Moskauer Studenten protestieren gegen Fan-Meile vor ihrer Uni

Während Fußballbegeisterte viel Spaß auf der Fan-Meile in Moskau haben, können die Studenten der angrenzenden Staatlichen Universität weder studieren noch gut schlafen. Doch ihr Protest bleibt nicht nur ungehört, sondern wird von der Hochschulleitung und den Sicherheitskräften unterdrückt - mit Methoden, die an die Sowjetunion erinnern.

von Maxim Kireev

Schon am frühen Nachmittag aalen sich die ersten Fans auf den Pflastersteinen. Im Hintergrund ragt das Hochhaus der Moskauer Staatlichen Universität, etwas verdeckt vom Hauptbildschirm von Moskaus zentraler Fan-Zone auf den Sperlingsbergen. Der Platz gilt als Moskaus Balkon, eine Anhöhe mit der besten Aussicht auf die Stadt und in Hörweite des Luzhniki-Stadions. Am Rande der Fan-Zone spenden Pavillons Schatten. Darunter stehen ein paar Kickertische, an denen Fans aus der ganzen Welt für ihre Länder antreten. Wer früher kommt, der entwischt den Riesenschlangen an den Metalldetektoren am Eingang. Denn spätestens zum zweiten Spiel des Tages werden hier, wie jeden Tag, 30.000 bis 40.000 Menschen erwartet. Sie trommeln und tröten, grölen und machen Fotos. "Hier herrscht immer eine tolle Stimmung. Wir sind schon das dritte Mal beim Fan-Fest," sagt Aljona Worobjowa. Man könne prima Zeit verbringen, auch wenn das Spiel gerade langweilig sei, meint die Moskauerin.

Moskau von oben
Zurzeit ist die Magistrale von Moskaus Staatlicher Uni bis zum Luzhniki-Stadion die zentrale Fußball-WM-Fan-Meile. Bildrechte: IMAGO

Des einen Freud, des anderen Leid

Doch was bei Tausenden Moskauern und den internationalen WM-Gästen bestens ankommt, ist den Studenten der Moskauer Universität ein Dorn im Auge. Seit Monaten protestieren sie gegen die Fan-Meile vor ihrer Haustür. Weil das Universitätsgebäude vielen Studenten auch als Wohnheim dient, stört das Public Viewing auf den Sperlingsbergen beim Lernen. Viele Studenten finden das besonders ärgerlich, weil die Semester-Prüfungen anstehen. Die Studenten sammelten Unterschriften, organisierten Demos, sprachen mit Journalisten. Vergeblich, wie sich schnell erwies.

Mexikanische Fans jubeln in Russland
Lernen für die Studenten schwierig: Auf der Fan-Meile vor der Uni ist täglich Party. Bildrechte: IMAGO

Harsche Reaktion der Uni

Die Reaktion der Universitätsleitung war von Anfang an unmissverständlich. Sie ließ nicht nur jeden Protest auf dem Unigelände durch Wachmänner und Polizei unterbinden. Studenten, die sich der Protestgruppe angeschlossen haben, berichten von regelrechten Schikanen. "Als die Universitätsleitung mitbekommen hat, dass ich aktiv gegen die Fan-Meile bin, wurde ich zu einem Gespräch ins Rektorat geladen", berichtet ein Student, der anonym bleiben möchte. Ihm sei klar gemacht worden, dass sich der Protest negativ auf seine Leistungen auswirken könne. Dabei habe man nur Flugblätter drucken und verteilen wollen. Kürzlich berichtete die oppositionelle Zeitung Nowaja Gazeta, dass einzelne Studenten, die der Leitung als Rädelsführer gelten, vom Wachpersonal der Universität beschattet würden. Auch auf die Eltern sei mit Anrufen Druck ausgeübt worden, ihre Kinder könnten von der Universität fliegen oder dass auch sie selbst Probleme auf Arbeit bekommen könnten, vor allem wenn sie im öffentlich Dienst tätig waren.

Die Hauptverantwortung für diese Art Repressalien trägt aus Sicht der Studenten der Rektor der Universität Wiktor Sadownitschij, der als strammer Anhänger von Präsident Wladimir Putin gilt und dem weitreichende Verbindungen zu den Mächtigen des Landes nachgesagt werden. Ende Februar hatten die Studenten zu einer Aktion aufgerufen, um Sadownitschij u.a. 5.000 Unterschriften gegen die damals noch in Planung befindliche Fan-Meile zu überreichen. Doch statt sich den Studenten zu stellen und mit ihnen zu sprechen, hatte der Rektor angeordnet, die 9. Etage, in der sein Büro liegt, abzuriegeln, und niemanden durchzulassen. "Mit unserem Protest haben wir damals zumindest erreicht, dass wir während der WM nicht aus dem Wohnheim im Hauptgebäude der Universität ausziehen müssen", erklärt ein anderes Mitglied der Anti-Fan-Meilen-Initiative.

unscharfes Bild von Menschen in einem Gebäude
Ausgesperrt: Der Rektor der Moskauer Uni lässt protestierende Stundenten im Februar nicht vor. Bildrechte: IMAGO

Angst, öffentlich aufzutreten

Dass die Studenten mittlerweile Angst haben, öffentlich aufzutreten, begründen sie mit den Einschüchterungsversuchen seitens der Universität und den schwer kalkulierbaren Reaktionen der Sicherheitsbehörden. Wie schnell man in die Mühlen der Justiz geraten kann, weiß zum Beispiel Dmitrij Petelin, dem kurzzeitig ein Verfahren wegen Vandalismus drohte, weil er mit roter Farbe "Nein zur Fan-Zone" auf einen der zur WM extra aufgestellten Wegweiser schrieb. Im schlimmsten Fall hätten dem Philologie-Studenten drei Jahre Freiheitsentzug gedroht. Erst ein öffentlicher Aufschrei, so sind sich Mitglieder der Initiative sicher, habe dazu geführt, dass das Verfahren eingestellt wurde und Petelin lediglich umgerechnet 20 Euro Strafe zahlen musste.

Kampf gegen ein größeres, grundsätzlicheres Problem

Mittlerweile haben die Studenten ihren Protest aufgegeben. Schließlich läuft die WM längst. Zumal die Fan-Meile bei weitem nicht mehr das wichtigste Problem für sie ist. Es sind vielmehr die Methoden der Universität, mit denen sie gegen kritische Studenten vorgeht. "Unsere Aufgabe besteht darin, alle Fakten über den Druck auf uns konsequent zu veröffentlichen", heißt es in einem Beitrag der Initiative gegen die Fan-Zone auf Facebook. Die Universitätsverwaltung und die Sicherheitsbehörden hätten beinahe als eine Einheit agiert. "Unser Endziel ist es, diese repressiven Praktiken, die das Leben an der Uni vergiften, auszumerzen."


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 06.03.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2018, 17:25 Uhr