Osteuropa

Ungarn Ocsa - Das Dorf der Frankenopfer

Menschen laufen auf dem Fußweg eine Straße entlang
Auf den ersten Blick ein moderner, wenn auch etwa eintöniger Wohnpark mit kleinen Einfamilienhäusern und Gärten am Rand einer Großstadt. Die Bewohner Lehrer, Angestellte, Redakteure. Mittelstand. Aber der Eindruck täuscht. Wer hier wohnt, hat alles verloren und ist zudem hoffnungslos verschuldet. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
Menschen laufen auf dem Fußweg eine Straße entlang
Auf den ersten Blick ein moderner, wenn auch etwa eintöniger Wohnpark mit kleinen Einfamilienhäusern und Gärten am Rand einer Großstadt. Die Bewohner Lehrer, Angestellte, Redakteure. Mittelstand. Aber der Eindruck täuscht. Wer hier wohnt, hat alles verloren und ist zudem hoffnungslos verschuldet. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
Ein Wartburg steht vor einem Einfamilienhaus
Ab 2005 wollten sich knapp eine Million Ungarn ihren Traum von den eigenen vier Wänden mittels Krediten in Schweizer Franken, sogenanten Fremdwährungskrediten, finanzieren. Doch nur wenige Jahre später, 2008, geriet auch Ungarn in den Strudel der internationalen Finanzkrise. Der Forint verlor gegenüber dem Franken gut 70 Prozents seines Wertes. Für die allermeisten Kreditnehmer bedeutete das den finanziellen Ruin. Sie konnten die scheinbar ins Unermessliche steigenden Raten nicht mehr bedienen. Manchen Familien verblieben nach Abzug der Kosten für den Kredit monatlich gerade noch umgerechnet zwei Euro zum Überleben. Eine gigantische Welle von Zwangsvollstreckungen und Wohnungsräumungen begann sich über Ungarn hinwegzuwälzen. 2013 beschloss die Regierung Orban, für einige der Kreditopfer ein eigenes Dorf zu errichten.

Bildrechte: MDR/Piroska Bartos
Ein Hinweisschild auf den Òcsa lakòpark
"Wohnanlage von Ocsa", steht auf dem Schild. Die Stadt Ocsa ist aber mehr als sechs Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Autobahn. Früher war hier nur Acker und Wiese. Um die Siedlung errichten zu können, musste die Regierung Straßen und Erschließungsarbeiten durchführen lassen - eine extrem kostspielige Angelegenheit: Etwa 500.000 Forint (umgerechnet 2.170 Euro) kostete der Quadratmeter Land. Für das Geld hätte die Regierung auch in guter Lage in Budapest Wohnungen erwerben können, rechnen Kritiker des Siedlungsprojektes vor. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
Wäsche hängt zum trocknen auf einer Leine
Denjenigen, denen die Regierung einen Neuanfang zutraute, wurde ein Häuschen in Ocsa vermietet. Gänzlich hoffnungslose Fälle, bei denen eine Entschuldung aussichtslos schien, sind sofort abgewiesen worden. Bildrechte: MDR/Piroska Bartos
Ein Holzhaufen in einem Garten
"Wir sind inmitten des Nichts", sagen die Bewohner des Dorfs. In der Stadt Ocsa hat die Wohnanlage den Namen "Dorf der Frankenopfer". Die Siedlung liegt etwa 30 Kilometer südöstlich von Budapest. Ein paar Mal am Tag hält ein Bus am Dorfrand. Er fährt in die Stadt, nach Ocsa. In der Siedlung selbst gibt es keine Arbeitsmöglichkeiten. Viele Einwohner fahren zur Arbeit in die Hauptstadt. Aber schön still sei es hier, sagen die Bewohner, und die Kinder könnten immer im Grünen sein. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
Ein Mann sieht in die Kamera, in Hintergrund ein Haus
Auch Miklos Szantos wollte sich mittels Frankenkrediten eine eigene Wohnung finanzieren. Mit der Bankenkrise aber verlor er alles. Immerhin wurde ihm ein Neuanfang zugetraut und er durfte 2014 mit seiner Familie ins "Dorf der Frankenopfer" ziehen. Szantos ist der Regierung dankbar für das kleine Häuschen im Niemandsland, denn immerhin habe er, wie er sagt, "ein Dach über dem Kopf". Ansonsten sei Ocsa natürlich kein allzu günstiger Wohnort: Kein Geschäft weit und breit und die nächste Schule viele Kilometer entfernt. "Wer kein Auto hat, der kommt von Ocsa nicht fort." Bildrechte: MDR/Piroska Bartos
Ein Mann hantiert an einem Stromzähler
Miklos Szanto am Stromzähler seines Hauses. Mit den Stromzählern im Dorf hat es eine ganz eigenen Bewandtnis: Um die Leute vor einer neuerlichen Verschuldung zu bewahren, muss der Strom mit einer Prepaid-Karte sofort bezahlt werden. Wenn man keine Geld hat, bleibt das Haus finster. Auf diese Weise sollen die Frankenopfer vor einer neuerlichen Verschuldung bewahrt werden.      Bildrechte: MDR/Piroska Bartos
Ein Einfamilienhaus
Heizungen und fließend warmes Wasser haben die Häuser nicht. Geheizt wird mit Holz. Und mit Holz muss auch das Wasser erhitzt werden. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
Gestapeltes Brennholz an einer Hauswand
Einen Ofen hat immerhin jedes Haus. An den Hauswänden haben die Dörfler das Brennholz gestapelt. Bildrechte: MDR/Piroska Bartos
Eine Satellitenschüssel an einem Dach
Fernsehen gibt es natürlich, wie die Satellitenschüssel an einem der kleinen Häuser verrät. Aber wer Fernsehen will, muss vorher natürlich seinen Obolus am Stromzähler entrichten. Bildrechte: MDR/Piroska Bakas
Eine Küche
Die Häuser sind relativ klein. 50 Quadrameter beträgt die Wohnfläche. Manche Familien wohnen zu dritt, andere zählen sechs oder sieben Personen. Die Mieten sind ausgesprochen moderat: Etwa 17.000 Forint beträgt die monatliche Miete (umgerechnet knapp 54 Euro). Sollte ein Mieter sechs Monate lang die Mietzahlungen schuldig bleiben, droht aber auch in Ocsa der Rauswurf. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
Ein Beet in einem Garten
In den kleinen Gärten haben die Bewohner Obstbäume gepflanzt und Beete angelegt. Schuppen oder Unterstände dürfen sie nicht errichten. Auch an den Häusern selbst darf nichts verändert werden. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
Kinder auf einem Spielplatz, dahinter Einfamilienhäuser
Wachsen wird das "Dorf der Kreditopfer" aber nicht mehr: Weil sich zu wenige Bewerber für die Häuser meldeten, wurde das Projekt vorzeitig beendet; statt der geplanten 500 wurden nur 80 Häuser errichtet. Warum sich so wenige meldeten? - Die strengen Anforderungen, die der Staat stellte, konnten nur wenige Kreditopfer erfüllen - etwa ein geregeltes und relativ hohes Einkommen, um die Schulden zügig tilgen zu können. Vielen Kreditopfern war das Dorf aber auch einfach zu ungünstig gelegen. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
Ein Kind auf einem Spielplatz
Bei all den Nachteilen, die der Wohnpark aufweist - versöhnlich stimmt die Familien in Ocsa vor allem eines: Dass sie ihren Kindern die Mietrechte an den Häusern vererben dürfen, so dass diese vielleicht nie in eine so existentielle Notlage geraten können wie sie selbst.

Über dieses Thema berichtete der MDR in YOUROPE: 14.03.2015, 14.00 Uhr

(Zuerst veröffentlicht am 10.04.2017)
Bildrechte: MDR/Piroska Bakos
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