Litauen - Gewalt gegen Kinder Erziehung wie im Mittelalter

Ein Kind bekommt "Birkenbrei", sagt man in Litauen, wenn ein Kind geschlagen wird, weil man früher zur Züchtigung Birkenruten benutzte. Gewalt gegen Kinder ist in Litauen ein großes Problem, meint unsere litauische Ostbloggerin.

von Vytene Stasaityte

Litauen steht unter Schock. Auch ich bin total betroffen: Ein junger Mann (27) aus der Stadt Kėdainiai hat seinen vierjährigen Stiefsohn stundenlang zu Tode geschlagen, weil der Kleine Zahlen nicht richtig einordnen konnte. Die Ermittler klären nun, ob und inwieweit auch die Mutter (23) daran beteiligt war.

Kerzen zum Gedenken stehen vor einem Gebäude.
Die Menschen stellen Kerzen vor dem litauischen Parlament auf - in Gedenken an den vierjährigen Jungen. Bildrechte: Anastasija Zemdliauskaitė

Prügel als Mittel der Kindererziehung ist in Litauen auch unter jungen Eltern heute noch gang und gebe. "Birkenbrei" nennt man in Litauen die Prügelstrafe, weil man früher die Birken-Rute zu spüren bekam. Meine Eltern haben mich ohne "Gürtel" erzogen. Damit war ich eher eine Ausnahme, viele meiner Freunde wurden physisch bestraft. Und das ist bis heute so. Ein Kinderarzt erzählte in einem Interview, dass er eine 10. Klasse bei sich im Krankenhaus hatte, um mit ihnen über Gewalt gegen Kinder zu reden. Er fragte, wie viele von ihnen mit physischen Strafen erzogen wurden: Nur zwei Kinder haben die Hand nicht gehoben… Eine Kinderpsychologin schrieb in einem Kommentar, dass in etwa der Hälfte der Familien in Litauen Gewalt gegen Kinder ausgeübt wird.

Doch seit der vierjährige Junge an den Schlägen seines Stiefvater gestorben ist, ist Gewalt gegen Kinder das Hauptthema in den litauischen Medien. Die Ärzte der größten Krankenhäuser präsentieren schreckliche Statistiken und Bilder von verletzten Kindern. Sie sprechen von ein bis zwei Todesfällen pro Jahr. Und das in einem Land, wo überhaupt nur ca. eine halbe Million Kinder leben. Die Experten schlagen Alarm, dass die Zahl der Gewaltopfer unter Kindern steigt.

Es reicht!

Ich habe zwar keine Kinder, aber eine kleine Nichte, und es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass viele Kinder in ähnlichem Alter in so einer Hölle leben und sogar qualvoll sterben müssen. Vielen meiner Landsleute liegt das Thema am Herzen. Am Parlament versammeln sich die enttäuschten und trauernden Menschen und legen Kerzen, Blumen und Spielzeuge nieder. Nicht nur um ihre große Trauer auszudrücken, sondern auch, um ein Zeichen für die Politiker zu setzen: "Es reicht!"

Eine von denen, die zum Parlament gehen, ist meine Freundin Anastasija Zemdliauskaitė, selbst Mutter von zwei Kindern. "Früher habe ich diese Nachrichten ignoriert, weil ich auf das Leid der Kinder sehr empfindlich reagiere. Aber mit dieser Geschichte hat es 'Klick' gemacht. Ich bin durch diesen gemeinsamen Schock auch mit anderen ins Gespräch gekommen. Wir haben verstanden, dass wir wichtig sind. Wir, die verstehen, dass physische Strafen ins Mittelalter gehören. Dann war es mir und meinen Kollegen auch ganz klar, dass wir in der Mittagspause zum Parlament gehen, um eine Kerze anzuzünden. Da standen andere Menschen und weinten, weil jeder von denen so ein ähnliches Kind kannte. Ein Kind, das geschlagen wurde. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, hatte solche Freunde, die die Gewalt ihrer Eltern gespürt haben", so Anastasija.

Strafe als Konfliktlösung

Eine Frau schaut in die Kamera.
Anastasija Zemdliauskaitė sieht große Defizite bei der litauischen Kindererziehung. Bildrechte: Anastasija Zemdliauskaitė

Anastasija arbeitet mit Kindern und leitet im Sommer die Freizeitschule "Glücksakademie". Sie sieht, dass es in Litauen große Probleme gibt: Konfliktlösung ist zu oft mit Bestrafen verbunden. "Die Kinder streiten ja oft und prügeln sich. Die Erwachsenen wollen den Täter bestrafen. Sie wollen nicht mit ihm arbeiten, obwohl die Aggression ja nicht ohne Grund kommt und sie oft ein Zeichen ist, dass auch dieses Kind Hilfe braucht. Vom frühen Alter soll man auf die emotionale Entwicklung des Kindes achten, weniger bestrafen und mehr helfen. Wir müssen darauf achten, dass auch solchen problematischen Eltern und Stiefeltern geholfen wird. Es gibt viele davon und sie brauchen dringend Hilfe."

Dass in der litauischen Gesellschaft was im Argen liegt, ist kein Geheimnis. Es genügt schon, auf europäische Statistiken zu gucken, wo Litauen ganz oben steht, was Selbstmordraten oder Alkoholismus angeht. Dies alles ist Realität im Jahr 2017, in einem Land, das schon 13 Jahre EU-Mitglied ist. In einem Land, das sehr gerne Russland kritisiert, aber in solchen Fragen seinem großen politischen Feind ziemlich ähnlich ist. 1995 hat Litauen eine internationale Konvention unterschrieben, in der sich das Land verpflichtet, jegliche Gewalt gegen Kinder zu untersagen und dies in Gesetzen zu verankern. Neben der Slowakei und Slowenien gehört Litauen zu den wenigen Ausnahmen in der EU, wo es so ein Gesetz zum Schutz der Kinder immer noch nicht gibt.  

Wende am Valentinstag

Diskutiert wurde das Gesetz im Parlament schon oft, aber bis jetzt nie verabschiedet. Zu viele Politiker sind bis heute der Meinung, dass eine Tracht Prügel eine taugliche Erziehungsmethode ist. Andere meinen, dass diese "liberale westliche Kultur" schädlich ist und den Respekt den Eltern gegenüber mildert. Oder sogar die Eltern in die Gefahr bringt, weil dann Behörden ihnen die Kinder wegnehmen könnten.

Seit dem Tod des Vierjährigen bekommen jedoch die Politiker, die gegen das Gesetz sind, starken Gegenwind. Bilder von ihnen kursieren in sozialen Netzwerken, oft mit emotionalen Überschriften: "Erinnert euch an diese Namen. Denen ist das Leid unserer Kinder egal." Am Valentinstag will sich das Parlament zu einer außerordentlichen Plenarsitzung versammeln, in der das Gesetz auf der Tagesordnung steht.

Meine Hoffnung ist, dass die Liebe zu den Kindern über die Gewalt siegen wird und weniger traumatisierte Kinder zu neuen Monster aufwachsen.

Über dieses Thema berichtete HEUTE IM OSTEN auch im TV: 18.03.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2017, 09:26 Uhr

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