Anhänger der Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats bei einer Prozession durch Kiew
Anhänger der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats bei einer Prozession durch Kiew Ende Juli 2017. Bildrechte: IMAGO

Ukraine Machtkampf um den Glauben

1992 gründete eine Gruppe von Christen in der Ukraine eine eigene orthodoxe Kirche - mit einem Patriarchat in Kiew. Sie liegt mit dem Moskauer Patriarchat im Clinch. Der Konflikt ist auch an der Kirchenbasis zu spüren.

von Denis Trubetskoy

Anhänger der Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats bei einer Prozession durch Kiew
Anhänger der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats bei einer Prozession durch Kiew Ende Juli 2017. Bildrechte: IMAGO

3.000 Polizisten, Metalldetektoren und Straßensperren im Kiewer Stadtzentrum: Eine Prozession zur Erinnerung an die Taufe der Kiewer Rus versetzte Ende Juli die ukrainischen Behörden in Alarmbereitschaft. Polizeiangaben zufolge waren rund 15.000 Gläubige dem Aufruf der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats gefolgt. In diesem Jahr verlief der Umzug friedlich.

Spaltung der orthodoxen Kirchen

Dass die ukrainischen Sicherheitsbehörden bei der Prozession Auseinandersetzungen befürchteten, kommt nicht von ungefähr. Seit Jahren toben Machtkämpfe um den Glauben in der Ukraine – zwischen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP) und des Kiewer Patriarchats (UOK-KP). 1992 – ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine – hatte sich auch eine Gruppe Geistlicher aus der orthodoxen Kirche abgespaltet und ein eigenes Patriarchat in Kiew gegründet. Bis heute wird sie weder vom Moskauer Patriarchat noch von den meisten anderen orthodoxen Kirchen anerkannt.

Nicht mehr vertreten gefühlt

Dennoch wechseln seit Jahren – vor allem in der Westukraine - immer mehr Gläubige von der Kirche des Moskauer Patriarchats in die des Kiewer Patriarchats, weil sie sich von der Moskauer Kirchenleitung nicht mehr vertreten fühlen, da sie stark die Politik von Kremlchef Wladimir Putin unterstützt. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill begrüßte in der Vergangenheit wiederholt die 2014 erfolgte Übernahme der Halbinsel Krim und bekundete öffentlich seine Unterstützung für pro-russische Separatisten in der Ostukraine. Ein Teil der Ukrainer hält deswegen die orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats für einen verdeckten "Agenten Russlands" im eigenen Land.

Konfessionelle Zwischenfälle

Längst führen die politischen Konflikte zwischen Kiew und Moskau auch zu konfessionellen Spannungen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) berichtete in den vergangenen Jahren regelmäßig von Zwischenfällen in einem Teil der orthodoxen Kirchgemeinden in der Ukraine. Im Desnjanskij-Bezirk in Kiew wurde beispielsweise im Januar 2015 eine Kirche des Moskauer Patriarchats angezündet. Im Osten der Ukraine wächst hingegen der Widerstand gegen das Kiewer Patriarchat. Als die Kirchführung in Mariupol 2015 eine orthodoxe Kirche bauen wollte, gab es heftige Proteste.

Bestattung von gefallenem Soldaten verweigert

Die Anführer der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats bei einer Predigt auf einem Hügel in Kiew
Der Metropolit der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, Onufrij beim Gebet auf dem Wladimir-Hügel von Kiew am 27. Juli 2017. Bildrechte: IMAGO

Wer von den beiden größten orthodoxen Kirchen im Land die meisten Gläubigen zählt, ist schwer zu sagen. Die Zahlen in den Umfragen differieren, je nachdem, wer die Statistik führt. Mal werden rund 40 Prozent der Gläubigen für die Kirche des Moskauer Patriarchats ausgewiesen, mal für die Kirche des Kiewer Patriarchats.

Aus der Geschichte heraus verfügt die Kirche des Moskauer Patriarchats im Land über die meisten Gemeinden. Doch immer mehr Gläubige treten aus, auch weil sie meinen, dass die Geistlichen die ukrainischen Soldaten im aktuellen Ostukraine-Konflikt nicht ausreichend moralisch unterstützen würden. Für Diskussion sorgte zuletzt ein Fall im westukrainischen Lviv. Dort weigerte sich eine Kirchgemeinde des Moskauer Patriarchats, einen im Donbass getöteten Soldaten zu bestatten. Als eine Debatte darüber entbrannte, sprach die Kirche von einem "zufälligen Fehler".

Abgeordnete fordern mehr Maßnahmen

Der Abgeordnete des ukrainischen Parlaments, Anton Geraschtschenko, will an solche Zufälle nicht glauben und wirft der Kirche die Teilnahme an "antiukrainischer Propaganda" vor. "Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats ist ein russisches Instrument, um das Bewusstsein der ukrainischen Bürger zu beeinflussen", meint Geraschtschenko, der nicht nur einfacher Abgeordneter ist. Als Berater von Innenminister Arsen Awakow reichen seine Beziehungen bis ins Kiewer Regierungskabinett. Das sollte nicht einfach zuschauen, wenn in den Kirchen eine Kampagne gegen die Ukraine geführt werde, fordert Geraschtschenko.

Gesetzentwurf im Parlament

Bald könnte der gesetzliche Druck auf die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats stärker werden. Seit April liegt im ukrainischen Parlament ein Gesetzentwurf, der den Umgang mit religiösen Gemeinschaften regeln soll, wenn deren geistiges Zentrum in einem Land liegt, dass der Ukraine feindlich gegenüber eingestellt ist. Auch wenn im Entwurf nebulös von einem "Aggressorstaat" die Rede ist, ist allen klar, dass hier nur Russland gemeint sein kann.

Abstimmung vertagt

Das Gesetzprojekt gilt unter den Abgeordneten als umstritten, auch weil es ein starken staatlichen Einfluss auf die Kirchen vorsieht. So soll beispielsweise künftig die Besetzung von führenden Kirchenfunktionen mit dem Staat abgestimmt werden. Mitte Mai war die Abstimmung im Parlament vorgesehen, doch wurde sie vertagt. Dennoch stehen die Chancen gut, dass der Gesetzentwurf im Herbst gebilligt wird. Dann hätte die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats noch mehr Probleme als heute.

Tag der Taufe der Rus ist ein Gedenktag in Russland und der Ukraine. Er wird am 28. Juli begangen, um an den Kiewer Großfürsten Wladimir zu erinnern, der das Christentum zur Staatsreligion in seinem Reich erklärt hatte. In Umfragen bezeichnen sich rund 65 Prozent der Ukrainer als christlich-orthodox.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: Fernsehen | 05.10.2014 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2017, 17:00 Uhr