Wegen Idiotentest Tschechien: Millionen-Geschäft mit Führerscheinen für Deutsche

Ein neuer Führerschein für knapp 3.000 Euro. Solche Deals bieten tschechische Betrüger ausländischen Autofahrern an. Besonders bei Deutschen ist der "Service" beliebt. Sie wollen so den berüchtigten "Idiotentest" umgehen. Doch die tschechische Polizei greift nun durch.

von Helena Šulcová

Sie zählt zu den gefürchtetsten Prüfungen für deutsche Autofahrer: die "Medizinisch- Psychologische Untersuchung" (MPU) - gerne auch Idiotentest genannt. Wer mit mehr als 1,6 Promille oder wiederholt alkoholisiert am Steuer erwischt wurde, muss zur MPU, um seinen Führerschein wiederzubekommen.

Man kann sich in Kursen auf den Test vorbereiten, trotzdem bestehen ihn viele nicht und suchen nach einer Alternative, um wieder ans Steuer zu können. Eine Lösung kann da einfach ein neuer Führerschein aus einem EU-Land zu sein - zum Beispiel aus Tschechien. Führerscheinbetrug ist hier ein florierendes Geschäft.

Tschechische Polizei ermittelt 

Über Fälle berichten tschechische Medien regelmäßig. Aktuell ermittelt die Kriminalpolizei im nordböhmischen Ústí nad Labem gegen vier Männer - drei Vermittler und einen Dolmetscher. Insgesamt sollten sie es in circa 60 Fällen vor allem deutschen Fahrern ermöglicht haben, zu Unrecht einen tschechischen Führerschein zu bekommen.

So sollen die Vermittler geholfen haben, die Bedingungen für einen tschechischen Führerschein zu erfüllen: etwa mit Fake-Anschriften, um den nötigen Wohnsitz in Tschechien nachzuweisen. Denn für die Führerscheinanmeldung müssen Bewerber nachweisen, mindestens seit 185 Tagen in Tschechien zu leben. Auch der Dolmetscher soll beim Betrug geholfen haben - mit Hilfe während der eigentlichen Führerscheinprüfung.

2.850 Euro hat die Gruppe dafür von den Kunden kassiert. Der Führerschein kostet in Tschechien aber umgerechnet nur etwa 400 Euro. Der Rest war für die "Dienste" rund um die Vergabe der Fahrerlaubnis, vermutet die Die Polizei. Sie spricht in diesem Fall von Bestechungen in Höhe von über 60.000 Euro.

Der Dolmetscher hilft beim Test 

Nicht nur in Nordböhmen boomt das Führerschein-Geschäft, wie die Presseberichte zeigen. Ähnliche Fälle gibt es in ganz Tschechien. Besonders gehäuft treten sie in Karlsbad und in Pilsen auf - also in Regionen, die an Deutschland grenzen. Die tschechische Tageszeitung "Mladá fronta Dnes" berichtet, dass alleine in Karlsbad 80 Menschen aus Bayern eine tschechische Fahrerlaubnis bekommen haben, ohne dort jemals eine Fahrschule absolviert zu haben.

Für 3.000 Euro "Vermittlungsgebühr" sind die Kunden laut dem Zeitungsbericht direkt zum Test gegangen, wo die eigens bestellten Gerichtsdolmetscherinnen dann übernommen haben. Wie das funktioniert, zeigt ein Video eines Prüfungskommissars aus der Stadt Teplice, auf das sich die Zeitung bezieht. Der Mann hatte mit einer versteckten Kamera gefilmt, wie ein Übersetzer einem deutschen Prüfling die richtigen Antworten mit den Fingern vorgegeben hat: mit ein, zwei oder drei Finger; je für die Antworten A, B oder C. 

Das Geschäft geht weiter

Deutsche machen laut tschechischer Polizei einen Großteil der Kunden aus. Ein Blick ins Internet bestätigt das. Gibt man "Führerschein in Tschechien machen" bei Google ein, findet man zahlreiche deutschsprachige Internetseiten, die die Vermittlung eines tschechischen Führerscheins anbieten – Vorarbeit inklusive.

So werden auf diesen Seiten zum Beispiel rückdatierte Wohnsitznachweise und andere offizielle Papiere angeboten, die man für die Beantragung eines Führerscheins braucht. Außerdem wird den potentiellen Kunden versprochen, nur drei Mal nach Tschechien reisen zu müssen, um einen Führerschein zu bekommen.

Haftstrafen nach Millionen-Geschäft?

Das Geschäft mit den Führerscheinen generiert nach Schätzungen der tschechischen Polizei Millionenbeträge. Allein die Führerschein-Betrüger im nordböhmischen Ústí nad Labem könnten in den vergangenen fünf Jahren bis zu drei Millionen Euro verdient haben, sagt die Ermittler. Insgesamt geht die Polizei von mehreren hundert Fällen im ganzen Land aus.

Nun will die tschechische Polizei gegen die Betrüger hart durchgreifen. Im aktuellen Fall aus Ústí nad Labem ermittelt die Polizei noch. Dem Dolmetscher drohen ein Berufsverbot und bis zu zwei Jahren Haft, den Vermittlern sogar drei bis zehn Jahre. Da einer der drei Männer Deutscher ist, hat die Staatsanwaltschaft Dresden seinen Fall übernommen.

Ermittelt Polizei auch gegen deutsche Fahrer? 

Und auch für die ausländischen Kunden könnte es unangenehm werden. Sollten sie die Vermittlungsgebühr direkt in Tschechien gezahlt haben, könnten die Behörden ein Verfahren wegen Betrug und Bestechung und eröffnen. Auch in diesem Fall könnten Haftstrafen drohen.

Und selbst wenn das Geld in Deutschland übergeben wurde, könnten die deutschen Kunden juristisch belangt werden. In dem Fall könnte die deutsche Polizei die Ermittlungen auf Anfrage der tschechischen Polizei übernehmen. Diese prüft derzeit noch, ob sie die ausländischen Kunden verfolgen will. Das würde dann wohl viel unangenehmer werden, als ein deutscher Idiotentest.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 20.09.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2018, 13:33 Uhr

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