Putins Pressekonferenz: Folklore statt Nachrichten

Heute stellt sich Russlands Präsident Wladimir Putin hunderten Journalisten zur jährlichen Pressekonferenz. Statt auf echte Nachrichten warten die Beobachter vor allem auf Signale und Botschaften zwischen den Zeilen.

von Maxim Kireev

Man sollte sich nicht täuschen lassen vom Namen der Veranstaltung. Wenn Wladimir Putin am Donnerstag Journalisten zu seiner jährlichen Pressekonferenz lädt, dann geht es längst nicht nur darum, Fragen von Reportern zu beantworten. Denn die Zusammenkunft ist ähnlich wie Putins stundenlange TV-Sprechstunde "Der Direkte Draht" längst zum festen Bestandteil der Kremlfolklore geworden.

Bereits zum 14. Mal lädt der Präsident zur großen Presserunde. Laut Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow geht es darum, ein Fazit des Jahres zu ziehen und die Meinung des Präsidenten zu Fragen zu hören, die die Menschen bewegen. Deswegen bereite sich der Präsident derzeit täglich bis in die Nachtstunden auf den Termin vor. "Kaum jemand auf der Welt veranstaltet solche Sitzungen mit Journalisten", erklärt Peskow stolz.

Journalisten winken mit Plakaten

Gleich in mehreren Staatssendern wird der um die vier Stunden dauernde Auftritt live übertragen. In minutenlangen Nachrichtenbeiträgen bemühen sich die Reporter kremlnaher Kanäle vorab, dem Treffen einen offiziellen und tiefwichtigen Anstrich zu verleihen. Über 1.700 Journalisten hätten sich akkreditiert, so viele wie nie zuvor, erklären die Berichte. Dabei kämen auch Journalisten von lokalen Sendern zu Wort, die jetzt schon aufgeregt seien, weil sie womöglich Putin höchstpersönlich eine Frage stellen dürfen.

Eine von ihnen ist Weronika Weretennikowa. Sie möchte für den südrussischen Sender "Kuban 24" wissen, wann endlich eine neue Fernstraße entlang der Schwarzmeerküste gebaut wird. Ihr Kollege Alexej Kotschetkow aus Rjasan hat es im vergangenen Jahr bereits geschafft, dem Präsidenten Putin eine Frage zu stellen. Er rät seiner Kollegin dazu, mit einem Plakat auf sich aufmerksam zu machen und möglichst aktiv damit herumzuwinken. Die Presseabteilung des Kremls hat jedoch bereits gewarnt, dass die Plakate diesmal nicht größer als A3-Format sein dürfen.

Kritische Fragen Teil der Show

Derweil zeigen die Reporter vom "Ersten Kanal" die letzten Vorbereitungen. Da werden etwa die Vorhänge gebügelt, Mikrophone getestet und Stühle aufgestellt. Alles muss reibungslos funktionieren, so die Botschaft. Wer sich akkreditieren lassen will, muss vorher eine grobe Frageliste bei der Presseabteilung des Präsidenten abliefern. Das bedeutet jedoch nicht, dass kritische Fragen herausgefiltert werden. Vielmehr gehören Fragen von kremlkritischen Medien genauso zur Inszenierung wie jene der stotternden Reporter von Provinzzeitungen und kleinen Lokalsendern.

In Moskauer Journalistenkreisen wird gern darüber gewitzelt, wer mit seiner kritischen Frage eine besonders gute Figur gemacht hat. Im vergangenen Jahr war dies die Reporterin und spätere Präsidentschaftskandidatin Xenia Sobtschak. Sie fragte Putin, ob er oppositionelle Kandidaten wie Alexej Nawalny bei Wahlen nicht antreten lasse, weil er Angst vor Konkurrenz habe. Der Präsident konterte selbstsicher, dass er zwar keine Angst vor Konkurrenz habe, jedoch keine Destabilisierung des Landes wie in der Ukraine zulassen werde.

Wirtschaft als zentrales Thema

Auch in diesem Jahr dürfte es wieder eine Menge kritischer Fragen geben. Schließlich haben sich im laufenden Jahr einige Probleme angehäuft: Die Erhöhung des Renteneintrittsalters, steigende Benzinpreise und die allgemeine wirtschaftliche Flaute knabbern nachhaltig an Putins Popularität.

Auch die 2019 geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer dürfte zwar den Haushalt füllen, das Wirtschaftswachstum jedoch weiter abschwächen, berechneten jüngst unabhängige Ökonomen.

Putins Sprecher Dmitrij Peskow rechnet daher damit, dass die Wirtschaft ein zentrales Thema der Pressekonferenz sein wird. Daneben stünden aber auch regionale Probleme und die weltpolitische Lage auf der Agenda.

Jedes Wort auf der Goldwaage

Echte Nachrichten erwarten auf diesen Gebieten jedoch die wenigsten Journalisten. Stattdessen gilt Putins Auftritt, seine Rhetorik und seine Wortwahl als eine Art Stimmungstest. Jedes Jahr machen sich dutzende Politologen daran, Putins Auftritt zu analysieren und vermeintliche Signale zwischen den Zeilen herauszulesen. Auch die Nachwirkungen der Pressekonferenz werden aufgegriffen und analysiert.

So erklärte der Fragesteller Mikhail Zub im vergangenen Jahr, dass er gar kein Journalist sei, sondern sich hereingemogelt habe. Zub leitet einen Fischverarbeitungsbetrieb im nordrussischen Murmansk und ließ seiner Wut darüber freien Lauf, dass sein Betrieb seit Einführung des russischen Lebensmittelembargos auf norwegischen Fisch nicht mehr ausgelastet ist.

Putin versprach, den Unternehmer zu einer Arbeitssitzung ins zuständige Ministerium einzuladen. Ein Jahr später berichtet der Mikhail Zub dem russischen Nachrichten-Portal "Dailystorm", er habe seit der Pressekonferenz an 24 Treffen mit Regierungsvertretern teilgenommen: "Ich denke, in ein paar Jahre dürfte das Problem der Fischverarbeitungsindustrie gelöst sein". Er habe daher keine Fragen mehr an den Präsidenten.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 15.06.2017 | 19:29 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2018, 17:49 Uhr