Vom Staat erbaute Wohnsiedlung fuer Fremdwaehrungskreditgeschaedigte, deren Haueser zwangsversteigert wurden und denen Obdachlosigkeit drohte.
Leben im "Wohnpark Ócsa" Bildrechte: IMAGO

Ungarn Mit Schweizer Franken zur Eigentumswohnung

Von 2005 an finanzierten sich Hunderttausende Ungarn ihre eigenen vier Wände mit günstigen Krediten in Schweizer Franken. Zunächst schien dies auch ein gutes Modell zu sein. Doch dann kam die internationale Bankenkrise …

Vom Staat erbaute Wohnsiedlung fuer Fremdwaehrungskreditgeschaedigte, deren Haueser zwangsversteigert wurden und denen Obdachlosigkeit drohte.
Leben im "Wohnpark Ócsa" Bildrechte: IMAGO

In der Nähe von Ócsa, einer kleinen Stadt, zwanzig Kilometer südöstlich von Budapest gelegen, wird seit 2013 eine Siedlung mit dem durchaus wohlklingenden Namen "Wohnpark Ócsa" errichtet: 500 Einfamilienhäuser, weiß getüncht, mit roten Dächern und braunen Fensterrahmen, zwischen 50 und 70 Quadratmeter groß. Zu jedem der in Reih und Glied stehenden Häuschen gehört ein handtuchbreiter Vorgarten. Finanziert wird der Wohnpark freilich nicht von einem Investor, der auf gute Gewinne hofft, sondern vom ungarischen Staat – und zwar für Familien, die sich mit Krediten in Schweizer Franken übernommen und ihre Wohnungen und Häuser verloren haben. "Dorf der Frankenopfer" wird der Wohnpark daher von den Einheimischen genannt.

Brachliegender Immobilienmarkt

Um zu verstehen, was passiert war, muss man zurückschauen - bis in die 1990er-Jahre. Damals lag der ungarische Immobilienmarkt weitestgehend darnieder und die Bausubstanz verrottete. Städte und Gemeinden hatten etliche der ehedem staatlichen Wohnungen an ihre Bewohner übertragen, denen aber das Geld fehlte, ihre Immobilien zu sanieren; andererseits konnten viele Ungarn, die gern Wohneigentum erworben hätten, aber nicht über ausreichend Kapital verfügten, nicht auf die Hilfe von Banken rechnen. Kreditgeschäfte gab es damals nämlich kaum, weil aufgrund der hohen Auslandsverschuldung Ungarns die Zinssätze sehr hoch und daher für die meisten unerschwinglich waren. Für die Ungarn war das ein empörender Zustand, gilt es dortzulande doch als durchaus prekär, lediglich zur Miete zu wohnen - die eigenen vier Wände sind eigentlich selbstverständlich.

Zauberwort Fremdwährungskredit

Die erste Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orban legte daher Ende der 1990er-Jahre ein Programm für junge Familien auf, die eine staatliche Unterstützung beantragen konnten, wenn sie einen Wohnungskredit aufnahmen. Doch die Auflagen waren streng, die Nachfrage dementsprechend gering. Als Ungarn 2004 der EU beitrat, kam plötzlich ein Zauberwort auf: Fremdwährungskredite. Die schienen das Allheilmittel zu sein, mit dem der brachliegende Immobilienmarkt des Landes aufzuwecken sei. Und genau so geschah es auch: Der Immobilienmarkt boomte. Privatleute nahmen Kredite in Schweizer Franken für Häuser und Wohnungen auf und Kommunen errichteten Einkaufszentren und Schwimmbäder.

Mit Schweizer Franken zur Eigentumswohnung

Fremdwährungsbasierte Kreditverträge sind solche, bei denen sich der Darlehensnehmer in einem bestimmten Zeitraum in einer niedriger verzinslichen Fremdwährung verschuldet. Und genau das passierte von 2005 an in Ungarn. Weil Forint-Kredite unverschämt teuer waren - mitunter verlangten die Banken zehn Prozent Zinsen -, Darlehen in Schweizer Franken hingegen schon für rund drei Prozent Zinsen zu haben waren, rieten die Geldinstitute ihren Kunden, Kredite in Franken aufzunehmen. Zudem war der Umrechnungskurs mit 1 Franken zu 150 Forint durchaus moderat. Und so nahmen rund eine Million Ungarn das Angebot dankbar an. Zwar warnte der Präsident der Schweizer Nationalbank, Jean Pierre Roth, die ungarische Regierung 2005 in einem Brief ausdrücklich vor den unüberschaubaren Risiken von Fremdwährungskrediten. Doch sowohl Privatleute als auch Kommunen und Städte blendeten die existenzbedrohenden Gefahren konsequent aus. Und ohne die Krise auf den internationalen Finanzmärkten wäre das Kalkül der Ungarn möglicherweise sogar aufgegangen.

Seid Ihr verrückt? Wisst Ihr, worauf Ihr Euch da einlasst?

Jean Pierre Roth

Im Strudel der Finanzkrise

Doch 2008 geriet auch Ungarn in den Strudel der internationalen Finanzkrise. Um zahlungsfähig zu bleiben, musste der Staat um Unterstützung des IWF bitten. Der Wert des Forint sank rapide, der Kurs des Franken stieg immens an, da weltweit viele Anleger in die vergleichsweise sichere Schweizer Währung flüchteten. Und wenn die Nachfrage nach einer Währung zunimmt, steigt dementsprechend auch ihr Kurs. Der Forint verlor gegenüber dem Franken in jenen Jahren gut 70 Prozent  seines Wertes. Das wirkte sich ausgesprochen fatal auf die ungarischen Kreditnehmer aus: Die einstmals günstigen Fremdwährungskredite verteuerten sich ebenso wie die Tilgungsraten. Hinzu kam, dass die Banken aufgrund der unsicheren Verhältnisse höhere Zinsen festsetzten und die Gebühren drastisch erhöhten.

Dennoch lief das Geschäft mit den Fremdwährungskrediten noch ein Jahr weiter – als hätten die Banken und auch die Ungarn selbst nicht wahrhaben wollen, dass der Traum vom billigen Geld ausgeträumt war. Dann war aber unweigerlich die Stunde der Wahrheit gekommen.

Zwangsräumungen und Massenproteste

Demonstranten tragen eine Schild " Das Zeitalter unseres Herrn ist gekommen, eures ist zu Ende !!!"
Fremdwährungskredit-Geschädigte demonstrieren 2013 vor dem staatlichen Rundfunk in Budapest. Bildrechte: IMAGO

Für die überwiegende Mehrheit der rund eine Million Ungarn, die einen Fremdwährungskredit in Schweizer Franken aufgenommen hatten, bedeuteten die neuen Konditionen den finanziellen Ruin. Sie waren nicht in der Lage, die Kredite auch nur annähernd zu tilgen. Manchen Kreditnehmern verblieben nach Abzug der Kosten für den Kredit gerade noch umgerechnet zwei Euro monatlich. Eine gigantische Welle von Zwangsvollstreckungen und Zwangsräumungen schien über das Land hereinzubrechen.

Seit 2010 handelte die ungarische Regierung in regelmäßigen Abständen Moratorien mit den Banken aus, um fällige Vollstreckungen aufzuschieben, die nach geltendem Recht fällig gewesen wären. Ende 2011 sollen knapp eine Million Ungarn (bei einer Gesamtbevölkerung von zwölf Millionen!) von Zwangsräumung bedroht gewesen sein. Sie alle umgehend auf die Straße zu setzen, war tatsächlich unmöglich – es hätte Massenproteste im ganzen Land gegeben, die den sicheren Sturz der Regierung bewirkt hätten. Und ob Polizei und Justiz bei den massenhaften Zwangsräumungen überhaupt mitgetan hätten, wäre zudem sehr fraglich gewesen. Desungeachtet kam es zu Tausenden Zwangsräumungen. 

Kredittilgung zum festgesetzten Wechselkurs

2011 gab die Fidesz-Regierung unter Ministerpräsident Orban den Kreditnehmern die Möglichkeit, ihre Kredite vorzeitig komplett zu einem festgesetzten Kurs von einem Franken zu 180 Forint zu tilgen. Das war ein tatsächlich günstiges Angebot, denn zu jener Zeit musste man für einen Franken bereits 250 Forint hinblättern. Eine Bedingung war an dieses Angebot allerdings geknüpft: Die Restschuld musste binnen eines halben Jahres aufgebracht werden. Etwa 250.000 Ungarn nahmen das Angebot ihrer Regierung dankbar an. Die Banken kostete Orbans Angebot an die Schuldner, das ihm viel Sympathie in Ungarn einbrachte, umgerechnet 1,6 Milliarden Euro. Die Mehrheit der ungarischen Kreditnehmer blieb jedoch auf den Schulden sitzen, ohne große Hoffnung, sie jemals loszuwerden.

Orban gegen die Banken

2014 erließ die Regierung Viktor Orban ein weiteres Gesetz, in dem es hieß, dass Fremdwährungskredite langfristig zu einem festgesetzten Zinssatz getilgt werden könnten. Zu den alten Zinsen und Gebühren. Insgesamt ging es um ein Kreditvolumen von über 1,8 Billionen Forint. Bei den ungarischen Kreditnehmern machte sich Ministerpräsident Orban mit diesem Vorschlag sehr beliebt. Bei den Banken und an der Börse sorgten Orbans Pläne jedoch für Aufruhr. Bankensprecher taxierten schon einmal den zu erwartenden Schaden auf mehr als zwei Milliarden Euro. Und drohten unverhohlen damit, Kreditvergaben nach Ungarn künftig sehr genau prüfen zu wollen. Orban focht das nicht an. Im Gegenteil.

Ungarn als Vorbild

Ein Jahr später, im Frühjahr 2015, band Ungarn den Forint, um die privaten Schuldner nicht noch schlimmer zu belasten, an den weiter rasant an Wert gewinnenden Franken. Zehntausende Familien können nun endlich „ruhig schlafen“, feierte der ungarische Ministerpräsident den Coup seiner Regierung. Im Ausland, in Polen und Kroatien, wo ebenfalls Hunderttausende Familien Fremdwährungskrediten aufgenommen hatten, die sie kaum mehr in der Lage sind zurückzuzahlen, wird Orbans Kurs mittlerweile als revolutionär gefeiert. Das oft kritisierte Ungarn steht mit seiner Bankenpolitik plötzlich als Vorbild da.   

Chance auf Neubeginn

"Ruhig schlafen", wie ihnen ihr Ministerpräsident verheißt, können die Leute im  "Wohnpark Ócsa" trotz der rustikalen Bankenpolitik ihrer Regierung kaum. Wer hier gestrandet ist, hat alles verloren. Und gehört doch zu den denjenigen, denen ein Neuanfang zugetraut wird. Hoffnungslose Fälle werden nämlich strikt abgewiesen. Schnell wird dieser Neuanfang indes nicht zu bewerkstelligen sein. Es kann Jahre, mitunter gar Jahrzehnte dauern, bis die letzte Rate für das längst verlorene Eigenheim abbezahlt ist. Bis dahin müssen sie die Familien in den winzigen Häuschen leben, ohne Heizung und warmes Wasser. Der Strom muss übrigens mit einer Prepaid-Karte sofort bezahlt werden. So sollen die Frankenopfer vor einer neuerlichen Verschuldung bewahrt werden.     

Quellen: Plötzlich ist Ungarn ein Vorbild, in: FAZ, 22. 01.  2015; Das Dorf der Frankenopfer, in: Tagesanzeiger, 10. 05. 2013.

(Der Artikel erschien am 22. 05. 2015)

Über dieses Thema berichtete der MDR in "Yourope": 14.03.2015 | 14.00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2015, 15:23 Uhr