Russland Der falsche Terrorist

Wegen seines Äußeren gilt ein unschuldiger Mann als Verdächtiger des Petersburger Anschlags. Selbst als der Schuldige feststeht, setzen Medien die Hetzjagd fort. Am Ende müssen sich einige Journalisten entschuldigen.

von Maxim Kireev

Diesen Urlaub in Sankt Petersburg wird Iljas Nikitin wohl nie vergessen. "Ich wollte mir die Stadt angucken, jeden Winkel von ihr, schließlich ist es die Kulturhauptstadt Russlands mit vielen Sehenswürdigkeiten", erklärte Nikitin in einem Interview mit dem Nachrichtenportal "Realnoe Vremya".

"Der Terrorist mit Kappe"

Es war der 3. April 2017. Am frühen Nachmittag nahm Nikitin die Metro, blaue Linie, Richtung Innenstadt. An der Sennaja Ploschad stieg er wieder aus. Videos von Überwachungskameras, die später an die Öffentlichkeit gelangten, dokumentieren das. Wenige Minuten später knallte es im Tunnel, zwischen Nikitins Station und dem U-Bahn-Halt Technologisches Institut. Ein Selbstmordattentäter riss 13 Menschen mit in den Tod, Dutzende Menschen wurden verletzt. "Als ich davon im Netz gelesen habe, wusste ich sofort, dass der Verdacht auf mich fallen wird", sagt Nikitin. Das Problem: Der Russe ist streng gläubiger Moslem. Entsprechend war er an diesem Tag auch wieder gekleidet: Schwarze Kluft, darüber einen schwarzen Mantel, auf dem Kopf eine schwarze tatarische Kappe, Tjubitejka genannt. Sein Gesicht umrahmt ein langer Bart. Nikitin ging sofort zur Polizei, um sich zu erklären. Doch es war bereits zu spät. Denn die Videos von Überwachungskameras kursierten bereits im Netz. "Der Terrorist mit Kappe", titelte die Boulevardpresse.

Angespanntes Verhältnis der Russen zum Islam

Muslime beten in einem Park
Muslime beten in einem Park in Sankt Petersburg Bildrechte: IMAGO

Zwar sind Muslime in Russlands Straßenbild keine Ausnahme. Mehr als zehn Millionen Anhänger dieser Religion leben im Land, vor allem in den muslimisch geprägten Regionen und in Russlands Großstädten. Mehrere Millionen kamen in den letzten 20 Jahren zudem als Gastarbeiter und Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. Doch das Verhältnis der ethnischen Russen zum Islam, insbesondere zu seinen strenggläubigen Anhängern, ist, gelinde gesagt, angespannt. Nach Anschlägen kommt es immer wieder vor, dass Menschen aus einem U-Bahn-Waggon aussteigen, wenn sie dort verhüllte Frauen sehen. Selbst weltoffene Großstädter berichten nur zu oft, auch sie hätten ein mulmiges Gefühl in solchen Situationen. Schließlich gab es allein in Moskau schon mehrere islamistische Anschläge auf die Metro. Nikitins Beispiel zeigt beinahe exemplarisch, wie diese Vorverurteilung funktioniert. 

Bemerkenswert ist auch, dass Nikitin schon selber ahnte, was sein Äußeres im Zusammenhang mit dem Terroranschlag für ihn bedeuten könnte, schließlich ging er zur Polizei, noch bevor er sein eigenes Bild im Fernsehen sah. Als Nikitin dann am Abend ein Flugzeug nach Moskau nehmen wollte, protestierten einige Mitreisende, weshalb die Fluggesellschaft Rossija ihn vorerst am Flughafen sitzen ließ. Das bereits klar war, dass Nikitin mit den Anschlägen nichts zu tun hatte, konnte weder Passagiere noch den Sicherheitsdienst der Fluggesellschaft beruhigen.

Russlands Sensationspresse verfolgt Nikitin

Verhaftung in St. Petersburg nach dem Anschlag in der Metro
Nach dem Anschlag wird ein Verdächtiger in Sankt Petersburg verhaftet Bildrechte: IMAGO

Einen großen Anteil an dieser Situation hat Russlands Sensationspresse, die Nikitins Heimreise durch Russland verfolgte und ihn auch weiterhin als "Terrorist mit Kappe" bezeichnete. Dabei war schon die Identität des Attentäters bekannt. Am Ende musste Nikitin eine Mitfahrgelegenheit nutzen, um von Moskau in seine Heimatstadt Kumertau, 1.500 Kilometer östlich von Moskau, zu kommen. Auch in der russischen Hauptstadt wurde er noch einmal kurz von der Polizei festgehalten, angeblich wegen eines veralteten Fahndungsfotos. "Als ich dann irgendwann zu Hause ankam, belagerten schon wieder Boulevardjournalisten meine Wohnung und wollten mir irgendwelche Fragen stellen", beklagt Nikitin. Zwischenzeitlich berichteten Medien gar, Nikitin habe nach dem Vorfall seinen Job als Fernfahrer verloren, was allerdings nicht stimmt.

Wer ist Terrorist, wer friedlicher Mitbürger?

Die trostlose Geschichte könnte dennoch ein halbwegs gutes Ende nehmen. Als der Rummel um Nikitin nicht aufhören wollte, haben sich manche Journalisten für ihre voreiligen Berichte in den Stunden nach dem Anschlag entschuldigt. In einem Radiointerview mit einem Bekannten des falschen Verdächtigen baten etwa die Reporter der Boulevardzeitung "Komsomolskaja Pravda" um Verzeihung dafür, dass sie anfänglich die Bilder von Nikitin ebenfalls verbreitet hatten. Der staatliche "Erste Kanal" stellte in einer Collage die Bilder des Attentäters, bekleidet mit rotem Parka, Brille und blauer Mütze und die des unschuldigen Iljas Nikitin gegenüber. Darunter stand: "Rate mal, wer ein Terrorist und wer ein friedlicher Mitbürger ist?"

Über dieses Thema berichtet MDR auch in MDR Aktuell: 03.04.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2017, 09:56 Uhr

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