Kampf ums Präsidentenamt in Tschechien Jiří Drahoš - der Anti-Zeman

Die Präsidentschaftswahl in Tschechien geht in die zweite Runde. Heute und morgen entscheiden die Tschechen, wer in den nächsten fünf Jahren auf der Prager Burg residiert. In der Stichwahl treten Amtsinhaber Miloš Zeman und der Wissenschaftler Jiří Drahoš gegeneinander an. Drahoš werden gute Chancen eingeräumt. Wer ist eigentlich der Herausforderer von Zeman?

von Helena Šulcová

Milos Zeman gestikuliert beim TV-Duell mit seinem Konkurrenten Jiri Drahos.
Amtsinhaber Zeman während des zweiten TV-Duells am Tag vor der Stichwahl - auch hier sichtlich in seinem Element. Bildrechte: IMAGO

Die Debatte im Privatfernsehen Prima TV erinnerte eher an eine lokale Unterhaltungsshow: In einem Sessel saß Staatspräsident Tschechiens Miloš Zeman, in dem zweiten sein Herausforderer Jiří Drahoš. Das Duell fand in einem Theatersaal statt. 400 Anhänger konnte jeder Kandidat mitbringen, und so sah es auch aus: Schreien und Buhen unterbrachen immer wieder die Debatte. Eine schwierige Situation für den Professor, der erst vor einem Jahr die Akademie der Wissenschaften verlassen hat. Zeman hingegen hat sich wie ein Fisch im Wasser gefühlt: Mit Lächeln, Bonmots und harten Worten gegen seinen Konkurenten zog er durch die Sendung. Man hätte den Eindruck gewinnen können, dass Zeman nicht nur als Gast, sonder auch als Gastgeber der Sendung im Einsatz ist.

Drahoš mit Problemen beim TV-Duell

Tschechischer Präsidentschaftskandidat Jiri Drahos
Jiří Drahoš war mehr als 45 Jahre im akademischen Betrieb Bildrechte: IMAGO

In Jiří Drahoš wirkte auf mich wie ein Student, der sich zwar auf die Prüfung gut vorbereitet hat, vor dem Lehrer aber auf einmal alle Kenntnisse vergisst. Drahoš konnte sich kaum konzentrieren. Das laute Publikum störte ihn. Bei Diskussionen mit Akademikern buht man halt nicht. Drahoš versuchte sich durchzusetzen. Mit komplizierten, von Nervosität verwirrten Sätzen, gelang es aber kaum. 

Nur das Ende der Sendung hat Drahoš besser geschafft: Als sich der Moderator verabschiedet hat, ist Zeman sitzengeblieben, Drahoš dafür ist promt aufgestanden! Miloš Zeman leidet an Neuropathie, einer Nervenkrankheit, die dazu führt, dass er große Probleme beim Stehen und Gehen hat. Ein Thema, dass die Anhänger von Jiří Drahoš ständig anbringen. Einige hatten sogar gefordert, dass die TV-Duelle im Stehen stattfinden sollten. Schade, dass der renommierte Chemie-Professor dieses Beine-Spiel spielen muss. Aber sich mit Worten gegen den exzellenten Rhetoriker Zeman durchzusetzen, ist halt schwer. 

Ein Marsmensch ohne Erfahrung? 

Jiří Drahoš ist 68 Jahre. Er stammt aus Jablunkov, einer Kleinstadt im östlichsten Teil des Landes, an der Grenze zu Polen und der Slowakei. Da hat er auch seine Präsidentschaftskandidatur im vergangenen Jahr bekanntgegeben.

Drahoš studierte Chemie und arbeitete seit 1973 in der Akademie der Wissenschaften. Acht Jahre lang, von 2009 bis 2017 war er Vorsitzender der Akademie. Zeit seines Berufslebens bewegte sich Drahoš also in einer elitären Umgebung. "Er ist ein Marsmensch", sagte der ehemalige Präsident Vaclav Klaus einmal in einem Interview über Drahoš. Klaus wies darauf hin, dass Drahoš keine politische Erfahrung habe und betonte: "Das Amt benötigt mehr, als nur auf der Prager Burg zu sitzen." Man müss einige Kenntnisse und Erfahrungen auf der einen Seite, und auf der anderen Seite eine klare Meinung haben. In all diesen Disziplinen habe Drahoš seiner Meinung nach ein Defizit. 

Trotzdem: Umgang mit Politikern gewöhnt

Tschechischer Präsidentschaftskandidat Jiri Drahos
Drahoš auf Wahlkampf vor der entscheidenden Runde am 26. und 27. Januar Bildrechte: IMAGO

Drahoš hat 45 Jahre als Wissenschaftler gearbeitet. Politisch war er nie aktiv. Als Vorsitzender der Akademie traf er aber oft auf  Politiker und musste mit ihnen verhandeln. 2009 wollte die Regierung das Budget für die Akademie der Wissenschaften kürzen. Drahoš erkämpfte aber in Verhandlungen mit dem damaligen Regierungschef Jan Fischer die gleiche Summe wie im Jahr zuvor. "Er ist weder ein Marsmensch, noch naiv," erinnerte sich Fischer im Interview mit der Zeitung "MF DNES". "Ich war sehr überrascht, wie hart er um das Geld gehandelt hat. Mit Fakten!" 

Keine klare Meinung zur Migration 

Drahoš ist ein pro-europäsicher Politiker. Genauso wie Zeman wünscht er sich, dass die Tschechische Republik in der Europäischen Union bleibt, genauso wie Zeman unterstützt er die Einführung des Euro, würde aber keinen Druck gegen den Willen der Bevölkerung in dieser Frage machen. In Tschechien sind 85 Prozent der Bevölkerung gegen den Euro. 

Tschechischer Präsidentschaftskandidat Jiri Drahos
Jiří Drahoš mit seiner Ehefrau Eva Drahošova. Das Paar hat zwei Töchter. Bildrechte: IMAGO

Nicht ganz klar ist Drahoš' Position zur Migration. Miloš Zeman ist bekanntermaßen ein harter Kritiker der Migrationspolitik der Europäischen Union. Jiři Drahoš sagt inzwischen bei jeder Diskussion, dass er gegen eine EU-Quote zur Aufteilung von Flüchtlingen ist. Im Sommer 2015, während der großen Migrationswelle, unterschieb er aber eine Petition mit dem Titel "Wissenschaftler gegen Angst und Gleichgültigkeit". In dem Dokument steht zum Beispiel: "Alle, die in Europa Zuflucht suchen, sollten eine sichere und würdige Behandlung erhalten." 

Noch im Juni 2017 sagte Drahoš, dass es kein Problem sein sollte, 2.600 auf ihre Sicherheit überprüften Flüchtlinge oder Migranten aufzunehmen. Und vor der Wahl sagte er: "Ich sage von Anfang an, dass die EU-Quote falsch ist. ... Wir entscheiden selbst, wer bei uns leben wird." 

Auch deswegen zweifelt man, ob Drahoš ein Mensch der klaren Meinungen ist. 

Hauptsache Anti-Zeman 

Würde nur das erste TV-Duell bei Prima TV entscheiden, hätte Jiří Drahoš keine Chance, gegen Miloš Zeman zu gewinnen. Viel besser hat er die zweite TV-Debatte beim öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen absolviert, die einen Tag vor der Stichwahl in dem Konzertgebäude Rudolfinum in der Prager Altstadt stattfand. Drahoš gab sich souveräner und angriffslustiger.

Auch wenn Drahoš Vorschritte gemacht hat, ist er kein charismatischer Leader, und seine politische Erfahrung ist gleich Null. Falls er gewinnt, dann nur, weil er ein Gegenentwurf zur Person und Politik des Amtsinhabers ist, weil er ein Anti-Zeman ist. Viele Menschen in Tschechien können Zeman einfach nicht mehr ertragen und würden notfalls sogar lieber Donald Duck oder Pippi Langstrumpf wählen. Hauptsache, nicht Zeman. 

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: Radio | 26.01.2018 | 06:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2018, 13:54 Uhr