Bundeskanzlerin Angela Merkel (GER/CDU) nährt Präsident Lech Kaczynski (POL) und Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski (POL) als - Stiefmutter Europa - an ihrem Busen
Die Kaczyński-Zwillinge an der Brust von Bundeskanzlerin Merkel: Wenn Politiker- und Deutschenwitze so gut funktionieren, warum dann nicht beide zusammen, dachte sich dieses Magazin im Jahr 2007 - und landete einen umstrittenen Hit. Bildrechte: IMAGO

Worüber lacht der Osten? Polen lacht sich die Starken schwach

Ob Deutsche, Russen, Politiker oder Neureiche: Polen lachen besonders gerne über die vermeintlich Stärkeren. Das gibt ihnen ein Gefühl von Überlegenheit. Nur ein Tabu bleibt in Polen: Witze über die Katholische Kirche.

von Monika Sieradzka

Bundeskanzlerin Angela Merkel (GER/CDU) nährt Präsident Lech Kaczynski (POL) und Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski (POL) als - Stiefmutter Europa - an ihrem Busen
Die Kaczyński-Zwillinge an der Brust von Bundeskanzlerin Merkel: Wenn Politiker- und Deutschenwitze so gut funktionieren, warum dann nicht beide zusammen, dachte sich dieses Magazin im Jahr 2007 - und landete einen umstrittenen Hit. Bildrechte: IMAGO

Wenn ich mich selbst und meine Freunde danach frage, worüber wir Polen eigentlich lachen, stellen wir schnell fest, dass wir uns am liebsten über andere lustig machen. Über uns selbst machen wir uns ab und zu zwar auch lustig, aber das ist Welten von den Tschechen entfernt, die für uns die Selbstironie verkörpern und die lustigsten Filme der Welt produzieren.

Junge polin auf der Frankfurter Buchmesse 1 min
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Mi 18.10.2017 12:29Uhr 01:27 min

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Über die vermeintlich stärkeren lacht es sich besonders gut

In Polen erzählt man viel lieber Witze über schwerfällige Deutsche, dumme Russen und eingebildete Franzosen. Darin liegt etwas von dieser speziellen Mentalität der Polen, einem ewigen Changieren zwischen Überlegenheitssgefühl und Minderwertigkeitskomplex:

Fahrt nach Deutschland, das Vermögen eurer Großväter ist schon dort!

So lautete vor Jahren die polnische Antwort auf die deutschen Polenwitze. Denn obwohl wir den Krieg gewonnen haben, schaut der Pole mit Neid auf den Wohlstand des Kriegsverlierers Deutschland und ärgert sich über das ungerechte Schicksal.

Echte Männer, gutes Essen, schöne Frauen: Deutsche haben nichts davon

Eine Mischung aus Neid und Überheblichkeit gegenüber den Nachbarn ist ein wichtiger Bestandteil unsere Witze über Deutsche. Das zeigt sich gleich an einer ganz Reihe von typischen Themen polnischer Deutschenwitze. Die Polen sehen sich selbst gerne als mutiges und heldenhaftes Volk. Ganz im Gegenteil zu den Deutschen, die ihre "Männlichkeit" längst verloren haben.

Warum haben die Deutschen im Jahr 1410 die Schlacht bei Tannenberg gegen die Polen verloren? Weil sie gerade zur Pride Parade mussten.

Und hierzulande ist auch klar, dass die Deutschen weder Fußball spielen noch kochen können. Erst Recht nicht im Vergleich mit Polen:

Die deutschen Fußballspieler sind wie deutsches Essen: Sie müssen aus Polen gebracht werden, um gut zu sein.

Und dann sind da noch die deutschen Frauen. Die sind in vielen polnischen Witzen das Gegenteil von weiblich und schön. Das bleibt den Polinnen vorbehalten:

Warum werden in Deutschland so viele Autos produziert? Wenn man solche Frauen hat, muss man sich etwas anderes zu tun suchen.

Politische Selbstparodien der Regierung

In Polen wird auch über Politker gelacht, zur Zeit aber ausschließlich von Gegnern der aktuellen Regierung. Das liegt daran, dass einige polnische Politiker wie eine Parodie ihrer Selbst auftreten und den Satirikern die Witze quasi schon vorwegnehmen.

Das zeigt sich etwa an der populären Serie "Das Ohr des Vorsitzenden", die Jaroslaw Kaczynski parodiert. Denn mitunter ist Parodie kaum von der Realität zu unterscheiden. Es gibt aber auch Gerüchte in Warschau, dass Kaczynski auch selbstironisch sein kann. Allerdings nur dann, wenn er alleine ist.

Auch über Makabres wird gelacht

Eine polnische Spezialität sind in der Hinsicht auch die ganz makabren Witze. 2010 stürzte die Maschine des damaligen Präsidenten Lech Kaczynski bei Smolensk ab, nachdem sie einen Baum touchiert hatte. 96 Menschen starben, inklusive des Präsidentenpaares. Daher fragen ganz harte Polen:

"Wieviel Polen braucht man, um einen Baum zu fällen? 96. Plus ein Flugzeug."

Mit dem Kapitalismus kamen Anfang der 1990er-Jahre plötzlich auch neue Phäomene auf, die es zu Witzen brachten. Etwas das Verhalten von neureichen Polen, die etwa von gierigen Juristen verkörpert werden:

Ein Schiff sinkt. Die Haie fressen alle Passagiere auf, außer den Juristen. Warum? Aus Berufssolidarität.

Kirche als Tabu

Christen beten vor dem Präsidentenpalast in Warschau.
Betende Katholiken vor dem Präsidentenpalast: Politik und Kirche stehen sich in Polen sehr nahe. Über die einen lacht man, über die anderen jedoch nicht. Bildrechte: dpa

Eigentlich kann der Pole also über alles lachen, nur nicht über die Katholische Kirche. Das staatliche polnische Fernsehen musste vor einigen Jahren eine Geldstrafe für eine Comedy-Nummer zahlen. Darin hatte der Komiker den Papst als etwas Ungeheuerliches dargestellt: als einen ganz normalen Menschen, der essen, verdauen und sogar pupsen muss.

Derselbe Komiker hat auch erzählt, wie eine terroristische Attacke katholischer Fundamentalisten aussehen würde. Daraufhin musste er einige seiner Auftritte absagen. Darüber lacht man dann nicht mal in Polen. Heilig bleibt eben heilig.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 24.07.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2017, 11:21 Uhr

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