Jaroslaw Kaczynski
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Interview Smolensk: Opferkult, Mythos, Religion

In Warschau ist am Dienstag an die Opfer des Flugzeugabsturzes von Smolensk erinnert worden. Teile der Innenstadt waren abgesperrt. Zutritt zu den patriotischen Kundgebungen hatten nur Anhänger der PiS-Partei. Höhepunkt war die Einweihung eines umstrittenen Denkmals für die Opfer der Katastrophe auf dem Pilsudski-Platz, nahe dem Präsidentenpalast. Viele Polen verehren sie als Märtyrer. Nach Lesart der regierenden PiS-Partei war der Absturz der Präsidentenmaschine vor acht Jahren Folge eines russischen Attentates. Bei dem Unglück kamen am 10. April 2010 alle 96 Insassen des Flugzeugs ums Leben. Unter den Opfern war auch der damalige polnische Präsident Lech Kaczyński. Seither hat der Kult um die Opfer des Flugzeugabsturzes bizarre Formen angenommen. Der polnische Religionsphilosoph Zbigniew Mikołejko spricht von einer "Smolensk-Religion".

Jaroslaw Kaczynski
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Sie haben den Begriff "Smolensk-Religion" geprägt und sprechen von einem "Smolensk-Mythos". Was verstehen Sie darunter?

Es gibt Ereignisse, die leicht zu Symbolen und Mythen werden können. Wenn man sie nicht rational analysiert und beschreibt, dann kann schnell eine neue Wirklichkeit entstehen, die auf Symbolen und Mythen beruht. So ist es mit dem Flugzeugsturz bei Smolensk.

Werden die Opfer als Märtyrer verklärt?

Ja. Die Todesopfer des Flugzeugabsturzes wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Einige, wie Präsident Lech Kaczyński, seien wegen des angeblichen Attentates auf die Präsidentenmaschine den Märtyrertod gestorben, während die anderen Passagiere, die nicht zum PiS-Lager gehörten, einfach nur umgekommen seien. Diese Aufteilung wurde ziemlich schnell nach der Katastrophe sichtbar.

Was verbindet das Erinnern an die Katastrophe von Smolensk noch mit einer Religion?

Die "Smolensk-Religion" hat in den Zuständigkeitsbereich der Kirche eingegriffen. Auf den Kundgebungen zum Gedenken an die Opfer wurde ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen, das es sonst so nur in der Kirche gibt. Der Mythos um den Märtyrertod seines Zwillingsbruders und anderer gibt Jaroslaw Kaczyński die Möglichkeit, verschiedene Teile der Gesellschaft um eine gemeinsame Geschichte zu versammeln. Bei den Feierlichkeiten werden regelmäßig Elemente des katholischen Gottelsdienstes wie Kreuz, Gebete und Gesang verwendet, doch es gibt auch andere, darunter heidnische Motive, etwa Fackelzüge bei Gedenkkundgebungen. Mit ihrer Symbolik von Licht und Dunkelheit schaffen die Fackelzüge optisch eine Aufteilung in Gut und Böse. Das soll verschiedene Gruppen ansprechen, von älteren frommen Frauen über Fußballfans und Kleinbürger bis hin zu Menschen mit nationalistischen Ansichten.

Hatten denn die Polen ein so großes Bedürfnis nach Märtyrern zu dem Zeitpunkt, als die Katastrophe kam?

Ja. Ich glaube, dass die Liberalen, die damals an der Macht waren, die symbolische Sphäre vernachlässigt haben. Sie haben auf Pragmatismus gesetzt und sich auf die praktische Seite des Lebens konzentriert. Doch in Polen gibt es eine sehr starke katholische Tradition, besonders in kleineren Orten, auf dem Lande. Die Menschen dort haben sich von diesem liberalen Narrativ nicht angesprochen gefühlt, für sie war es sogar erniedrigend. Diejenigen Polen, die nicht zur Großstadtelite oder zum aufsteigenden Mittelstand gehörten, waren davon ausgeschlossen.  

Der Vorsitzende der Regierungspartei Jaroslaw Kaczyński hat bei der Katastrophe seinen Zwillingsbruder, Präsident Lech Kaczyński, verloren. Wirkt sich das auf die heutige Politik in Polen aus?

Man kann von einem direkten Zusammenhang sprechen. Die polnische Politik ist noch emotionaler geworden als sie ohnehin schon war. In Polen waren emotionale Faktoren häufig wichtiger als soziale oder wirtschaftliche Fragen. Die "Smolensk-Religion" hat aber die Emotionen nun zu einem festen Bestandteil der Politik gemacht. Die Linken und die Liberalen wurden dazu gebracht, im gleichen Stil zu antworten. Das sieht man jetzt an radikalen Protesten in Sachen Abtreibung oder Justizreform. Es fallen starke Worte in der Internetdebatte, man greift zu radikalsten Argumenten. Die beiden Seiten der Gesellschaft verletzen sich gegenseitig. Das war früher nicht so.

Hat die "Smolensk-Religion" aus Ihrer Sicht eine Zukunft?

Wir können beobachten, dass sie inzwischen langsam austrocknet, obwohl sie nach wie vor viele Anhänger hat. Laut Umfragen glauben 26 Prozent der Polen immer noch daran, dass es sich nicht um ein Flugzeugunglück, sondern um ein Attentat handelte. Doch eine Religion nutzt sich schnell ab, wenn sie zu stakr ritualisiert wird. Mittlerweile ist die "Smolensk-Religion" schon ein Teil der Staatspropaganda und bei den Gedenkfeierlichkeiten gibt es starke Sicherheitsmaßnahmen. Das sind Dinge, die einer Religion ihre Lebenskraft wegnehmen. Jaroslaw Kaczyński hat es schon gemerkt, deshalb will er jetzt die monatlichen Feierlichkeiten zum Opfergedenken einstellen.

Was passiert, wenn der "Smolensk-Mythos" nicht mehr wirkt? Wird an diese Stelle ein neuer Mythos treten?

Es ist gar nicht so einfach, Mythen zu schaffen. Kaczyński war der "Auserwählte", der den Zwillingsbruder und die Schwägerin in der Katastrophe verloren hat. Er war gewissermaßen mit dem Blut gesalbt, das in dieser Katastrophe vergossen wurde. Das war eine einmalige Situation, mit der sich niemand sonst messen kann.


Zbigniew Mikolejko
Bildrechte: Małgorzata Mikołajczyk

Zbigniew Mikołejko, Jahrgang 1951, ist polnischer Religionsphilosoph und Religionshistoriker, er leitet die Abteilung Religionsforschung im Philosophie- und Soziologieinstitut der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch in diesen Sendungen: MDR Aktuell im Radio | 10.04.2017 | 08:43 Uhr
MDR Aktuell im TV | 10.04.2015 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2018, 23:55 Uhr

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