Flüchtlinge an der serbisch-ungarischen Grenze: "Ausgeplündert, verprügelt, erniedrigt"

Massenhaft versuchen in Serbien gestrandete Flüchtlinge, nach Ungarn zu kommen. Sie werden aufgegriffen und von Ungarn nach Serbien zurückgeschickt. Hilfsorganisationen sprechen inoffiziell von "organisierter Tortur".

von Andrej Ivanji

Handy-Display
Foto eines verletzten pakistanischen Flüchtlings in Belgrad Bildrechte: Andrej Ivanji

Es hat sich unter den Flüchtlingen in Serbien herumgesprochen: Die Ungarn errichten eine zweite Zaunreihe an der Grenze; die Ungarn haben die Grenzkontrollen noch mehr verschärft; die Ungarn bauen Internierungslager (das Parlament hat zudem gerade einen dazu passenden Beschluss gefasst). Aber auch: In Ungarn würden Flüchtlinge ausgeplündert, verprügelt und gefoltert – angeblich sogar von der Polizei. Es werde immer schwieriger, über Ungarn nach Westeuropa zu kommen.

Die ungarische Regierung hat bisher alle Vorwürfe über Gewalt gegen Flüchtlinge zurückgewiesen. Die Runde machen sie trotzdem. Und: Trotz der Gerüchte will kaum jemand aufgeben. Die meisten versuchen es immer wieder. Das Schleppergeschäft blüht. Dabei: Es gibt keine Garantie für die oft im voraus bezahlten "Dienstleistungen".

"Ich bin enttäuscht von Europa"

Mann von hinten
Der 14-jährige Muhamednabi Parakzai stammt aus Afghanistan. In Miksaliste darf man die Gesichter von Minderjährigen nicht fotografieren. Bildrechte: Andrej Ivanji

Der vierzehnjährige Muhamednabi Parakzai hat sich vor einem halben Jahr aus Afghanistan nach Europa auf den Weg gemacht. Seit vier Monaten ist er in Serbien, schlief zunächst in verlassenen Lagerhallen hinter dem Belgrader Hauptbahnhof und ist erst seit kurzem in Zelten untergekommen, die die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" (Medecins Sans Frontiers, MSF) in der Nähe errichtet hat. Dreimal hat er es versucht, mit einigen Freunden über die ungarische Grenze zu kommen. Zweimal haben sie den Zaun durchgeschnitten, wurden von den Grenzpolizisten geschnappt und nach Serbien abgeschoben. Nun hat er es ein drittes Mal versucht – mit beinahe fatalen Folgen: "Man hat uns erwischt. Zuerst haben sie uns Handys und Geld weggenommen. Dann haben sie uns gesagt, uns auf die Erde zu legen", erzählt Muhamednabi. Sie hätten gehorcht, dreizehn Flüchtlinge. Man habe ihnen eine Flüssigkeit über die Köpfe gegossen, Fanta oder Cola. Und dann hätten die ungarischen Grenzpolizisten sie getreten und geschlagen, mit Händen und Stöcken: "Sie haben sich richtig ausgetobt", erzählt der Junge. Danach habe man ihn mit anderen in einen Kombi gesteckt, wo die Schikanen fortgesetzt worden seien. Schließlich sei man über die Grenze nach Serbien gebracht und aus dem Auto geworfen worden. Er sei  am Bein und an der Schulter verletzt worden, sagt er. Ein Freund habe einen Schädelbruch erlitten, vier aus der Gruppe seien immer noch im Krankenhaus: "Es geht ihnen nicht gut", erzählt Muhamednabi. Das alles geschah vor knapp drei Wochen. "Die ungarischen Polizisten sind brutaler und unmenschlicher als die afghanische Polizei. Ich bin enttäuscht von Europa", resümiert Muhamednabi. Er will es aber wieder versuchen nach Deutschland zu kommen. Was solle er denn anderes tun?

Flüchtlinge im Miksalište in Belgrad

Miksalište ist ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge. Es wird von Hilfsorganisationen geleitet, die den Flüchtlingen helfen, die in Belgrad gestrandet sind

Menschen, bunte Girlanden
Miksalište, in der Nähe des Belgrader Hauptbahnhofs, ist ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge Bildrechte: Andrej Ivanji
Menschen, bunte Girlanden
Miksalište, in der Nähe des Belgrader Hauptbahnhofs, ist ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge Bildrechte: Andrej Ivanji
Menschen, graue Decken
Viele Flüchtlinge kommen zum Miksalište, um sich vor Regen und Kälte zu schützen und im Warmen auszuruhen. Bildrechte: Andrej Ivanji
Graue Decken, Fähnchen, Schuhe
Das Flüchtlingszentrum wird von mehreren nationalen und internationalen Hilfsorganisationen geleitet. Bildrechte: Andrej Ivanji
Menschen
In Miksalište arbeiten mehrere Hilfsorganisationen zusammen, um Flüchtlingen zu helfen, die täglich nach Belgrad kommen - hauptsächlich aus Afghanistan und Pakistan. Bildrechte: Andrej Ivanji
Tür, Zettel
Eine der Hilfsorganisationen, die sich in Belgrad für Flüchtlinge engagieren, ist "Ärzte ohne Grenzen". Sie haben in Belgrad eine kleine Niederlassung. Bildrechte: Andrej Ivanji
Menschen, Mehrfachsteckdose
Handys sind lebenswichtig für Flüchtlinge... Bildrechte: Andrej Ivanji
Menschen, Mobiltelefon
In Miksalište können sie ihre Geräte aufladen. Bildrechte: Andrej Ivanji
Mann von hinten
Der 14-jährige Muhamednabi Parakzai aus Afghanistan wurde aus Ungarn abgeschoben. Er sagt, ungarische Grenzpolizisten hätten ihn geprügelt und am Bein und der Schulter verletzt. Bildrechte: Andrej Ivanji
Handy-Display
Muhamednabi Parakzai zeigt auf seinem Handy ein Foto von seiner Schulter nach ärztlicher Behandlung. Bildrechte: Andrej Ivanji
Handy-Display
Und er zeigt ein Foto, dass die Kopfverletzungen seines Freundes zeigt, den ungarische Grenzpolizisten geschlagen haben sollen. Bildrechte: Andrej Ivanji
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"Organisierte Tortur"

Bei praktisch allen Hilfsorganisationen in Serbien soll es interne Berichte über die unmenschliche Brutalität an der ungarischen Grenze geben – auch über das Vorgehen der Grenzpolizisten. Offizielle Statements bekommt man allerdings nicht. Ein junger Mann, der für eine der Hilfsorganisationen arbeitet, erzählt, dass vor einer Woche eine sechsköpfige Familie im Niemandsland zwischen Serbien und Ungarn von ungarischen Polizisten windelweich geprügelt worden sei.

Eine Dame von einer anderen Hilfsorganisation berichtet, dass neunzig Prozent aller Flüchtlinge, die in Ungarn geschnappt wurden, mit Wunden nach Serbien abgeschoben werden. Seit einem Monat könne man gar von "organisierter Tortur" reden.

Handy-Display
Muhamednabi Parakzai zeigt auf seinem Handy ein Foto von seiner Schulter nach ärztlicher Behandlung. Bildrechte: Andrej Ivanji

So sei nahe dem ungarischen Ort Asotthalom kürzlich eine Gruppe von über 70 Flüchtlingen festgehalten worden, unter ihnen Frauen und Kinder. Man habe ihnen befohlen, sich auf den Boden zu legen. Dann seien Hunde auf sie losgelassen worden, es habe Prügel und Tritte gegeben. Einigen sei gewaltsam Alkohol eingeflöst worden, einige seien in Ohnmacht gefallen. Von einigen Polizisten habe es danach geheißen: "Welcome to Europe! Enjoy!" Die Tortur soll über vier Stunden gedauert haben. Manche Polizisten sollen dabei Selfies gemacht haben. Viele aus dieser Gruppe seien mit gebrochenen Armen, Beinen und Rippen nach Serbien zurückgekommen.

In Interviews, die Hilfsorganisationen machen, erzählen Flüchtlinge, man habe ihnen in Ungarn Schuhe abgenommen und sie gezwungen, barfuß kilometerweit durch Schnee zu laufen. Geld und Handys würden ihnen gestohlen, die guten Geräte behielten die Polizisten, die schlechten würden weggeworfen.

Schlagstöcke und Pfefferspray

Tür, Zettel
In Belgrad engagiert sich auch die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Bildrechte: Andrej Ivanji

Momčilo Đurđević spricht offen über das, was er und seine Kollegen sehen: "Die meisten Flüchtlinge, die aus Ungarn nach Serbien abgeschoben worden sind und die wir behandeln, haben Wunden von Schlagstöcken, Pfefferspray, Tränengas und Hundebissen", so der Projekt-Referent von "Ärzte ohne Grenzen".  2016 wurden von seiner Organisation 82 aus Ungarn abgeschobene Patienten behandelt – 54 mit Wunden durch Schläge, 24 mit Bisswunden, 15 mit Augenreizungen durch Giftspray. Und: In diesem Jahr habe man allein in den ersten acht Wochen schon 27 solcher Fälle registriert. Dabei sei dies nur die Spitze des Eisbergs, erklärt Đurđević. Die meisten verprügelten Flüchtlinge kämen gar nicht zum Arzt.

In Serbien sind mittlerweile über 8.000 Flüchtlinge gestrandet. 80 Prozent von ihnen befinden sich in offiziellen Camps. Kaum jemand will in Serbien bleiben. Mit besserem Wetter im Frühjahr wird in Serbien ein größerer Andrang von Flüchtlingen, hauptsächlich über Bulgarien erwartet. Das einzige, was den Staaten auf der Balkanroute einfällt: sie massenhaft gegenseitig abzuschieben. Auch wenn das allen möglichen internationalen und nationalen Abkommen und Konventionen widerspricht. Doch es geschieht – unter den Augen der übrigen EU-Staaten.   

So wurden laut UNHCR im Vorjahr über 3.300 Flüchtlinge aus Ungarn nach Serbien abgeschoben. In diesem Jahr waren es bisher schon rund 1.500. Und das sind nur die vom UNHCR registrierten Fälle. Obwohl der Weg wesentlich weiter ist, versuchen es viele Flüchtlinge auch über Kroatien und Slowenien nach Österreich. Doch auch die kroatische Grenze ist fast so dicht wie die ungarische. 2016 wurden rund 1.000 Flüchtlinge nach Serbien abgeschoben. Und auch Serbien selbst schiebt illegal Flüchtlinge ab, hauptsächlich nach Bulgarien.

Menschen, Mehrfachsteckdose
Handys sind lebenswichtig für Flüchtlinge. In Miksalište können sie ihre Geräte aufladen. Bildrechte: Andrej Ivanji

(Zuerst veröffentlicht am 09.03.2017)

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2017, 08:55 Uhr

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