Zerstörter Flughafen Donezk
Die aussichtslose Schlacht um den Donezker Flughafen ist eines der prägendsten Symbole des andauernden Krieges im Osten der Ukraine. Nun wurde die Geschichte verfilmt. Bildrechte: dpa

"Cyborgs": Ein Film emotionalisiert die ganze Ukraine

Der Film "Cyborgs" dreht sich um die Schlacht um den Donezker Flughafen im Winter 2014. Er ist der Kino-Hit des Jahres und löst eine öffentliche Debatte aus: über Patriotismus, Pietät und Fehler der Armee.

von Denis Trubetskoy

Zerstörter Flughafen Donezk
Die aussichtslose Schlacht um den Donezker Flughafen ist eines der prägendsten Symbole des andauernden Krieges im Osten der Ukraine. Nun wurde die Geschichte verfilmt. Bildrechte: dpa

Welche Wucht der neue Film des ukrainischen Regisseurs Achtem Sejitablajew entfalten würde, wurde bereits direkt nach der Pressevorführung Anfang Dezember deutlich. Da würdigten viele der Journalisten "Cyborgs" mit Standing Ovations, einige Kollegen hatten sogar Tränen in Augen. Und so war mir von Anfang an klar: Es ist ein Film, über den die Ukraine in den nächsten Wochen diskutieren wird.

Symbol des Krieges

Überraschend ist das keinesfalls. Denn der Film hat nicht wirklich etwas mit den titelgebenden Sciene-Fiction-Figuren zu tun, die halb Mensch, halb Maschine sind. Er handelt vielmehr von dem seit Frühjahr 2014 laufenden Krieg in der ostukrainischen Donbass-Region, dem nach UN-Einschätzung bisher mehr als 10.000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Als Symbol für diesen Krieg gilt in der Ukraine die Verteidigung des Flughafens Donezk, die 242 Tage dauerte. Der Flughafen lag isoliert im Separatistengebiet und es gab kaum Unterstützung für die ukrainischen Kämpfer. Deren Einsatz endete im Januar 2015 mit einem Rückzug und der kompletten Zerstörung des Flughafens. Über die Zahl der Toten gibt es sehr unterschiedliche Angaben. Insgesamt dürften aber rund 1.000 Menschen auf dem Rollfeldern und in den Terminals ihr Leben gelassen haben.

Angeblich haben die ukrainischen Soldaten und Freiwilligen dabei so tapfer gekämpft, dass prorussische Separatisten sie "Cyborgs" nannten. So wurden die Kämpfer zu einem Mythos in der Ukraine. Und das zu einer Zeit, als das Land dringend positive Erlebnisse brauchte. Der Begriff "Cyborgs" ist seitdem Gemeingut und auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko nutzt ihn. Ob die aussichtslose Verteidigung militärisch sinnvoll war, ist allerdings bis heute umstritten. Der Begeisterung für die heldenhaften "Cyborgs" tut das jedoch keinen Abbruch.

Bester ukrainischer Film aller Zeiten?

Nein, geweint habe ich nach dem Film nicht. Jedoch kann ich gut nachvollziehen, warum der Film von den Besuchern so emotional aufgenommen wurde. Denn die Verteidigung des Donezker Flughafens hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Ukrainer eingebrannt.

"Cyborgs" ist aber auch schlicht einer der handwerklich besten Filme, die je in der Ukraine gedreht wurden. Das Drehbuch ist realistisch und durchdacht. Mit der Kameraarbeit fügt es sich zu einem ordentlichen Endprodukt zusammen, obwohl der ukrainische Cast schauspielerisch nicht immer auf der Höhe ist.

Schwachpunkt Charakterzeichnung

Dabei hapert es vor allem an der Charakterzeichnung. Obwohl die sieben Protagonisten angeblich realen Vorbildern nachempfunden sind, wird ihre Motivation eher schemenhaft dargestellt. Nach dem Motto: "Wir mögen unsere Politiker und ihre Politik nicht, wir lieben aber unser Land". Das wirkt kaum glaubhaft.

Im Fokus steht ein junger Mann aus reichem Elternhaus, der heimlich zur Front fährt, um sein Vaterland zu verteidigen. Durch ihn erfährt der Zuschauer hautnah der Realität des Krieges. Dramaturgisch ist das clever, weil Protagonist und Zuschauer diese Realität gemeinsam erkunden. Dem realen Verlauf der Kämpfe entspricht seine Reise jedoch nicht immer.

Auch die Russen sind da

Bild eines Kinoplakats "Cyborg"
Erfolgsformel: "Cyborgs" vereint patriotische Action im Hollywoodstil mit politischer Kritik an der ukrainischen Führung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die Separatisten haben nicht allzuviel Tiefgang erhalten. Sie werden meist nur als "der Feind" beschrieben und spielen eine eher untergeordnete Rolle als schemenhafte Antagonisten. Mitunter sind sie nicht weit von den namenlosen Schergen alter James Bond-Filme entfernt. Auch die unvermeidliche Frage nach der russischen Beteiligung an den Kämpfen kommt auf. Wobei diese im Film in keinem Moment als Frage behandelt wird, sondern schlicht als Tatsache.

Am Ende bleibt "Cyborgs" ein Film, der die Zuschauer vor allem auf emotionaler Ebene berührt, insbesondere in der Ukraine. Es bleibt ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das dann wieder zur Geschichte des echten Kampfes um den Flughafen passt.

Kritische Fragen an Regierung und Militär

Am meisten habe ich mich jedoch gefreut, dass meine größte Befürchtung sich nicht bestätigt hat. Als ich das erste Mal von dem Projekt gehört habe, war ich mir sicher: Daraus wird ein rein propagandistischer Film. Zumal er überwiegend aus Staatsgeldern gefördert wurde.

Selbstverständlich ist es so, dass "Cyborgs" den Krieg im Donbass aus ukrainischer Sicht darstellt, doch Propaganda ist er nicht. Die Handlung setzt sich nicht nur mit der ukrainischen Politik, sondern auch mit der eigenen Militärführung kritisch auseinander.

Kritik an eigener Führung

So behandelt der Film auch Aspekte wie die Ahnungslosigkeit der eigenen Führung und die weitverbreitete Korruption, durch die dringend benötigte Waffen und Material "verloren gegangen" sind. Weil diese Themen so unerwartet auftauchen, wirken sie erfrischend und befeuern so die Debatte um den Sinn und Unsinn der Operation.

Denn am Ende bleibt die Frage, ob die lange und hoffnungslose Verteidigung überhaupt nötig war? Ist es opportun, Menschen quasi zu opfern, um ein Symbol für das ganze Land zu setzen?

Schmerzliche Debatte angestoßen

So dauert die gesellschaftliche Diskussion um den Film an. Patriotisch gesinnten Ukrainern hat der Film überwiegend gefallen. Andere stellen dennoch die Frage, ob man solch einen Film wirklich drehen muss, während die Kämpfe im Osten des Landes noch andauern? Darf man denn einen Krieg heroisieren, während die Zivilisten im Donbass immer noch unter ihm leiden?

Diese Frage kann wohl nur jeder für sich beantworten. Ich war von Anfang an nicht von der Idee des Film begeistert - und bin es immer noch nicht. Dennoch ist "Cyborgs" eine bemerkenswerte Kinoproduktion, die eine wichtige öffentliche Debatte angestoßen hat. Eine Debatte sowohl über den Patriotismus in der Ukraine, als auch über die Entscheidungen der ukrainischen Armeeführung.

Über dieses Thema berichtete MDR auch im: TV | 17.11.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2017, 14:52 Uhr

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