Interview Kreislauf der Gewalt endlich stoppen

Robertas Povilaitis ist Psychologe und betreut eine telefonische Hotline, an die sich litauische Kinder wenden können, die zu Hause Opfer von Gewalt geworden sind. Letztes Jahr erreichten ihn mehr als 3.000 Anrufe.

von Vytene Stasaityte

Robertas Povilaitis
Bildrechte: Robertas Povilaitis /MDR

Wir groß ist das Problem in Litauen?

Die Statistik zeigt, dass im Jahr 2015 fast 1.600 Kinder Opfer von Gewalt geworden sind. Die offizielle Statistik bildet aber nur die Spitze des Eisbergs ab und spiegelt nicht die reale Lage. In unserer Gesellschaft gibt es enorm viele Fälle, wo Kinder körperlich und seelisch verletzt werden. Viele Kinder erzählen niemandem von der Gewalt, die sie in ihren Familien erleben, weil sie eingeschüchtert sind oder Angst haben, ihre Nächsten zu kränken oder zu verlieren. Oder sie glauben nicht, dass ihnen jemand helfen kann. Zugleich empfinden viele Erwachsene physische Strafen als normal, weil sie selbst so erzogen wurden und weil sie nicht wissen, dass man Kinder auch anders erziehen kann. Ein großer Teil der Gesellschaft ist der Meinung, dass Kindererziehung eine rein private Sache der Familie ist und man sich nicht einmischen soll, auch wenn z. B. der Lehrer die blauen Flecken auf dem Körper seines Schülers bemerkt. Doch wenn Kinder physisch bestraft weden, dann lernen sie, dass Gewalt akzeptiert wird und ein Mittel zur Durchsetzung von Autorität und Respekt ist. Eine Strafe ist eine Erniedrigung. Sie macht klar, wer der Ranghöhere ist und wem man gehorchen muss. Wir müssen diese Gewaltspirale stoppen.

Wie steht Litauen im Vergleich zu den Nachbarländern und Westeuropa da?

In mehr als 50 Ländern der Welt, darunter in 28 europäischen Ländern, ist es gesetzlich verboten, physisch und psychisch Gewalt auf Kinder auszuüben. Auch in unseren Nachbarländern Polen, Lettland und Estland ist das so. Das Komitee für Kinderrechte der Vereinten Nationen hat Litauen ausdrücklich aufgefordert, das Verbot im Gesetz zu verankern. Die litauischen Politiker stellen sich jedoch quer und zögern, die Gesetze zu verabschieden.

Wie wichtig ist es, das Gesetz zu verabschieden?

Wir müssen endlich jegliche Gewalt gegenüber Kindern gesetzlich verbieten, wenn uns der Wandel der Gesellschaft wichtig ist. Wir müssen die hohe Toleranz gegenüber Gewalt in unserer Gesellschaft bekämpfen, damit unsere Kinder zu gesunden, verantwortlichen, selbstständigen, sich und andere respektierenden Menschen werden. [...] Die Gewalt muss möglichst schnell erkannt und gestoppt werden. Die betroffenen Familien sollen rechtzeitig Hilfe kriegen, damit es nicht zu einer Tragödie kommt. Ohne das Gesetz ist es für die verschiedenen Institutionen jedoch schwer, Hilfe zu leisten und vorzubeugen, z. B. durch Schulungen für die Eltern, psychologische und soziale Beratung, Selbsthilfegruppen usw. Wir sollten den guten Erfahrungen, die beispielsweise in Schweden gemacht wurden, folgen. 1979 wurde dort den Erwachsenen gesetzlich verboten, Kinder mit Gewalt zu bestrafen. In den 20 Jahren danach gab es eine enorme Entwicklung in der schwedischen Gesellschaft. Die Zahl der Kinder, die Gewalt erleben, ist von 50 Prozent im Jahr 1980 bis auf 10 Prozent im Jahr 2000 geschrumpft.

Häusliche Gewalt ist in Osteuropa weiter verbreitet als im Westen. Warum ist das so?

Das ist eine Frage, die größere Studien und Analysen braucht. Der berühmte litauische Kinderpsychiater Dainius Pūras hat erklärt, dass die totalitären Regime die Gesellschaften in Osteuropa traumatisiert haben. Staatliche Gewalt, Strukturen, die gegen das Individuum gerichtet waren, haben die Gewalt unter den Menschen (gegeneinander und gegen sich selbst) gefördert. Das sei auch der Grund für die hohen Selbstmordraten und das verbreitete Mobbing. Das sind alles verschiedene Arten von Gewalt.

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2017, 11:48 Uhr