Zum 100-Jubiläum Pfannekuchen in litauischen Farben
Der Trikolore-Pfannkuchen in den litauischen Landesfarben. Bildrechte: Malsena

Litauen feiert Unabhängigkeit mit deutschem Geschenk

Hundert Jahre ist es her, dass der baltische Staat unabhängig wurde. Das wird patriotisch gefeiert. Ganz Litauen versinkt in einem Fahnenmeer in Gelb, Grün, Rot.

von Vytenė Stašaitytė

Zum 100-Jubiläum Pfannekuchen in litauischen Farben
Der Trikolore-Pfannkuchen in den litauischen Landesfarben. Bildrechte: Malsena

Die National-Flaggen sind seit Wochen ausverkauft. Sie wehen an jeder Ecke – sowohl in der Hauptstadt Vilnius, als auch in der Provinz. Vom Pfannkuchen bis zum Lippenstift – alles ist momentan in die Nationalfarben getaucht. Und damit wirklich jedem klar wird, wie alt das Land tatsächlich wird, gibt es jede Menge Events, die sich auf die Zahl Hundert beziehen: Es gibt 100 Feuer, die die Freiheit symbolisieren, eine 100-Kilometer-Wanderung, einen Umzug mit 100 Fahnen. 

Man spürt, dass die Menschen feiern wollen. Wenige Tage vor dem Feiertag habe ich viele Bekannte getroffen, die wie die Irren von einem Laden zum anderen laufen, um unsere Trikolore-Fahne zu kaufen. Leider erfolglos – sie ist überall ausverkauft. Und eine Bestellung per Internet wird nicht mehr rechtzeitig ankommen. Das alles spricht dafür, dass es kein schlechtes Fest werden wird.

Das sagt eine Woche vor dem Fest Professor Norbertas Černiauskas, der Geschichts-Professor an der Universität Vilnius unterrichtet.

Zum 100-Jubiläum Lippenstift in Farben der Litauschen Flagge
Ein Must-Have für jede litauische Frau: der Lippenstift in Nationalfarben Bildrechte: Uoga Uoga

Litauen ist fast 28 Jahre unabhängig und zelebriert das jedes Jahr zweimal – am 16. Februar und am 11. März. Dies sind die Daten, an denen 1918 und 1990 die Unabhängigkeit Litauens erklärt wurde. Aber das Jahr 2018 ist kaum zu toppen – zum 100. Geburtstag der ersten Republik kleidet sich das Land in gelb, grün, rot – in den Farben der litauischen Flagge.

Wichtigster Feiertag

Ich habe ihn gebeten, dem deutschen Leser zu erklären, wieso der 16. Februar 1918 heute noch so wichtig ist für Litauen,  dass Alt und Jung diesen Jahrestag so euphorisch feiern."Die litauische Identität, der moderne Litauer und das moderne Litauen sind ohne dieses Datum unvorstellbar. Es ist wie ein Code, wie ein Gen oder wie auch immer man es bezeichnen möchte. An diesem Tag wurde für Litauen, wie wir es heute haben, ein Grundstein gelegt. Es ist der wichtigste Feiertag in unserer ganzen Geschichte", betont Černiauskas.

Ein Blick zurück: Am 16. Februar 1918 war Litauen von den Deutschen besetzt und gehörte nicht mehr zu Russland. Eine tatsächliche Unabhängigkeit Litauens hatten die Deutschen zu diesem Zeitpunkt allerdings verzögert - wollten eine de-facto Abhängigkeit des kleinen Staates. Den man, ebenso wie die Russen, als Eigentum betrachtete. Nun gingen Originalabschriften der Erklärung an Deutschland und Russland. Ein erster Schritt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs taten die Versailler Verträge ihr Übriges und besiegelten die Eigenständigkeit.

Litauische Flaggen schmücken die Innenstädte
Die National-Flaggen wehen an jeder Ecke – wie hier in der Hauptstadt Vilnius. Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte

Litauische Identität

Als die Sowjetunion 1940 das Land besetzte ging die Unabhängigkeitsurkunde verloren. Ein symbolischer Verlust der gleichzeitig für Jahrzehnte den Verlust der kurzen Zeit der Freiheit bedeuten sollte. Dass der 16. Februar, der Tag der Unabhängigkeitserklärung, ein symbolträchtiges Datum war, wussten auch die sowjetischen Machthaber – und erklärten Geburtstagfeiern an diesem Tag als regimefeindliche Versammlungen.

Die Jahre der sowjetischen Besatzung waren durch Unterdrückung und Terror gegen die Litauer gekennzeichnet. Die Menschen sehnten sich nach der Unabhängigkeit. Die so genannte Erste Republik wurde zum Idealbild. Der Historiker Norbertas Černiauskas erklärt das so:

Diese Zeit war entscheidend für Litauen. Wir haben uns formiert: als Staat, als Gesellschaft, als Gemeinschaft.Die darauf folgenden 50 Jahre des totalitären Regimes und der Okkupation haben dieses Bewusstsein nicht gebrochen. Die wichtigste Errungenschaft ist die, dass eine Gesellschaft entstand.

Der Staat wurde aus dem Nichts gegründet und sehr wichtige Reformen wurden durchgeführt: so zum Beispiel eine Bildungsreform und die Landwirtschaftsreform. Einige technologische Errungenschaften wurden erzielt, eine eigene Kultur geformt und in die westliche Kultur eingegliedert. Das alles waren riesige Siege in einer so kurzen Zeit – in nur 22 Jahren.

Diese Geschichte ist heute noch sehr lebendig. Auch Menschen, die schon im unabhängigen Litauen geboren sind, lernen von ihren Eltern und Großeltern, wie wichtig die Freiheit ist. Vor 30 Jahren noch war die litauische Sprache im Lande unerwünscht und für den Besitz der litauischen Flagge drohte Verhaftung. Deshalb ist man immer noch sehr stolz auf die eigene litauische Identität.

Ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk

Im März sorgte eine Nachricht für großes Aufsehen, dass nach 99 Jahren die Geburtsurkunde Litauens wieder aufgetaucht ist. Zwar handelte es sich nicht um das litauische Original, aber immerhin die Abschrift, die 99 zuvor nach Deutschland gegangen war – und wie das Original verschollen.

Immer wieder hatte man spekuliert, wo die Dokumente sein könnten. Ein großes Unternehmen setze sogar eine Belohnung aus von einer Million Euro aus für die Person, die das Original findet und dem Staat übergibt.

Litauischer Historiker Liudas Mažylis, Dalia Grybauskaitė, Politiker Vytautas Landsbergis
Die litauische Präsidentin Grybauskaitė begutachtet die Unabhängigkeitserklärung gemeinsam mit dem Historiker Mažylis und Politiker Vytautas Landsbergis. Bildrechte: Robertas Dačkus

Ein Dozent der "Vytautas Magnus"-Uni in Kaunas, Liudas Mažylis, machte sich privat an die Recherche und fuhr auf eigene Kosten nach Berlin, wo er im Archiv des Auswärtigen Amtes die Abschrift des Dokumentes für Deutschland fand. Das machte ihn auf Anhieb zum Nationalhelden. Die eine Million Euro Belohnung, die ausgesetzt worden war, bekam er allerdings nicht, weil die Abschrift nicht das Original ist.

Nun hat Deutschland das Dokument für ein Jahr an Litauen verliehen. Seitdem kann man es im Signatarenhaus-Museum, in dem Haus, wo die Unabhängigkeitserklärung am 16. Februar 1918 signiert wurde, anschauen und wird ständig von zwei Soldaten bewacht.

Blick in die Zukunft

Doch bei allem Geschichtsbewusstsein geht es in diesem Jubiläumsjahr auch um die Zukunft: Ein halbes Jahr vor dem 100. Geburtstag gab es eine große Kampagne in den Medien: "Idee für Litauen".

Grybauskaitė steht vorm Banner 100-jähriges Jubiläum Litauens
Zum 100-Jubiläum erstellte das Präsidentsamt von Grybauskaitė sogar einen eigenen Hashtag "LT100". Bildrechte: Robertas Dačkus

Die Menschen sollten Vorschläge machen, was man in Litauen verbessern könnte. Über eine Abstimmung im Internet wurden dann drei Ideen ausgewählt. Es wurde für eine doppelte Staatsbürgerschaft abgestimmt. Momentan dürfen diejenigen, die im Ausland geboren oder ausgewandert sind, ihre litauische Staatsbürgerschaft nicht behalten, wenn sie eine andere annehmen.

Die Menschen wünschen sich auch, dass der Lehrer-Beruf besser bezahlt wird, denn man redet seit Jahren davon, dass es an Lehrern mangelt, weil die Löhne so niedrig sind. Und die dritte Idee war, jungen Familien beim Kauf von Immobilien zu helfen.  

Alle Ideen zielen auf die Zukunft der Litauer ab. Denn das Land krankt nach wie vor daran, dass die Bevölkerung durch Abwanderung und Überalterung ständig schrumpft.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in: Heute im Osten: Reportage | 18.03.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2018, 17:13 Uhr

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