech Kaczyński hat die Verfassung, den Landesrichterrat und das Verfassungstribunal geachtet. Ich hatte nicht vor, irgendjemanden zu beleidigen.

Lukasz Olejnik, KOD-Aktivist

Aktion gegen Politikverdrossenheit

Für die KOD-Vizechefin Magda Filiks hat die Aktion gefruchtet. Es ging ihr dabei, so erklärte sie, um das Echo und die Aufmerksamkeit. Seit einem Jahr ist die dreifache Mutter die neue Hoffnung der Oppositionsbewegung KOD, die nach der Euphorie der ersten Stunde in eine ernsthafte Krise geraten ist.

Die 40-Jährige ist in ihrem Element, wenn sie auf der Bühne steht und Kundgebungen mit tausenden Teilnehmern leitet. Sie beobachte in Polen viel Politikverdrossenheit, so Filiks: Das Tauziehen zwischen Warschau und der Europäischen Kommission, die die Justizreform für undemokratisch hält, werde für viele immer weniger durchschaubar: "Ich habe es mir schon seit langem überlegt, wie man mit dem Thema Verfassung die Öffentlichkeit bewegen kann."

Daher nun diese "spektakuläre Aktion" - und Filiks war nach eigenen Worten neugierig, wie die Behörden darauf reagieren. Wobei sie natürlich das größte Echo bei dem verhüllten Denkmal des Ex-Präsidenten erwartete: "Ich wollte zeigen, wie sie den Mythos um Lech Kaczyński herum bauen. Die Idee war, sie bloßzustellen".

Eine "unangemessene Reaktion"

Im Fall der Kaczyński-Denkmäler haben die Aktivisten auf jeden Fall die entsprechende Aufmerksamkeit bekommen - wie gesagt, die Polizei ermittelt. Und im Internet geht es, so Filiks, ebenfalls hoch her: "Man beschuldigt uns, dass wir auf den Gräbern tanzen." Doch manches geht dann offenbar auch der PiS-Regierung zu weit: Für Schlagzeilen sorgte eine Durchsuchung in der Wohnung eines 67-jährigen KOD-Aktivisten aus Biała Podlaska im Osten von Polen, den die Polizei um sechs Uhr früh aus dem Bett holte. Anlass: Das Kaczyński-Denkmal mitten in der Stadt. Hier sprach dann sogar der Innenminister von einer "unangemessenen Reaktion".

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 10.08.2018 | 17:45 Uhr

Unsere Ostbloggerin aus Polen:

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