Weihnachtsserie Weihnachten ist in Litauen auch heidnisch

Fleißig beten, viel essen – das gehört auch in Litauen zum Heiligabend. Aber hier geht es außerdem magisch zu: Wahrsagen ist eines der traditionellen Weihnachtsrituale. Heidnische und katholische Symbole gehen hier Hand in Hand. Vielleicht liegt es daran, dass Litauen als letztes Land in Europa erst 1387 christianisiert wurde ...

von Vytenė Stašaitytė

Es fängt schon bei der Vorbereitung an – unter die Tischdecke legt man Heu. Einerseits symbolisiert es die Geburt Jesu Christi im Stall, anderseits "zaubert" man nach dem Essen mit dem Heu. Doch der Reihe nach. Denn zuerst wird festlich zu Abend gegessen, jedoch ohne Fleisch und tierische Fette wie Butter und Sahne, denn der Heiligabend ist noch ein Fastentag.

Zwölf Gerichte ohne Fleisch

Serviert werden zwölf Gerichte - das ist ein Muss. Der Legende nach steht jede Speise für einen guten Monat und damit für ein gutes Jahr. Eine andere Auslegung ist, dass sich die Zahl der Gerichte auf die zwölf Apostel bezieht.

Das Ritual des Mahls an Heiligabend ist mit den Himmelszeichen verbunden. Man setzt sich an den Tisch, wenn der erste Stern am Himmel erscheint. Das steht einerseits für den Stern, der den Hirten den Weg nach Bethlehem zeigt. Andererseits waren die Zeichen des Himmels auch in der heidnischen Tradition immer wichtig. Man prognostiziert auch das Wetter mit einem Blick in den Himmel usw. Zum Beispiel: Wenn an Weihnachten Frost herrscht, dann wird Silvester wärmer, nass und matschig.

Wer zieht den längsten Halm?

Eine Handvoll Heu.
Ein bisschen Heu für Heiligabend bekommt man in Litauen inzwischen auch gegen eine kleine Spende in der Kirche. Bildrechte: Colourbox.de

Das Abendessen fängt mit einem Gebet an und der Älteste am Tisch verteilt die Oblate. Die Oblaten kann man in jeder Kirche vor Weihnachten bekommen. Eine kleine Portion verpacktes Heu kann man übrigens auch immer häufiger in der Kirche gegen eine Spende bekommen. Sind alle zwölf Gerichte verspeist, kann die weihnachtliche "Zauberei" beginnen: Jeder zieht einen Halm unter der Tischdecke hervor. Die Länge des Halms, so die Annahme, verrät die Aussichten für das neue Jahr. Ich finde dieses Spiel gruselig, denn ein kurzer Halm prognostiziert eigentlich ein kurzes Leben. Und nur ein grüner Halm verspricht ein gutes Jahr. Wer vergilbtes Heu zieht, sollte sich von der nahen Zukunft nicht so viel versprechen.

Gerade oder ungerade?

Mohngebäck, Kūčiukai Kuciukai
Das Mohngebäck "Kūčiukai" darf Weihnachten bei keinem Litauer fehlen - nicht nur als Orakel Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte

Wem das noch nicht genug ist, kann auch mit Essen "zaubern". Besonders beliebt sind die einfachen Rituale. Sehr beliebt sind die Orakel zu den Aussichten für Liebe und Partnerschaft. Man nimmt zum Beispiel eine Handvoll des typischen Gebäcks "Kūčiukai", das man sonst mit "Kissel" - einer flüssigen Kaltschale - oder mit "Mohnmilch" isst, und zählt die Stücke. Eine gerade Zahl bedeutet, dass das neue Jahr eine Partnerschaft bringt, eine ungerade Zahl heißt, dass man auch im kommenden Jahr alleine bleibt. Dasselbe kann man mit Nüssen spielen oder einen Apfel aufschneiden und die Kerne zählen.

ein aufgeschnittener Apfel neben einem ganzen
Weihnachtsorakel: Hat der Apfel eine ungerade Zahl von Kernen, ist im kommenden Jahr kein Partner in Sicht. Bildrechte: IMAGO

Ebenfalls eine verbreitete Tradition ist das Wachsgießen. Man lässt Wachs von der Kerze ins Wasser tropfen und beobachtet, welche Form entsteht. Eine gerade Linie soll ein ruhiges, ausgeglichenes Lebensjahr bedeuten, eine kurvige mehr Abenteuer und eine unterbrochene Linie kann auch Krankheit oder sogar den Tod anzeigen.

Weissagungen für Mutige

Die ganz Tapferen oder Menschen mit einem makabren Humor, denen Heuziehen und Wachsgießen nicht bizarr genug sind, können auch mit drei Tassen "zaubern". Unter eine Tasse legt man einen Ring, unter die zweite ein Kreuz, unter die dritte etwas Erde. Wenn man die Tasse mit der Erde wählt, lautet die Vorhersage: Im nächsten Jahr stirbst du. Der Ring bedeutet Hochzeit und das Kreuz steht für "keine Beziehung".

Ein leerer Teller für die Toten

Der Tod spielt bei den alten Bräuchen oft eine große Rolle. Und die Toten sind sowieso wichtig in der litauischen Kultur. Auch am Heiligabend. Auf dem Tisch steht immer ein leerer Teller für die Verstorbenen. Man lässt auch einige Gerichte über die Nacht auf dem Tisch stehen. Als ich klein war, habe ich am nächsten Tag die Teller überprüft und fand immer ein Zeichen, dass von irgendeinem Gericht mehr gefehlt hat. Darin sah ich einen Beweis, dass die Toten zu Gast waren.

Es gibt auch den Aberglauben, dass die Tiere in der Heiligen Nacht sprechen. Als Kind aus der Großstadt war ich auf die Kinder auf dem Lande neidisch, die gegen Mitternacht spannende Geschichten aus dem Stall "hören" konnten.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Heute im Osten - Reportage: Goodbye Ausland, hallo Heimat | 11.11.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2018, 08:57 Uhr

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