Menschen demonstrieren
Nationalfeiertag der Republik Srpska am 9. Januar 2017 in Banja Luka Bildrechte: dpa

Bosnien und Herzegowina - ein tief gespaltenes Land

Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des grausamen Balkankrieges ist Bosnien und Herzegowina immer noch ein tief gespaltenes Land. Der Traum von einer einheitlichen Nation ist in weite Ferne gerückt.

von Andrej Ivanji

Menschen demonstrieren
Nationalfeiertag der Republik Srpska am 9. Januar 2017 in Banja Luka Bildrechte: dpa

"Bosnien ist ein Land des Hasses und der Angst. […] Dieser Hass ist kein Moment einer gesellschaftlichen Entwicklung oder notwendiger Teil eines historischen Prozesses, es ist ein Hass, der in sich selbst seinen Zweck findet, der wie eine eigene Kraft auftritt. Es ist ein Hass, der den Menschen gegen den Menschen aufbringt und alle gleichermaßen ins Elend und ins Unglück stürzt […]. Manchmal sichtbar und offen, manchmal unsichtbar und heimtückisch, gleicht der Unterschied (zwischen Muslimen, slawisch Orthodoxen, Katholiken und Juden – Anm. d. Autors) stets dem Hass, oft ist er identisch mit ihm." Nein, das sind keine Auszüge aus einem Text, der den bosnischen Krieg in den 1990er-Jahren beschreibt, in dem über 98.000 Menschen getötet worden sind. Es sind Passagen aus einem Brief, den der aus Bosnien stammende jugoslawische Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić im Jahr 1920 geschrieben hatte. Konfrontiert mit unvorstellbaren Verbrechen, griff man während des blutigen bosnischen Krieges oft auf Andrićs tiefgründige Werke zurück, um den unerklärlichen Hass und die unbegreiflichen Grausamkeiten zu erklären.

Das Referendum

Über zwei Jahrzehnte nach Kriegsende ist Bosnien und Herzegowina immer noch ein tief gespaltenes Land. 1995 hatte das vom Westen aufgezwungene "Abkommen von Dayton" dem Land den Frieden gebracht. Nachdem sich Europa als ohnmächtig gegenüber den Massenmorden, den ethnischen Säuberungen und den Zerstörungen erwiesen hatte, übernahmen die USA die Führungsrolle im Friedensprozess: Amerika übte starken Druck auf Belgrad, Zagreb und die verfeindeten Parteien in Bosnien aus, drohte mit Militäreinsatz und schaffte es letztlich, den Kriegsgegnern ein Friedensabkommen aufzudrängen, mit dem niemand glücklich war. Aufgrund dieses Abkommens wurde Bosnien in zwei Entitäten geteilt: die bosniakisch-kroatische Föderation und die serbische Entität Republika Srpska (RS). Das Ziel war es, allmählich die Zentralregierung und gesamtstaatliche Institutionen zu stärken, bis das Land zusammenwächst. Es kam aber nicht dazu. Das ethnisch geteilte Bosnien scheint im Jahr 1995 eingefroren zu sein. Die RS droht sogar immer wieder, sich von Bosnien trennen zu wollen und untergräbt den Gesamtstaat wo und wann immer es geht.

Wie gespalten das Land, wie brüchig der Frieden ist, zeigte wieder einmal der umstrittene Nationalfeiertag der RS am 9. Januar. An diesem Tag wurde vor genau einem Vierteljahrhundert die RS gegründet. Der Krieg, der Kampf um Territorien, die ethnischen Säuberungen hatten schon begonnen. Bosnische Serben wollten sich von Bosnien spalten, weil Muslime und Kroaten sich weigerten, sich einer Föderation mit Serbien anzuschließen.

Radovan Karadzic bei seiner Anhörung vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.
2016 wurde Radovan Karadžić vom Internationalen Kriegsverbrechertribunal schuldig gesprochen und zu 40 Jahren Haft verurteilt. Bildrechte: IMAGO

Aus Sicht der Bosniaken waren die Serben die Aggressoren, ist die RS "eine genozide Schöpfung", die auf ethnischer Säuberung entstanden und durch das "Abkommen von Dayton" auch noch legitimiert worden ist. 2016 entschied das Verfassungsgericht Bosniens, dass der 9. Januar kein Nationalfeiertag der RS sein dürfe, weil das die Gefühle anderer Völker verletze. Den Gründern der RS wurde und wird vor dem "Internationalen Kriegsverbrechertribunal" in Den Haag der Prozess gemacht, unter anderem dem ersten Präsidenten der RS, Radovan Karadžić. Der heutige Präsident der RS, Milorad Dodik, entschied, das Urteil des "politisch beeinflussten" gesamtbosnischen Verfassungsgerichts zu ignorieren und schrieb ein Referendum über den 9. Januar als Nationalfeiertag der RS aus, bei dem über 90 Prozent der Bürger der RS, Serben eben, dafür stimmten. Trotz Druck des Westens wurde am 9. Januar 2017 die Gründung der RS in Banja Luka mit allem Drum und Dran zelebriert.

Die anderen sind Schuld

Obwohl Belgrad die Integrität Bosniens anerkennt, wohnte auch Serbiens Staatspräsident Tomislav Nikolić der Feier bei. Die RS sei entstanden, "weil andere Jugoslawien zerstören wollten", erklärte Nikolić in Banja Luka. Die Serben hätten vor 25 Jahren mit der Waffe in der Hand für die RS gekämpft, weil sie angegriffen worden seien. Mit anderen Worten: die anderen waren Schuld am Krieg. Trotz schöner Worte über die Integrität Bosniens, stellte Serbiens Präsident gesamtbosnische Institutionen infrage, indem auch er das Urteil des Verfassungsgerichts nicht wahrnehmen wollte. Prompt wurde ein für Februar angesagter Besuch in Sarajevo abgesagt.

Die serbische vierjährige Belagerung von Sarajevo (1992-1996), die Hinrichtung von rund 8.000 muslimischen Jungen und Männer in Srebrenica (1995), die bosnisch-serbische Truppen verübt haben und die der "Internationale Gerichtshof" als Völkermord bezeichnet hat, gehören zu den schrecklichsten Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Im Namen aller Völker wurden in Bosnien Kriegsverbrechen begangen. Und alle haben heute ihre eigene historische Wahrheit, die man auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann: die anderen sind Schuld. Einmal abgesehen von der gewaltigen Arbeitslosigkeit, der komplizierten strukturellen Ordnung und der Spaltung des Landes, ist es eine denkbar schlechte Voraussetzung für die Schaffung eines einheitlichen Staates und einer Annäherung an die Europäische Union.

Zehntausende Menschen auf einem Friedhof wollen ihre Angehörigen beerdigen.
8.000 Jungen und Männer waren 1995 in Srebrenica ermordet und in Massengräbern verscharrt worden. 2010 wurden ihre Leichen bestattet. Bildrechte: IMAGO

(Zuerst veröffentlicht am 10.01.2017)

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2017, 11:22 Uhr

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