A candle burns by a portrait of perished anti-corruption activist Kateryna Handziuk during a requiem rally outside the Main Department of the National Police in Odesa Region, Odesa, southern Ukraine, November 4, 2018.
Gedenken an Kateryna Gandsjuk Bildrechte: imago/Ukrinform

Ukraine Kann der Mord an Kateryna Gandsjuk den Präsidentschaftswahlkampf beeinflussen?

Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft klagt sechs Monate nach dem tödlichen Säureanschlag auf die Antikorruptionsaktivistin Kateryna Gandsjuk einen vermeintlichen Auftraggeber an. Dabei handelt es sich um einen ehemaligen Parteifreund von Julia Timoschenko. Diese kritisiert die Ermittlungen als einseitig, weil Vertraute des Präsidenten Petro Poroschenko verschont bleiben.

von Denis Trubetskoy

A candle burns by a portrait of perished anti-corruption activist Kateryna Handziuk during a requiem rally outside the Main Department of the National Police in Odesa Region, Odesa, southern Ukraine, November 4, 2018.
Gedenken an Kateryna Gandsjuk Bildrechte: imago/Ukrinform

"Wer hat den Mord an Kateryna Gandsjuk in Auftrag gegeben?" Diese Frage bewegt derzeit die ukrainische Gesellschaft. Und diese Frage überschattet auch die Wahlveranstaltungen des amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko sowie die seiner Herausforderin, der Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Beide gehören zu den Favoriten der Präsidentschaftswahl am 31. März 2019. Gandsjuk, Stadträtin im südukrainischen Cherson, war als Antikorruptionsaktivistin bekannt geworden. Sie hatte sich oft mit lokalen Behörden und der Polizei angelegt. Im Juni 2018 hatte sie den Verdacht geäußert, dass ein Waldbrand im Regierungsbezirk Cherson vorsätzlich gelegt worden sei, um das nicht verbrannte Holz verkaufen zu können. Ein riesiges Geschäft. Und Gandsjuk hatte auch zwei Verdächtige benannt: Wladyslaw Manger, Mitglied von Timoschenkos "Vaterlandspartei" und Vorsitzender des Bezirksrats Cherson, sowie Gouverneur Olexij Gordejew vom "Block Poroschenka".

Konkreter Verdacht

Eine abfotografierte Internetseite kyrillischen Buchstaben.
Private Facebook-Seite von Jurij Lyzenko, Generalstaatsanwalt der Ukraine. Er schreibt: Der Bürger Wladyslaw Manger wird verdächtig, den Mord an Kateryna Gandsjuk organisiert zu haben. Bildrechte: facebook/Jurij Lyzenko

Ende Juli 2018 war Kateryna Gandsjuk dann in der Nähe ihres Hauses in Cherson mit Schwefelsäure angegriffen worden, ein Drittel ihrer Haut wurde bei dem Anschlag verätzt. Im November starb sie schließlich in einem Kiewer Krankenhaus an multiplen Organversagen. Am 11. Februar 2019 hat Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko, der nach dem Tod von Gandsjuk seinen Rücktritt angeboten hatte, einen konkreten Verdacht geäußert: "Wladyslaw Manger ist der Hauptorganisator dieses Verbrechens. Er hat es in Auftrag gegeben und finanziert", schrieb Luzenko auf seiner Facebook-Seite. Nach Ansicht des Generalstaatsanwalts hatte Manger eine persönliche Abneigung gegenüber Gandsjuk, die unter anderem durch deren Enthüllungen zum Waldbrand in Cherson geweckt wurde. Luzenko zufolge gibt es allerdings keinerlei Beweise dafür, dass Olexij Gordejew an dem Mord beteiligt war, obwohl Gandsjuks Familie und andere Aktivisten den Gouverneur mehrmals in diesem Zusammenhang genannt hatten.

Aus der Partei ausgeschlossen

Timoschenko auf einem Leuchtplakat.
Wahlplakat von Julia Timoschenko. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Die "Vaterlandspartei" der Poroschenko-Gegnerin Julia Timoschenko schloss Wladyslaw Manger, der sein Amt als Vorsitzender des Bezirksrats ruhen lässt, aus der Partei aus. Dennoch zeigt Timoschenko wenig Verständnis dafür, das lediglich Manger und nicht auch der zum Präsidententeam gehörende Olexij Gordejew angeklagt wurde. "Es ist eine politische Provokation", schrieb sie in einem Statement. Die Staatsanwaltschaft präsentiere lediglich Spekulationen, aber nicht einen einzigen Beweis. Weiter schrieb sie: "Poroschenko führt einen schmutzigen Machtkampf. Generalstaatsanwalt Luzenko, der Poroschenko bei der Präsidentschaftswahl offen unterstützt, sollte sein Amt bis zum Ende des Wahlkampfes ruhen lassen." Julia Timoschenko vermutet, man wolle das Image des "Blocks Poroschenka" aufhellen und ihres dagegen verschlechtern.

Manger bestreitet die Vorwürfe

Konkret soll Manger laut Generalstaatsanwaltschaft zwei Mittelsmännern, darunter einem in kriminellen Kreisen bekannten Mann, der nach dem Anschlag ins Ausland geflohen ist, mindestens 5.600 US-Dollar für die Planung des Mordes angeboten haben. Dieser Mann, Olexij Lewin, hatte in der Vergangenheit wegen mehrfachen Mordes eine lange Haftstrafe verbüßt. Er soll anschließend Beziehungen sowohl zu Manger als auch zu Gouverneur Gordejew gepflegt haben. Manger selbst bestreitet die Vorwürfe: "Es ist ein politisches Verfahren. Ich kannte Kateryna Gandsjuk persönlich überhaupt nicht. Und die Verbindungen, die einige politische Kräfte nun in den Medien konstruieren, sind schlicht absurd."

Zwei Monate Untersuchungshaft

Protesters hold placards during a requiem rally in memory of perished anti-corruption activist Kateryna Handziuk outside the Main Department of the National Police in Kharkiv Region, Kharkiv, northeastern Ukraine, November 4, 2018.
Trauer und Protest: Bürgerrechtler mit Bildern von Kateryna Gandsjuk und der Frage: Wer steckt hinter dem Anschlag? Bildrechte: imago/Ukrinform

Allerdings ist in der von "Radio Svoboda" kürzlich ausgestrahlten Antikorruptionssendung "Schemy" (Machenschaften) behauptet worden, dass ein Gefolgsmann Mangers enge Wirtschaftsbeziehungen zu Olexij Lewin unterhalten haben soll. Lewin soll von diesem ein Hotel am Schwarzen Meer für weniger als umgerechnet 20 Euro im Monat gemietet haben. Manger betont, er habe davon nichts gewusst. Am Dienstag, dem 12. Februar 2019, fand nun in Kiew die erste Gerichtssitzung im Fall Gandsjuk statt. Manger war anwesend. Generalstaatsanwalt Luzenko forderte zunächst zwei Monate Untersuchungshaft für ihn.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im:
Radio | 23.07.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 09:23 Uhr

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