Fall Babtschenko Mysteriöse Mordinszenierung in Kiew

Den Auftrag für den Mord am russischen Journalisten Arkadi Babtschenko soll es gegeben haben. Doch gibt es viele Fragen, warum der ukrainische Inlandsgeheimdienst die Ermordung inszenierte und nicht nur vereitelte. Beweise dafür, dass der Auftragsmord wie von der Ukraine behauptet von den russischen Behörden veranlasst wurde, gibt es bislang nicht. Dafür gibt es viele Spekulationen, welcher Geheimdienst in der Ukraine was genau gewusst hat.

Russischer Journalist in der Ukraine Arkadi Babtschenko
Im Bild hinten: Der russische Journalist Arkadi Babtschenko. Bildrechte: IMAGO

Diese unglaubliche Geschichte sorgt seit Tagen für Schlagzeilen: Am Dienstag meldeten die ukrainischen Behörden, der russische Kreml-kritische Journalist Arkadi Babtschenko sei in seinem Wohnblock in Kiew erschossen worden. Weniger als 24 Stunden später trat Babtschenko jedoch quicklebendig auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU auf. Der Mordanschlag auf ihn sei vereitelt worden, hieß es vom SBU, und auch, dass Babtschenko auf einer Mordliste mit weiteren 30 Personen stünde, die der russische Geheimdienst habe beseitigen lassen wollen. Doch war das tatsächlich so? Und war der inszenierte Mord der einzige Weg, den geplanten Anschlag zu vereiteln und an mehr Informationen über die Anschlagspläne zu gelangen? Fragen über Fragen.

Der inszenierte Mord Journalist Babtschenko entschuldigte sich am Mittwoch vor allem bei seiner Frau, die von der Inszenierung nichts gewusst haben soll. Babtschenko lebte zuletzt im Exil in Kiew, weil er sich wegen seiner Kreml-kritischen Berichterstattung in Russland zu unsicher fühlte.

Mutmaßlicher Auftraggeber in U-Haft

Die bisherige Informationslage dazu ist kompliziert. Dass es einen Auftrag gab, den Journalisten zu ermorden, behauptet nicht nur der Inlandsgeheimdienst SBU, sondern auch der mutmaßliche Mittelsmann Boris German. Der Unternehmer war am Donnerstag festgenommen und einem Haftrichter in Kiew vorgeführt worden. Der 50-Jährige leitet die ukrainisch-deutsche Firma Schmeisser, die als einzige Privatfirma in der Ukraine Waffen produzieren darf.

Schilderung des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes

Nach Darstellung des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes arbeitete German mit den russischen Geheimdiensten zusammen und heuerte als Killer den Ex-Soldaten Olexi Zumbaljuk an, der im Donbass-Krieg für die ukrainische Armee gekämpft hatte. Versprochenes Honorar: 30.000 US-Dollar. Etwa die Hälfte davon soll Zumbaljuk als Vorauszahlung erhalten haben, was in einem Beweisvideo des Inlandsgeheimdienstes angeblich zu sehen ist. Zum Zeitpunkt der Geldübergabe soll der Ex-Soldat bereits mit den ukrainischen Sicherheitsbehörden zusammengearbeitet haben, die er bereits Anfang April informiert haben soll.

Kommt der Auftrag zum Mord aus Russland?

Ukrainischer Unternehmer Boris German, verdächtigt als Auftraggeber für Babtschenko-Mord vor einem Gericht in Kiew
Der ukrainische Unternehmer Boris German vor dem Haftrichter. Bildrechte: IMAGO

Der festgenommene ukrainische Unternehmer Boris German schildert das ganz anders. Seiner Darstellung nach hat er den Auftrag zur Organisation des Mordes vor einem halben Jahr von einem alten Bekannten aus Moskau erhalten - dem Ex-Ukrainer und heutigen russischen Staatsbürger Wjatscheslaw Piwowarkin. Der sei zugleich Mitarbeiter einer privaten Stiftung des Kremlchefs Wladimir Putin. Der Kreml bestreitet jedoch die Existenz einer solchen Stiftung.

Bekannt ist bislang über Piwowarkin lediglich, dass er als Unternehmer in Russland agiert und in der Vergangenheit Verbindungen zu sogenannten national-patriotischen Kreisen unterhalten hat. Inwieweit er auch Verbindungen zu russischen Staatsbehörden hat, ist derzeit unklar. Piwowarkin hat sich bislang noch nicht zu den Beschuldigungen öffentlich geäußert.

Wer handelte in wessen Auftrag?

Der festgenommene Mittelsmann German beteuerte vor dem Haftrichter am Donnerstag zugleich seine Unschuld und erklärte, für die Ukraine gearbeitet zu haben. Er habe sich vor einem halben Jahr umgehend an die ukrainische Spionageabwehr gewandt - einen ukrainischen Geheimdienst, der ausländische Agenten enttarnen soll. Dieser habe ihn befohlen, die Gespräche mit Piwowarkin am Laufen zu halten.

Vor Gericht sagte German, er habe sich bewusst Zumbaljuk als Killer ausgesucht. "Er ist Ex-Mönch und kann gerade deswegen einfach nicht auf Unbewaffnete schießen“, sagte der Unternehmer wörtlich. Außerdem habe die Spionageabwehr damit gerechnet, dass Zumbaljuk dem Inlandsgeheimdienst berichten werde, da die Donbass-Soldaten für solche Fälle geschult worden seien.

Offenbar politische Grabenkämpfe

Doch warum stimmten sich die beiden Geheimdienste nicht ab? Beide gehören zu unterschiedlichen Behörden: Der Inlandsgeheimdient ist dem Präsidentenamt von Petro Poroschenko unterstellt, die Spionageabwehr hingegen Innenminister Arsen Awakow. Zwischen beiden herrschen politische Spannungen. Der angebliche Mittelsmann, Unternehmer German, behauptet nun, er sei Opfer der Grabenkämpfe zwischen den ukrainischen Sicherheitsbehörden geworden.

Warum wurde der Mord inszeniert?

Doch warum hat der ukrainische Inlandsgeheimdienst den geplanten Mordanschlag nicht einfach nur vereitelt, sondern ihn inszeniert? Der SBU behauptet in diesen Tagen, er sei durch dieses Manöver an die Mordliste gelangt, auf der weitere 30 Personen stehen würden. Danach habe man German festgenommen. Überzeugend wirkt das nicht.

Denn German behauptet wiederum, dass er die Liste nach dem inszenierten Mord umgehend an die Spionageabwehr weitergeleitet habe. Die Operation sei jedoch als geheim eingestuft worden, weil man dem Inlandsgeheimdienst nicht vertraue. Dort könnten möglicherweise Doppelagenten arbeiten, die nicht nur der Ukraine sondern auch Russland dienten.

Was Babtschenko von allem hält

Und was sagt zu allem der russische Journalist Babtschenko, der für ein paar Stunden angeblich tot war, aber in Wahrheit wohlauf ist? Er erklärte am Donnerstag: "Ich vertraue dem Inlandsgeheimdienst. Alles, was mir erklärt wurde, klingt plausibel. Aber ich weiß selbst nicht genau, wozu der SBU die Inszenierung brauchte." Ganz überzeugt von der skurrilen Geheimdienstaktion ist damit selbst Babtschenko nicht.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: FERNSEHEN | 01.06.2018 | 17:45 Uhr

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