Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Ein Flüchtling im bosnischen Velika Kladuša. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Bosnien-Herzegowina Flüchtlinge in Bosnien: Verprügelt, hungrig und sich selbst überlassen

Die neue Flüchtlingsroute auf dem Balkan führt über Bosnien-Herzegowina. Offiziell sind seit Jahresbeginn rund 20.000 Flüchtlinge ins Land eingereist. Mit Wintereinbruch droht eine humanitäre Katastrophe. Ostblogger Andrej Ivanji hat sich in einem Flüchtlingscamp an der Grenze zu Kroatien umgesehen.

von Andrej Ivanji

Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Ein Flüchtling im bosnischen Velika Kladuša. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Nachdem die Flüchtlingsroute Richtung Westeuropa über Serbien nach Ungarn und Kroatien systematisch dicht gemacht wurde, hat sich Velika Kladuša im Nordwesten Bosnien-Herzegowinas in eine Flüchtlingsstadt verwandelt. Nur wenige Kilometer von der Stadt entfernt befindet sich die Grenze zu Kroatien. Sie bildet zugleich die Außengrenze der Europäischen Union, die letzte Hürde für tausende Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika.

Die neuen Balkanrouten führen entweder über Griechenland, Mazedonien, Kosovo und Serbien oder über Griechenland, Albanien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina. Die Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien ist unübersichtlich, die Berge mit dichtem Wald bieten viele Möglichkeiten, trotz der zahlreichen Grenzpolizisten nach Kroatien zu gelangen. Einmal in Kroatien, wollen die Flüchtlinge weiter nach Slowenien und dann über Österreich oder Italien zum Wunschziel der meisten Flüchtlinge – Deutschland.

Trinken ja, Toilette nein

Schon auf den ersten Blick merkt man, dass in der kleinen Stadt mit rund 20.000 Einwohnern der Ausnahmezustand herrscht. Auf der Straße, im Park oder auf Parkplätzen sitzen Gruppen überwiegend junger Männer und Familien mit kleinen Kindern. Es scheint, als würden sie auf etwas warten. Andere wiederum ziehen zielstrebig mit Rucksäcken auf den Schultern weiter. Ihnen allen sind Kummer, Leid und Frust ins Gesicht geschrieben.

Vor dem Café "Fantom" im Zentrum von Kladuša sitzt eine Gruppe Männer. Jeden Tag sitzen sie da, das erfahre ich bald. Selbst in der Nacht sitzen sie vor dem geschlossenen Geschäft, weil  sie das W-LAN weiterhin nutzen können. Manche schlafen gleich vor dem Café, legen sich eingewickelt in Decken auf zusammengeklappte Kartons.

Obwohl der Winter naht, kann man noch draußen sitzen. Ob sie mit Journalisten reden wollen, frage ich sie. "Ja", sagt Achraf. Er kommt aus Tunesien und spricht Englisch. Bald schließen sich alle dem Gespräch an. "Warte, ich muss mal", sagt Achraf, steht auf und verschwindet hinter dem Gebäude. Als die anderen meine verdutzten Blicke sehen, erklären sie: Sie dürfen sich hier etwas zu Trinken bestellen, aber nicht die Toilette benutzen.

Osteuropa

Wie Flüchtlinge an der bosnisch-kroatischen Grenze hausen

In Velika Kladuša im Nordwesten Bosnien-Herzegowinas harren zurzeit etwa 400 Flüchtlinge aus. Sie wollen über die Grenze nach Kroatien, doch sie dürfen nicht einreisen. Ostblogger Andrej Ivanji hat das Camp besucht.

Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Rund 400 Menschen leben derzeit im Flüchtlingscamp Trnovi, das sich an der bosnisch-kroatischen Grenze befindet. Die Zelte haben sie selbst mithilfe von Freiwilligen aufgebaut. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Das Cafe "Fantom" in der nahe gelegenen Stadt Velika Kladuša ist ein Treffpunkt für Flüchtlinge. Sie können dort zwar das Internet nutzen und dürfen sich etwas zu Trinken bestellen, die Toilettennutzung ist jedoch untersagt. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Achraf zeigt uns die Route seiner Flucht auf dem Handy. Er sitzt seit zwei Monaten in Bosnien fest, schläft auf der Straße. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
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Mit dem Wintereinbruch droht eine humanitäre Katastrophe. Bald sinken die Temperaturen in Bosnien unter Null. Die Bewohner des Camps sind nicht auf den Winter vorbereitet, sie haben zum Beispiel keine Winterkleidung. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Nur unregelmäßig werden die Campbewohner mit Essen versorgt. Meist laufen sie einige Kilometer bis zum nächsten Geschäft und machen sich selbst etwas zu Essen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
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Wie diese ehemalige Fabrikhalle. Sie wurde den Flüchtlingen vom Besitzer zur Verfügung gestellt. Eine Hilfsorganisation wollte die Verwaltung übernehmen, dies ist aber nicht geschehen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
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Rund 400 Menschen leben derzeit im Flüchtlingscamp Trnovi, das sich an der bosnisch-kroatischen Grenze befindet. Die Zelte haben sie selbst mithilfe von Freiwilligen aufgebaut. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Einer von ihnen ist Achraf aus Tunesien. Er lacht gern und gibt sich locker. Doch man merkt, wie verzweifelt er ist. So nah am Ziel will er unter gar keinen Umständen aufgeben. Mehrmals wurde er in Kroatien festgenommen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Viele Flüchtlinge beklagen sich über die Brutalität der kroatischen Polizei. Wer beim Versuch der Grenzüberquerung aufgegriffen wird, wird nach Bosnien zurückgebracht und irgendwo abgesetzt. Achraf hat ein Selfie gemacht - mit der Polizei im Hintergrund. Kroatien weist die Vorwürfe, die Flüchtlinge würden brutal behandelt, zurück. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Für rund 400 Flüchtlinge gibt es im Camp fünf Wasserhähne mit kaltem Wasser und fünf Toiletten. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
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Die zwei Männer im Zelt kommen aus Afghanistan und dem Irak. In schlechtem Englisch erklären sie, dass einige der Flüchtlinge im Camp seit Monaten hier sind. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Wir sind doch Menschen und keine Kriminellen oder Terroristen, meinen viele Flüchtlinge. Die Flüchtlinge können nicht begreifen, warum man sie in der EU nicht haben möchte. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
In einem verlassenen Busbahnhof im Zentrum von Velika Kladuša schlafen ebenfalls dutzende Flüchtlinge. Auch andere leerstehende Gebäude dienen als Unterschlupf. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
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Im Erdgeschoss der Fabrikhalle sind Familien, Frauen und Kinder untergebracht. Im ersten Stock allein reisende Männer. Insgesamt sind es um die 400 Menschen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji
Flüchtlingscamp Bosnien-Herzegowina
Eine junge Frau aus dem Iran lernt unterwegs voller Hoffnung Englisch. Sie reist mit ihrem Mann und zwei Kindern.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 26.10.2018 | 21:45 Uhr.
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Verprügelt und sich selbst überlassen

Die Männer stammen aus Syrien, Afghanistan, Nordafrika, Irak, Iran oder Pakistan. Sie erzählen von ihrer langen und gefährlichen Reise nach Europa. Alle haben es bis nach Kroatien, manche bis nach Slowenien geschafft, dann wurden sie festgenommen und zurück nach Bosnien-Herzegowina geschickt. Wieso gerade dorthin? Das wissen sie nicht.

Ende Oktober war es am Grenzübergang zu heftigen Zusammenstößen zwischen einigen hundert Flüchtlingen und der bosnischen Polizei gekommen. Die Polizei hinderte die Migranten daran, Absperrungen zu durchbrechen, um nach Kroatien zu gelangen.

Die Flüchtlinge beklagen sich über die Brutalität der kroatischen Polizei. "Das sind Rassisten", sagt Achraf. Er erzählt, wie sie ihn zuerst mit grellem Licht geblendet, dann eingekreist und minutenlang verprügelt hätten. Auch Frauen und Kinder hätten sie geschlagen. Einige Männer zeigen Prellungen und blaue Flecken. Einige erzählen, dass die kroatische Polizei sie vor dem UNHCR-Büro in Zagreb oder vor dem staatlichen Büro für Asylanträge festgenommen hätten. Geld und Handys hätten sie ihnen weggenommen.

Die Flüchtlinge verstehen nicht, warum sie in Europa nicht gewollt sind, und dass sie gar keine Chancen auf Asyl haben. Aufgeben wollen sie aber auf gar keinem Fall. Auf Anordnung von lokalen Behörden dürfen Flüchtlingen nicht länger Bustickets verkauft werden. Ohne Geld sitzen hier viele fest.

Ausharren in provisorischen Bedingungen

Rund 400 Menschen leben im einige Kilometer vom Zentrum entferneten Flüchtlingscamp Trnovi. Es sind ausschließlich Männer, manche sehen minderjährig aus. Gleich nebenan befindet sich ein großes Hundeasyl. Die Hunde würden zum Teil besser behandelt als sie, meinen einige der Flüchtlinge.

Das Camp haben Freiwillige gemeinsam mit den Flüchtlingen errichtet. Es gibt fünf Wasserhähne und fünf Toiletten. Ich besuche das Camp an einem trüben Tag. Es regnet. In wenigen Minuten verwandelt sich das Gelände in eine Schlammwiese. Wasser sickert in die Zelte hinein. Es ist kalt.

Stundenlang warten die Menschen auf Essen wartend in einer Schlange aus. Es kommt nicht, ich erfahre nicht warum. Die Männer sind nervös, es kommt zu Streit. Nur zwei Polizisten stehen vor dem Camp und sollen für Ordnung sorgen.

Ilias aus Afghanistan ist verbittert. Seit sieben Monaten befindet er sich im Lager und gar nichts ist geschehen. Nichts. Man habe sie ihrem Leid, dem Hunger und den Krankheiten überlassen und sie vergessen, meint er.

Lokale NGOs fühlen sich im Stich gelassen

Nidžara Ahmetašević arbeitet für die NGO "Are You Syrious?", die sich um Flüchtlinge auf dem Balkan kümmert. Sie ist wütend auf die großen Hilfsorganisationen. Ob IOM (Internationale Organisation für Migration), UNHCR (UN-Flüchtlingsagentur) oder MSF (Ärzte ohne Grenzen) - sie würden gar nichts tun, obwohl sie von der EU-Kommission acht Millionen Euro für Flüchtlinge in Bosnien kassiert hätten, sagt Ahmetašević. Auch in Sarajevo, Tuzla, Bihać oder Mostar gebe es Flüchtlingslager. Viele von ihnen seien provisorisch und unorganisiert wie in Kladuša. Auf 5.000 wird die Zahl der Flüchtlinge geschätzt, wahrscheinlich gibt es aber doppelt so viele.

"Alles geschieht hier auf private Initiative", erzählt Ahmetašević. Sie habe jede Menge Flüchtlingscamps auf dem Balkan gesehen, auch viele in Griechenland, aber so schlimme Bedingungen und ein so großes Desinteresse humanitärer Organisationen wie in Bosnien, habe sie nirgendwo vorgefunden.

Solidarität in der Bevölkerung

Die Solidarität ist groß in Velika Kladuša. Bürger der Stadt hätten rund 200 Menschen, meistens Familien mit Kindern, in ihren Häusern aufgenommen. Sie sammeln und verteilen Essen. Laut Ahmetašević könne das so aber nicht mehr lange weitergehen.

"Velika Kladuša ist eine arme Stadt. Die Menschen teilen das Wenige, das sie haben, mit Flüchtlingen", sagt sie. Diese Situation dauere seit Jahresbeginn an, doch es kommen immer mehr Flüchtlinge. Die genaue Zahl ist offiziell nicht erfasst. Ahmetašević schätzt, dass es über 1.000 sind.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 26.10.2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2018, 15:10 Uhr

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