Russland 15 Millionen Russen trinken gepanschten Alkohol

In Irkutsk starben mehr als 50 Menschen an einer Alkoholvergiftung - sie hatten eine Lotion getrunken. Warum aber trinken so viele Russen Parfüm oder alkoholhaltige Reinigungsmittel? - Ein Interview mit dem Experten Vadim Drobiz.

15 Millionen Russen trinken Schätzungen zufolge gepanschten Alkohol oder Alkohol-Surrogate wie Lotions oder Reinigungsmittel, weil sie billiger sind als Wodka. Aber diese Produkte sind gefährlich - jährlich sterben etwa 15.000 Russen an einer Alkoholvergiftung. Im sibirischen Irkutsk starben jüngst mehr als 50 Menschen an einer Alkoholvergiftung - sie hatten einen Badezusatz namens "Hagedorn" getrunken, der mit Methylalkohol und Frostschutzmitteln vermischt war und insgesamt 90 Prozent Alkohol enthielt. In Irkutsk wurde daraufhin der Notstand ausgerufen. Der Sprecher Wladimir Putins sprach von einer "schrecklichen Tragödie".

Heute im Osten sprach mit Vadim Drobiz, Direktor des Moskauer "Zentrums zur Erforschung der regionalen und föderalen Alkoholmärkte" (CIFFRA).

Nachdem 50 Menschen in Irkutsk an einer Alkoholvergiftung starben, sind so genannten Spirituosen-Surrogate wie Hagedorn-Lotion ins Rampenlicht gerückt. Warum trinken Russen solche Produkte überhaupt.

Für mich gibt es hierfür eine einfache Erklärung. Nehmen wir Deutschland. Dort kann sich rein rechnerisch ein Arbeitsloser von seinem Einkommen pro Monat etwa 80  Flaschen billigen Schnaps im Supermarkt kaufen. In Russland kann sich ein Arbeitsloser maximal 20 Flaschen leisten. Wer einen Mindestlohn bekommt, kann sich 30 leisten. Für einen Durchschnittslohn in der Provinz bekommt man vielleicht 70-80 Flaschen.

Die Menschen weichen also auf Surrogate aus ...?

In Russland trinken fast 15 Millionen Menschen regelmäßig Spirituosen-Surrogate, die eigentlich eine andere Verwendung haben, entweder als Kosmetik oder Arznei. In Wirklichkeit werden sie zu 90% zum Trinken gekauft. Normalerweise sind sie nicht gefährlicher als normaler Fusel. Auf Wodka umgerechnet liegt ihr Preis aber um bis zu 75 Prozent niedriger. Die Menschen trinken diese Produkte bewusst, um Geld zu sparen. Der Grund sind also die niedrigen Löhne und die hohen, regulierten Alkoholpreise, die für diese Produkte aber nicht gelten, weil sie ja kein Alkohol sind.

Ist diese Massenvergiftung in Irkutsk also kein Einzelfall?

Vadim Drobiz
Alkohol-Experte Vadim Drobiz Bildrechte: boerse.ARD.de

Immer wieder passieren solche Tragödien. Vor wenigen Wochen hatte in Pensa ein Restaurantbesitzer methanolhaltigen Rum gekauft. Daran sind sechs Menschen gestorben. Aber solche Geschichten passieren überall auf der Welt. In Tschechien und Estland gab es in den vergangenen Jahren ähnlich schlimme Fälle. Das Problem in Russland sind nicht einmal die Fälle, bei denen es um die mangelnde Qualität des Produkts geht. In 90 Prozent der Alkoholvergiftungen geht es schlicht und ergreifend um die Menge, die getrunken worden ist. Dennoch gibt es insbesondere bei illegal gekauftem Alkohol, der nicht im Supermarkt oder im Fall von Ersatz-Spirituosen in Apotheken oder Ähnlichem verkauft wird, immer ein Restrisiko. In Irkutsk wurden die Hagedorn-Fläschchen zum Beispiel über Straßenkioske verkauft. Wer diese Fläschchen in der Apotheke kauft, kann davon ausgehen, dass ihm nichts passiert.

Wie hat sich der Trend in den vergangenen Jahren entwickelt? Trinken die Menschen mehr illegalen Alkohol?

2007 wurden noch 1,9 Milliarden Liter Wodka legal im Einzelhandel verkauft. 2015 waren es nur noch 920 Millionen Liter. Beim besten Willen, selbst wenn man die demografische Entwicklung und den Trend zu einem gesünderen Lebenswandel mitrechnet, kann eine Milliarde Liter nicht einfach irgendwohin verschwinden... Entsprechend stark ist im gleichen Zeitraum aber der Markt für Spirituosen-Surrogate, wie eben die besagten Lotions, von 300 Millionen auf 850 Millionen Liter gestiegen. Schuld daran sind nicht nur die beiden Wirtschaftskrisen von 2008, 2009 und der Heutigen, sondern auch die staatliche Politik der Alkoholsteuer, die es für die Ärmsten unter uns unerschwinglich macht, seiner Sucht mit legalem Alkohol zu frönen.

Was kann der Staat Ihrer Ansicht nach tun?

Das Problem ist ja: Wenn es um die ärmsten und untersten Schichten unserer Gesellschaft geht, dann hören diese Menschen ja nicht auf zu trinken, wenn der Staat die Verfügbarkeit von Alkohol einschränkt. Sie suchen sich keine andere Beschäftigung, sondern weichen auf Alternativen aus, zum Beispiel die illegale Alkoholproduktion oder sie kaufen Selbstgebrannten bei ihrem Nachbarn. Gerade hier kommt aber die Gefahr solcher Vergiftungen wie in Irkutsk ins Spiel, weil der Produktionsprozess bestenfalls halbprofessionell abläuft. Die einzig wirksame Alternative wäre es, billigen, dafür aber offiziell hergestellten Schnaps am Markt zuzulassen.

Geschäft in Russland.
Schnapsladen im sibirischen Irkutsk. Bildrechte: IMAGO

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2017, 11:01 Uhr

Wodka für St. Petersburg 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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