Ein Kind wird geimpft
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Gesetzenwurf von Impfgegnern im Parlament Schafft Polen bald die Impfpflicht ab?

Immer mehr Eltern in Polen weigern sich, ihre Kinder impfen zu lassen. Eine Impfgegnerinitiative hat nun einen Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht. Danach soll das Impfen freiwillig werden. Die Eltern glauben, dass sie ihre Kinder so vor gefährlichen Nebenwirkungen bewahren können. Die Ärzte warnen aber vor Epidemien, die Tausenden Kinder jährlich das Leben kosten könnten.

von Monika Sieradzka

Ein Kind wird geimpft
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"Irgendwann habe ich schon aufgehört zu glauben, dass es klappen würde. Wir wurden ja von allen Seiten angegriffen“, schrieb Ende August 2018 der Abgeordnete Paweł Skutecki auf seinem Facebook-Profil, als der Gesetzentwurf gegen die Impfpflicht zur ersten Lesung im Sejm (dem polnischen Parlament) angenommen wurde. Damit erfüllt die PiS ihr Wahlversprechen, alle Gesetzentwürfe, die von Bürgerinitiativen kommen, zur ersten Lesung zuzulassen. "Noch nie haben wir es so weit gebracht", freut sich Skutecki, der seit 2015 im Sejm für die konservative "Kukiz 15"-Partei sitzt und gegen die gesetzliche Impfpflicht kämpft.

Impfen nicht mehr zeitgemäß?

Die seit 60 Jahren bestehende Impfpflicht hält Skutecki für ein Überbleibsel einer vergangenen Epoche. Die erstarkende Impfgegnerbewegung sei ein Ausdruck dessen, dass die Polen mehr Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung entwickeln würden und oft sogar besser gebildet seien "als Ärzte, die ihre Kinder impfen", sagte der Politiker während einer Demo der Impfgegner im Juni 2017.

Damals waren Hunderte Demonstranten vor dem Bezirksgericht im nordpolnischen Inowrocław erschienen. Einem Paar, das sich weigerte, seine beiden Töchter impfen zu lassen, drohte der Entzug des Sorgerechts und das Gericht sollte darüber entscheiden. Die Impfverweigerer jubelten, als das Paar weinend vor Erleichterung aus dem Gerichtsgebäude herauskam und mitteilte, dass es seine Kinder behalten dürfe. Auch Vize-Justizminister Patryk Jaki kommentierte den Fall in einem Brief an die Staatsanwaltschaft und den Gesundheitsminister. Der Impfzwang sei "eine Diskriminierung der polnischen Bürger gegenüber den anderen Einwohnern der EU".

120.000 Unterschriften gegen Impfpflicht

Die Gegner der Impfpflicht vom Verein "Stop NOP" fühlten sich durch den Brief des Vize-Justizministers zu weiterem Kampf ermutigt und starteten eine Unterschriftensammlung zur Abschaffung der Impfpflicht. Rund 120.000 Menschen haben unterschrieben, der entsprechende Gesetzentwurf liegt nun, gut ein Jahr später, im Parlament.

Abgeordnete des polnischen Sejm im Plenarsaal
Voraussichtlich im Oktober wird der Sejm über den Gesetzentwurf gegen die Impfpflicht beraten. 120.000 Bürger hatten ihn unterzeichnet. Bildrechte: dpa

Der Impfgegner-Verein beruft sich gern auf zwei Gerichtsverfahren aus dem Ausland. Bei einem Prozess in Italien wollen Experten Quecksilberrückstände in einer Impfung als Ursache für den Autismus eines Kindes ausgemacht haben. Das Kind war mit einer Sechsfachimpfung gegen sechs verschiedene Krankheiten gleichzeitig geimpft worden. Das Gericht sprach den Eltern 2014 eine Entschädigung zu. Die Geschichte hat in Polen für Schlagzeilen gesorgt. Oft wird außerdem ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs in der Causa Matter gegen die Slowakei von 1999 zitiert, in dem die Impfpflicht als Eingriff in die Privatsphäre bezeichnet wird.

Ärzte warnen vor Epidemien

Ärzte in Polen beobachten schon seit einigen Jahren, dass die Zahl der Impfverweigerer steigt. 2008 lag sie noch bei etwa 3.000 Fällen, inzwischen sind es rund 30.000. Wie die staatliche Hygienebehörde PZH (eine Entsprechung des deutschen Robert-Koch-Instituts) mitteilt, lag die Durchimpfungsrate von Kindern 2017 bei 93 Prozent – dabei drohen bereits unterhalb von 95 Prozent Epidemien. Ärzte warnen, dass überwunden geglaubte Krankheiten wie Masern schon bald wieder Tausende Kinderleben fordern könnten. Dabei verweisen sie auch darauf, dass die Zahl der Krankheitsfälle in Polens Nachbarländern Deutschland und Tschechien besorgniserregend schnell ansteigt.

Einer dieser Ärzte ist Dawid Ciemięga aus dem schlesischen Tychy, der 2017 bei einem landesweiten Plebiszit zum "Besten Kinderarzt" Polens gekürt wurde. Er versucht, die Impfgegner mit Argumenten zu erreichen. Die meisten Sterbefälle beim jüngsten Masernausbruch in Europa habe es unter nicht geimpften Kindern gegeben, sagt er. Die Impfgegnerbewegung vergleicht er mit "Sekten, die die Menschen manipulieren und betrügen". Eine Kritik, die nicht unbeantwortet blieb: Nach Ciemięgas Angaben haben Impfgegner gegen ihn eine Verleumdungskampagne im Internet gestartet, gegen die er juristisch vorgeht.

Pocken-Partys als Ersatz für Impfungen

Zwei Schwestern stehen gemeinsam die Windpocken durch.
Als "Ersatz" für Impfungen bringen manche Eltern gesunde Kinder mit kranken Kindern zusammen, damit sie sich anstecken. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

Warnungen von  Ärzten werden von der Impfgegnerszene ohnehin nicht ernst genommen. Viele Impfverweigerer behaupten, der Mensch habe ausreichend angeborene Abwehrkräfte, um die Krankheiten zu bekämpfen. Manche bringen ihre gesunden Kinder sogar absichtlich mit kranken Kindern in Berührung, weil sie das als Ersatz für eine Impfung begreifen. 2016 machte ein besonders spektakulärer Fall in Polen Schlagzeilen: der Tod eines eineinhalb Jahre alten Kindes, das kurz nach einer Pocken-Party ohnmächtig ins Krankenhaus eingeliefert wurde und verstarb. Von solchen Partys, auf denen sich gesunde Kinder bei kranken anstecken sollen, um angeblich ihr Immunsystem zu stärken, hört man in Warschau immer häufiger.

Auch Agata Z., Mutter eines einjährigen Sohnes, bestätigt im Gespräch, dass sie davon von anderen Müttern in der Kita erfahren hat. Sie selbst würde ihr Kind niemals auf diese "natürliche" Art und Weise anstecken lassen. "Woher soll ich denn wissen, welche Krankheiten die anderen Kinder mitbringen? Wenn die nicht geimpft sind, kann das alles Mögliche sein“, sagt Agata.

Werden Eltern zu wenig beraten?

Mit der ganzen Problematik tue sie sich aber schwer, weil sie es aus ihrer Kindheit gar nicht kenne. Auch ihre Mutter nicht. Agata, Jahrgang 1982, gehört zu der Generation, die in Polen noch ohne Diskussionen geimpft wurde, weil damals noch niemand sagte, dass dabei etwas schief gehen könnte. Jetzt werde sie von allen Seiten mit Argumenten und Gegenargumenten bombardiert und sei dadurch manchmal verwirrt, sagt Agata.

Agata hat beschlossen, ihren Sohn zu impfen und wurde dafür schon als "Rabenmutter" beschimpft. Obwohl sie mit den Impfgegnern nichts zu tun hat, gibt sie ihnen in einem Punkt Recht: Die Ärzte würden in der Tat kaum über mögliche Nebenwirkungen informieren oder über Unterschiede zwischen den Impfstoffen verschiedener Hersteller. "Es gibt zwar den offiziellen Impfkalender, aber es gibt unterschiedliche Produzenten und Mehrfachimpfungen, so dass die Eltern die Qual der Wahl haben". Sie selbst fühlt sich dabei ein wenig allein gelassen.

Noch wenig Zustimmung im Parlament

Der Gesetzentwurf der Impfgegner soll Anfang Oktober auf die Agenda des Parlaments kommen. Noch hat er wenig Anhänger unter den Abgeordneten. Allerdings ist das Thema brisant und wird möglicherweise auch im Wahlkampf vor den Kommunalwahlen aufgegriffen, die am 21. Oktober geplant sind, auch wenn es dabei eigentlich nicht um landesweite Politik geht. Doch polnische Kommunalwahlen werden inzwischen immer mehr als Stimmungstest zur Zentralpolitik zweckentfremdet. Dass die Impfpflicht in naher Zukunft abgeschafft wird, ist zwar unwahrscheinlich, doch die Impfgegnerbewegung wird durch die Debatte politisch gestärkt.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: MDR aktuell | 25.01.2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2019, 15:56 Uhr

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