Ungarn nach der Wahl Warum junge Ungarn schwarz für ihre Zukunft sehen

"Wir sind die Mehrheit" – unter diesem Motto sind ungarische Bürger am Samstag in Budapest erneut gegen die Regierung auf die Straße gegangen. Unter den Organisatoren der Proteste sind auch Jugendliche aus dem Unabhängigen Jugendparlament, das für eine modernere Bildung kämpft. Unsere Ostbloggerin Piroska Bakos hat mit drei Mitgliedern der Organisation gesprochen.

von Piroska Bakos

Jugendliche in Budapest
Olivér, Alexandra und Viktor (v.l.) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihre Gesprächspartner sind die Gymnasiasten Alexandra Fehér (18) und Olivér Orszag (17) sowie der 20 Jahre alte BWL-Student Viktor Gyetvai. Gyetvai hat vor vier Jahren das "Unabhängige Jugendparlament" gegründet. Das Gremium versteht sich als regierungskritisch, nicht als regierungsfeindlich. Es möchte die Arbeit der Regierung kontrollieren und Anregungen geben. Die drei Jugendlichen  waren vor der Parlamentswahl am 8. April 2018 durchaus optimistisch. Dass die Orbán-Regierung abgewählt wird, hielten sie zwar für unrealistisch, doch sie hatten auf ein besseres Abschneiden der Opposition gehofft.

Piroska Bakos: Wie beurteilt Ihr das Ergebnis der Parlamentswahlen?

Alexandra Fehér: Ich bin sehr enttäuscht. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie die Hasskampagne der Regierung so erfolgreich sein kann. Ich bin überzeugt, dass viele Wähler einfach unkundig waren, sie dachten, alles sei wahr, was Medien über sogenannte Migranten vermitteln.

Viktor Gyetvai: Dass die Regierung die Wahlen ohne Programm, nur mit dem Thema "die Migranten gefährden unsere westliche, christliche Kultur", gewinnen konnte, ist traurig. Die Wahlergebnisse zeigen, dass sogar intelligente, rational denkende Menschen dieser gehässige Rhetorik glauben. Die Opposition hat sich blamiert. Das Wahlergebnis ist auch ihre Schuld.

Olivér Ország: Ich wollte in einem erfolgreichen Land aufwachsen. In einem Land, wo die Regierung eine Politik betreibt, die Entwicklung garantiert und unseren Platz in der EU sichert. Ich sehe stattdessen nur Angst und Hass.  Ich glaube, ich habe hier keine Zukunft.

Piroska Bakos: Welche Konsequenzen zieht Ihr? Kämpft Ihr weiter?

Viktor Gyetvai: Wir beim Jugendparlament haben aus meiner Sicht getan, was wir tun konnten. Wir haben Diskussionsrunden organsiert und umfangreiche Anregungen für eine Bildungsreform an das zuständige Ministerium geschickt. Eine Antwort steht bis heute aus. Und wir haben drei Großkundgebungen veranstaltet. All das hatte keinen Effekt. Ich glaube, ich und viele andere junge Menschen werden auswandern und bei den nächsten Wahlen als Auslands-Ungarn abstimmen.

Piroska Bakos: Und was wird aus dem Jugendparlament?

Viktor Gyetvai: Wir sind in einer schwierigen Lage: Die Orbán-Regierung betrachtet uns als "Soros-Puppentheater" und lehnt uns als Gesprächspartner ab. Wir brauchen deshalb eine neue Strategie. Ich glaube, wir müssen uns mehr mit den Schülern und Studenten selbst beschäftigen, ihnen beibringen, warum die Interessenvertretung von größter Bedeutung ist.

Piroska Bakos: Eure Arbeit konzentrierte sich am Anfang auf die Qualität der Bildung. Welche Probleme seht Ihr dort?

Olivér Ország:  Eines der größten Probleme ist die Überforderung. Unser Stundenplan ist übervoll. Man pumpt uns mit lexikalischem Wissen voll, statt uns selbstständiges Denken beizubringen. Es entsteht der Eindruck, dass wir nicht zu aktiven Staatsbürgern erzogen werden sollen. Obwohl das aus unserer Sicht ein elementares Ziel der Bildung sein sollte.

Viktor Gyetvai: Unsere Schulen bereiten uns nicht darauf vor, dass wir uns auf einem Arbeitsmarkt bewegen müssen, der sich ständig verändert. Auch als kritisch denkende Menschen werden wir nicht fit gemacht. Über demokratische Spielregeln lerne ich viel mehr in unserer Zivilorganisation, wo ich Events organisiere und Debatten führe. Unsere Schulen gleichen eher Kinderbetreuungs-Anstalten.

Piroska Bakos: Was gefällt Euch in Ungarn zurzeit am wenigsten?

Olivér Ország: Mir macht Sorgen, wie Ungarn im Ausland wahrgenommen wird. Viele sehen sicher ein Land, das EU-Gelder annimmt, gemeinsame Werte aber nicht mehr akzeptieren will. Auch ein Land, in dem Korruption blüht.

Alexandra Fehér: An allen Ecken hängen Plakate mit Parolen wie: "Soros würde das Land mit Migranten überschütten". Mich erschüttert, wie stark die Regierungspropaganda bei Kindern wirkt. Letzten las ich, dass eine Partei beim Fangespielen Anstecker mit der Aufschrift "Migranten" getragen haben soll. Und Schulkinder verspotten neuerdings ihre chinesischen Klassenkameraden als Migranten.

Viktor Gyetvai: Mich besorgt der Zustand unseres Gesundheitssystems. Es darf nicht sein, dass man auf eine Routineuntersuchung monatelang warten muss oder dass man, wie meine Großmutter, nach einer Knieoperation eine Infektion bekommt uns beinahe an einer Lungenembolie stirbt. In Gesundheit und Bildung investiert unser Land nicht genug. Mich stört auch, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht und dass wir in einem Mehrparteiensystem ohne richtige Demokratie leben, in dem eine sehr gut organisierte Minderheit mithilfe des Wahlsystems regiert.

Piroska Bakos: Ist aus Eurer Sicht für all das ausschließlich die jetzige Regierung verantwortlich?

Olivér Ország: Die Kultur der Demokratie hat sich in Ungarn nicht herausgebildet. Deswegen brauchen wir die Jugendlichen. Sie sind die Hoffnung, dass sich etwas verändert.

Viktor Gyetvai: Sicher hat die Fidesz-Regierung einen Einfluss, doch die Ungarn sind auch selbst verantwortlich für ihre Lage. Aus meiner Sicht dachten zu viele Menschen nach der Wende, der Übergang vom Sozialismus zur westlichen Demokratie erledige sich von selbst. Doch Demokratie basiert auf Teilnahme.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 20.04.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2018, 22:38 Uhr

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