Russland Putin: Mehr Kinder für Russland

Nach Jahren des Aufschwungs sorgen sinkende Geburtenzahlen in Russland wieder für Probleme. Mit Geld allein lassen sich diese jedoch nicht lösen.

von Maxim Kireev

Im nächsten Jahr will sich Wladimir Putin wieder zum Präsidenten Russlands wählen lassen. Doch der heutige Amtsinhaber hat ein Problem. Denn die Menschen, die er regieren will, werden wieder weniger. Dabei haben Moskaus Statistikbehörden erst vor wenigen Jahren jubiliert. Zum ersten Mal nach dem Ende der Sowjetunion wurden in einem Jahr mehr Kinder geboren als Menschen in Russland gestorben sind. Über Jahre galt das demografische Problem als eines der schwersten, mit denen das Land zu tun hatte. Doch nach der Jahrtausendwende stieg die Zahl der Geburten wieder an. Im Rekordjahr 2015 sind mit 1,9 Millionen Neugeborenen fast 700.000 mehr Kinder auf die Welt gekommen als in Putins Amtsantrittsjahr 2000.

Osteuropa

Maxim Kireev 3 min
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Warum die Russen nicht so wollen, wie der Staat will.

Di 12.12.2017 11:40Uhr 03:16 min

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Anreize zum Kinderkriegen

Diese Entwicklung haben sich Russlands Machthaber gerne auf die Fahnen geschrieben. Eines der Instrumente, mit denen der Kreml die Russen zum Kinderkriegen animieren wollte, ist etwa das so genannte "Mutterschaftskapital" in Höhe von knapp 6.000 Euro, das der Mutter für das zweite Kind zusteht und etwa in den Erwerb einer Wohnung oder in die Rentenvorsorge investiert werden kann. Sich das Geld auszahlen lassen, ging indessen nicht.

Geld ab dem ersten Kind

Doch diese Maßnahme scheint längst nicht mehr auszureichen. Erst kürzlich hatte der Präsident deshalb einen neuen Plan präsentiert. So sollen ab dem kommenden Jahr Eltern schon für das erste Neugeborene ein Kindergeld in Höhe von etwa 150 Euro monatlich für die Dauer von anderthalb Jahren bekommen.

Es geht um die Zukunft unseres Landes, und darum, dass möglichst viele Kinder auf die Welt kommen.

Putin

Gleichzeitig sollen Familien mit zwei und mehr Kindern bei der Eigenheimfinanzierung gefördert werden. Zinsen oberhalb von sechs Prozent zahlt der Staat, während derzeit Sätze von zwölf und mehr Prozent keine Seltenheit sind. Auch will der Staat mehr Geld in Kinderkrippen und Krankenhäuser für Kinder investieren.

Kritiker werfen ihm Propaganda vor

Kritiker beeilten sich, den Schritt als Geschenk für die anstehende Wahl 2018 kleinzureden. "Propagandistisch hat Putin die Kampagne mit seiner Demografie-Initiative schon gewonnen", meint etwa der Politikwissenschaftler und Berater Walerij Solowej. Dabei hatte der Minister für Arbeit und Soziales Maxim Topilin schon im Frühjahr bei einem Treffen mit Putin zu einer Korrektur der Familienpolitik gemahnt. "Die Zahl der Frauen im Alter zwischen 20 und 39 wird in den kommenden fünfzehn Jahren um ein Viertel sinken", sagte der Minister. Als Folge werden auch weniger Kinder geboren. Die Entscheidung ist also wohl mehr als nur ein Wahlgeschenk.

Die Kinder bleiben aus

Der Grund für die wieder abflauenden Geburtenzahlen liegt in einer wellenartigen demografischen Entwicklung. Demografen bezeichnen das gerne auch als "Echo des Krieges", zum Beispiel als in den 1940er-Jahren zu wenig Kinder auf die Welt kamen. Die Krise der 1990er-Jahre hat dies nur verschärft. Waren für den kürzlichen Aufschwung also noch Eltern mit einem Geburtsjahr in den 1980er-Jahren verantwortlich, so ist nun die geburtenschwache Generation der 1990er-Jahre an der Reihe. Nicht zuletzt deswegen prognostizieren die Demografie-Experten des Statistikamtes Rosstat in ihrem Basisszenario, dass in Russland spätestens bis zum Ende des Jahrzehnts jährlich 150.000 mehr Russen sterben als geboren werden.

Bisherige Maßnahmen

Dass die neuen Maßnahmen den Trend umkehren werden, daran glauben nur die wenigsten Experten. Dabei hat der Staat bereits einige dringende Probleme angepackt. So wurden nach offiziellen Angaben in den vergangenen beiden Jahren 300.000 neue Kindergartenplätze geschaffen. Außerdem sehen russische Gesetze nicht nur einen halbjährigen Schwangerschaftsurlaub für Mütter vor, die währenddessen ihr normales Gehalt weiter bekommen. Nach der Geburt eines Kindes können entweder Mutter oder Vater, aber auch andere Verwandte wie Großeltern einen Erziehungsurlaub nehmen, bis das Kind 18 Monate alt ist. Währenddessen erhalten sie bis zu 40 Prozent ihres Gehalts vom Arbeitgeber, jedoch nicht mehr als 350 Euro.

Kritiker fordern Reform des gesamten Sozialsystems

Die Situation wird allerdings dadurch verschärft, dass noch immer viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter in Teilen schwarz bezahlen, um Beiträge zur Sozialversicherung zu sparen. Die Leistungen für Mütter und Väter bemessen sich jedoch an dem offiziellen Lohn, der meist viel geringer ist als der tatsächlich ausgezahlte. Unter diesen Umständen glauben Experten, dass Putins neue Initiative kaum das Ruder der demografischen Entwicklung herumreißen wird. "Schon als das Mutterschaftskapital 2007 eingeführt wurde, hat das vor allem dazu geführt, dass Eltern nur die Geburt ihres zweiten Kindes vorgezogen haben", erklärt Sergej Zacharow vom Demografie-Institut der Moskauer Higher School of Economics und ergänzt: "Nur die wenigsten haben aber mehr Kinder bekommen, als sie ohnehin geplant hatten." Damit sich dies ändere, brauche man kein zusätzliches Kindergeld, sondern müsse insgesamt das Sozialsystem reformieren. "Damit die Eltern wissen, dass sie ihre Arbeit nicht verlieren und sich sicher sein können, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung und Gesundheitsversorgung bekommen", resümiert der Experte.

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2017, 18:59 Uhr