Arbeitskräftemangel am Balaton

Den Hotels und Restaurants am Balaton gehen die Arbeitskräfte aus. Gründe sind geringe Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. Was heißt das für deutsche Urlauber und wie sieht es vor Ort aus? Unser Ostbloggerin Piroska Bakos hat sich umgeschaut.

von Piroska Bakos

Osteuropa

Piroska Bakos 1 min
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Di 18.07.2017 23:23Uhr 00:51 min

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Urlaub am Balaton. Erinnern Sie sich noch? Wasser, Strand, segeln, lecker Fisch und guter Wein. Sie können beruhigt sein, daran hat sich nichts geändert. Jedoch sind viele Fachkräfte verschwunden. Kellner, Verkäufer, Rezeptionisten und Köche, die einst am Balaton gearbeitet haben, arbeiten heute in ungarischen Großstädten oder im Ausland – vielleicht ja so sogar in Ihrer Nachbarschaft in Deutschland. Schuld sind der geringe Lohn in Ungarn und die schlechten Arbeitsbedingungen. Wer also bald am Balaton Urlaub machen will, könnte eine böse Überraschung erleben.


Der Verdienst Am Balaton - deutsch Plattensee - bekommt ein Kellner in einem “normalen” Restaurant durchschnittlich 600-650 Forint pro Stunde, das sind umgerechnet etwa zwei Euro. Ein Koch bekommt etwa 1,50 Euro und eine Aushilfe nicht einmal 1 Euro pro Stunde. Hinzu kommt noch das Trinkgeld. Aber selbst damit sind sie immer noch nicht annähernd auf West-Niveau.

Wenn das Personal fehlt, leidet der Service. Da kann es schon mal vorkommen, dass man länger auf sein Essen warten muss oder es gar kein Essen gibt. Einige Restaurants und Bars machen nämlich erst im Spätsommer auf, weil sie schlicht kein Personal haben - oder bleiben dieses Jahr ganz geschlossen. Immer mehr Gymnasiasten und Studenten helfen aus. Das erfahrene Personal fehlt.

Die Arbeitsbedingungen

Wenn man außerdem noch beachtet, dass viele Kellner und Gastro-Kräfte mindestens zehn bis zwölf Stunden ohne Ruhetag arbeiten, bei 40-45 Grad Hitze neben dem Backofen und das noch ohne Klimaanlage, dann wird schnell klar, warum das kein attraktiver Job ist.


Die Saison Am Balaton dauert die Saison etwa acht Wochen. Sie beginnt wetterbedingt irgendwann im Juni und endet schon mit dem Nationalfeiertag am 20. August.

Was tun?

Ich will wissen, wie Restaurants und Hotels mit dem Arbeitskräftemangel umgehen. Doch an vielen Orten habe ich kein Glück, das Thema verheißt schlechte Presse. Niemand will mir ein Interview geben. Bei meiner Recherche erfahre ich, dass etliche Hotelmanager nach Ost- und Südungarn fahren, um Fachkräfte und Aushilfe zu rekrutieren. Jedoch mit wenig Erfolg. So gibt es für die Arbeiter zum Beispiel keine billigen Wohnheime am See, um nur ein Hindernis zu nennen.

Blick auf den Balaton 1 min
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Mi 19.07.2017 08:38Uhr 00:27 min

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Familienunternehmen

Hami-Buffet in Balatonudvari am Balaton
Hami-Buffet in Balatonudvari am Balaton. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei einem Besuch am Nordufer des Balatons suche ich weiter nach Antworten. In zwei Strand-Bistros spreche ich mit dem Personal über den Arbeitskräftemangel und darüber, wie sie damit umgehen. “Wir betreiben ein Familienunternehmen, ich bin hier vorne, mein Bruder leitet die Küche hinten”, sagt Bokanyi, Besitzer des "Hami"-Strandbuffets in Balatonudvari. Familie ist bei ihm das Geheimnis: "Wir haben Glück, dass mein Bruder kocht. Heutzutage einen erfahrenen, gelernten Koch zu bezahlen und zu behalten, ist fast unmöglich hier. Das benachbarte Buffet wird auch von einem Vater und seinen zwei Söhnen geführt. Ich glaube, 80 Prozent der Strandläden werden von Familien betrieben. Nur so schafft man das."

Jobs im Ausland

Weiter geht’s. Zwei junge Kellner bewegen sich schnell und selbstsicher zwischen den Bänken. Der eine heißt Barnabas und ist 24 Jahre jung. In der letzten Wintersaison hat er mit seiner Freundin in einem österreichischen Skiresort gearbeitet. Im November will er auf jedem Fall zurück.

Im Sommer kann man im Ausland etwa doppelt so gut verdienen wie hier. Im Winter gibt's dagegen nur wenig Arbeit. Im Ausland bekommt man das 5 bis 6-fache Geld. Das lohnt sich also absolut.

Barnabas, Kellner

Aber "das größte Problem sind die Arbeitgeber selbst. Sie zahlen einfach nicht genug. Sie wollen innerhalb von zwei Monaten so viel Profit machen, dass das ganze Jahr abgedeckt ist", sagt mir der junge Kellner. Und er ergänzt: anstatt die Fachkräfte ordentlich zu bezahlen, würden die Retaurant- und Imbissbetreiber oft nur ungelernte Schüler und Studenten nehmen, die versuchen, die Arbeit irgendwie zu erledigen.

Ein Glück, denke ich, dass der junge Barnabas hier aufgewachsen ist und immer wieder zurückkehrt, weil er den See und das Balaton-Feeling so liebt. 

Die Maßnahmen

Ein weiteres Problem ist die Schwarzarbeit. Arbeitskräfte sind zum Beispiel nur für vier Stunden Arbeit am Tag angemeldet, um die in der Tat hohen Steuerabzüge sowie die Beiträge für den Arbeitgeber zu drücken. Das ist die andere Seite der Medaille. Denn für gastronomische Dienstleistungen galt bisher eine Mehrwertsteuer von 27 Prozent – und damit die überhaupt höchste der Welt. Ab 2017 sind es nur noch 18 Prozent, eine kleine Erleichterung für alle Arbeitgeber. Um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken, will die Regierung die Mehrwertsteuer sogar noch weiter senken.

Das Problem der extrem kurzen Saison wird damit aber natürlich nicht gelöst. Da spielen Eigeninitiativen eine große Rolle, wie im Fall des Strandbistro "Pirat". Das letzte Jahr war für Betreiberin Nikoletta sehr hart, sie bekam kaum genügend Personal und wechselte in diesem Jahr die Strategie.  

Strandbistro Kalóz am Balaton
Das Strandbistro “Pirat” von Nikoletta am Balaton. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Jahr haben wir den Laden früher aufgemacht, am 29. April. Das hat zwei Gründe: Einerseits, um die Saison zu verlängern. Andererseits, um den Tresenkräften oder Küchenhilfen eine Perspektive zu geben.

Nikoletta Betreiberin des Strandbistro "Pirat“ in Fövenyes

Fish and Chips statt Langos

Außerdem setzt sie auf Neues. Die traditionellen Buffetangebote wie Langos, Palatschinken und den eigentlichen Meeresfisch Seehecht ("Hekk") hat sie völlig ignoriert. In einem schicken Bistro setzt sie stattdessen auf unbekannte Speisen. Das sorgte landesweit für Schlagzeilen. Ihr "Fish and Chips" aus Wels wurde sofort zum Strandgericht des Jahres gekürt und ist mittlerweile berühmt. Das kommt einer kleine "Gastro-Revolution“ am Balaton gleich, mit der sie diesen Sommer sogar einen Meisterkoch anlocken konnte.

Doch trotz ihres Engagements, am Fachkräftemangel in der Region insgesamt wird sie nichts ändern können. Da brauche man weitere Initiativen der Politik, so Nikoletta.

Diesen Sommer: etwas mehr Gelassenheit

Also, liebe Leser, wenn sie dieses Jahr nach Ungarn zum Balaton fahren und dort essen gehen, zeigen Sie bitte etwas mehr Geduld, wenn sie von jemanden bedient werden, der früher wahrscheinlich noch nie in seinem Leben ein Restaurant oder eine Gastro-Küche von innen gesehen hat. Denken Sie daran, wie schlecht sie verdienen und wie wenig attraktiv der Job eigentlich ist. Hoffentlich bleibt es nicht ewig so.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in HEUTE IM OSTEN - DIE REPORTAGE: "WIR UNGARN" | 11.03.2017 | 18:00 Uhr

(Zuerst veröffentlicht am 19.07.2017)

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 16:17 Uhr