Wladimir Putin und Valery Gergiev
Politik und Kunst einträchtig beieinander: Präsident Wladimir Putin und der Dirigent Valery Gergiev Bildrechte: IMAGO

Russlands Kulturbetrieb zelebriert die Ungleichheit

Eine Liste des russischen Kulturministeriums enthüllt: Die Chefs von Museen und Theatern werden von der Regierung fürstlich entlohnt. Vielleicht erklärt das ja die Loyalität der Intelligenzija gegenüber Wladimir Putin.

von Maxim Kireev

Wladimir Putin und Valery Gergiev
Politik und Kunst einträchtig beieinander: Präsident Wladimir Putin und der Dirigent Valery Gergiev Bildrechte: IMAGO

Die Kulturbranche zwischen Kaliningrad und Wladiwostok ficht seit Jahren einen Überlebenskampf. Seit Beginn der Wirtschaftskrise in Russland 2014 spart der Staat vor allem an seinen Theaterhäusern, Opern und Konzerthallen. Doch nun sorgt eine Liste, veröffentlicht auf der Seite des russischen Kulturministeriums, für hitzige öffentliche Diskussionen. Denn in der Liste sind die Gehälter des Führungspersonals von gut 200 kulturellen Einrichtungen des Landes angegeben, die von der Regierung in Moskau finanziert werden. Folgt man dieser Liste, ist die Krise längst noch nicht in allen Kultureinrichtungen, vor allem aber nicht in deren Chefetagen, angekommen. Und nicht weniger wichtig: Auch die gewöhnlichen Mitarbeiter wissen nun, wieviel ihre Chefs verdienen.

Chefs verdienen deutlich mehr

"Für mich war es ein Schock", erklärt die Mitarbeiterin eines mittelgroßen Moskauer Museums, das sich einem berühmten russischen Schriftsteller widmet. Ihren Namen will die Frau lieber nicht in der Presse lesen. "Eigentlich dachte ich, dass unser Haus einfach wenig Geld bekommt, nun weiß ich jedoch, dass unsere Direktoren in etwa das vier- bis sechsfache dessen verdienen, was ein normaler Angestellter verdient", erklärt die junge Frau. Ihr Gehalt beträgt etwa 600 Euro. Das entspricht in etwa dem landesweiten Durchschnittslohn. Mit Boni, die mehrfach im Jahr ausgezahlt werden, kommt sie auf etwa 800 Euro. Andere Mitarbeiter, die sich mit der Technik befassen oder in der Garderobe arbeiten, verdienen deutlich weniger. Die Chefs dagegen kommen laut der veröffentlichten Liste monatlich auf etwa 3.000 bis 4.000 Euro. Ein Gehalt, dass sich auch nach Moskauer Verhältnissen sehen lassen kann.

Gemessen an einigen ihrer Kollegen zählen sie allerdings noch zu Kleinverdienern. So bekommt etwa der Leiter des Staatszirkus im Monat satte 8.500 Euro. Der Direktor der Russischen Nationalen Bibliothek erhält ein Gehalt von umgerechnet fast 20.000 Euro. Spitzenreiter ist jedoch Dirigent Valery Gergiev, der das berühmte Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg leitet. Sein monatliches Salär beläuft sich auf knapp 200.000 Euro. 

Maxim Kireev 2 min
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Mitarbeiter des Kulturministeriums müssen darben

Dabei ist gegen angemessene Gehälter per se nichts einzuwenden, finden die meisten Russen. Das Problem aber sei - die Gerechtigkeit. Vor allem in Bildungseinrichtungen des Kulturministeriums können die Leiter von solchen Gehältern nur träumen. So bekommt der Leiter einer Künstlerwerkstatt in Kasan, die der Russischen Akademie der Künste angehört, gerade einmal 350 Euro im Monat, weniger als ein Mitarbeiter in einer russischen McDonalds-Filiale. "Die wichtigsten Einrichtungen auf föderaler Ebene bekommen ihre Finanzierung wie bisher. Auf regionaler und kommunaler Ebene ist die Situation ungleich schlechter", meint etwa der Regisseur und Politiker der Oppositionspartei Jabloko, Alexander Gnezdilow. "So schafft der Staat Bedingungen, um bestimmte Leute zu verführen, zu erpressen und in eine abhängige Lage zu bringen", erklärt er.

Star-Regisseur Serebrennikow unter Verdacht

Kyrill Serebrennikow
Star-Regisseur Kyrill Serebrennikow Bildrechte: IMAGO

Tatsächlich gehören die Intellektuellen aus der staatlich finanzierten Kulturbranche nicht eben zu jenen, die offen die Staatsspitze Russlands kritisieren. Besonders deutlich wurde dies während eines Skandals um das Moskauer Gogol-Theater. Im Mai 2017 stürmten maskierte Polizisten das berühmte Theater in Moskaus Stadtzentrum. Geleitet wird es von Star-Regisseur Kirill Serebrennikow. Auch seine Wohnung wurde im Morgengrauen mehrere Stunden lang durchsucht. Serebrennikow eckt mit seinen gesellschaftskritischen Aufführungen häufig an. Doch nun waren es die Behörden, die gegen ihn und vor allem seine Angestellten vorpreschten. Vor Jahren hatte das Kulturministerium einem Projekt unter der Leitung Serebrennikows mehrere Millionen Euro Fördergelder zugesprochen. Der Vorwurf jetzt: Seine Mitarbeiter hätten die Gelder veruntreut. Seit Ende Mai 2017 sitzt eine Buchhalterin Serebrennikows in Untersuchungshaft.

Der Präsident weiß von nichts

Oleg Tabakov
Oleg Tabakov, künstlerischer Leiter des Tschechow-Theaters in Moskau Bildrechte: IMAGO

Schon am gleichen Tag reagierte die Kulturbranche. Freunde Serebrennikows, bekannte Schauspieler und Regisseure schrieben einen Brief an Wladimir Putin. Darin forderten sie den russischen Präsidenten auf, die Brutalität der Ermittlungen zu zügeln. Eigentlich eine mutige Tat, zumal die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft von den meisten Beobachtern als absurd und im Übrigen als Angriff auf die Intelligenzija insgesamt gewertet werden. Bei vielen Regimegegnern stieß der Aufruf dennoch auf Unverständnis. Schließlich macht Russlands Kulturelite nicht Putin für solche Angriffe verantwortlich, sondern sieht ihn ihm eine Art gütigen Zaren, der sie vor der Willkür der Behörden schützen soll. Besonders deutlich wurde dies, als Regisseur Jewgenij Mironow während eines Empfangs Putin den Brief überreichte. Laut Medienberichten fragte Mironow den Präsidenten, ob er von der Aktion gegen Serebrennikow gewusst habe, worauf Putin erwiderte, er wisse davon lediglich aus der Presse.

Geradezu passend war es, dass eben auch viele Unterstützer Serebrennikows auf der Gehaltsliste des Kulturministeriums auftauchen. Der Überbringer Jewgenij Mironow kassiert in seinem Theater monatlich etwa 7.000 Euro. Sein Kollege Oleg Tabakow, künstlerischer Leiter des Moskauer Tschechow-Theaters, kommt gar auf üppige 15.000. Wer weiß, vielleicht lässt sich der Glaube an Putins konstruktive Rolle im russischen System besser aufrecht erhalten, wenn zumindest die eigenen Finanzen in Ordnung sind...

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Kino Royal" 14.01.2017 | 11.35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juni 2017, 12:53 Uhr