Ukrainischer Komiker und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskyj in seiner Rolle als Präsident Goloborodko
Selenskyj in seiner TV-Rolle als Geschichtslehrer Goloborodko, der überraschend ins höchste Amt gewählt wurde. Ein Szenario, dass sich nun auch im realen Leben wiederholen könnte. Bildrechte: Kwartal 95

Wird der Fernsehkomiker Selenskyj ukrainischer Präsident?

Der Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj führt unerwartet mehrere Umfragen zur ukrainischen Präsidentschaftswahl am 31. März an. Ein Sensationssieger, der die beiden Favoriten Julia Timoschenko und Petro Poroschenko ausstechen könnte, scheint damit immer wahrscheinlicher. Besonders pikant dabei: In einer beliebten TV-Serie mimt der Komiker bereits jetzt das Staatsoberhaupt.

von Denis Trubetskoy

Ukrainischer Komiker und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskyj in seiner Rolle als Präsident Goloborodko
Selenskyj in seiner TV-Rolle als Geschichtslehrer Goloborodko, der überraschend ins höchste Amt gewählt wurde. Ein Szenario, dass sich nun auch im realen Leben wiederholen könnte. Bildrechte: Kwartal 95

Erst vor kurzem haben Amtsinhaber Petro Poroschenko und Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko mit viel Pomp ihre Nominierungen für die Präsidentschaftswahl verkündet. Am vergangenen Donnerstag brach dann in beiden Wahlstäben Panik aus. Der Grund: Zum ersten Mal führte der Komiker und Fernsehproduzent Wolodymyr Selenskyj die Umfragen an – ein Kandidat, der schon an Neujahr seine Teilnahme ankündigte, bislang aber nicht sonderlich ernst genommen wurde.

Gute Umfragewerte

In einer Studie der Rating Group, für die in der zweiten Januar-Hälfte rund 6.000 Menschen befragt wurden, kommt der 41-Jährige auf 19 Prozent, während die bisherige Favoritin Julia Timoschenko drei Punkte verliert und nun 18,2 Prozent vorweisen kann. Amtsinhaber Petro Poroschenko liegt mit 15,1 Prozent auf Rang drei. Darüber hinaus würde Selenskyj laut der Rating-Studie jeden anderen Kandidaten in einer potenziellen Stichwahl besiegen. Dabei scheint es sich nicht um einen einzelnen Ausreißer zu handeln. Eine andere Umfrage sagt Selenskyj sogar 23 Prozent voraus. Amtsinhaber Poroschenko ist dort mit 16,4 Prozent auf Platz zwei, Herausforderin Timoschenko kommt auf 15,7 Prozent.

Präsident in TV-Serie

Ukrainischer Komiker und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskyj in seiner Rolle als Präsident Goloborodko
In der TV-Serie "Diener des Volkes" spielt Selenskyj bereits das ukrainische Staatsoberhaupt. Bildrechte: Kwartal 95

Damit könnte der Schauspieler in das Amt kommen, das er im Fernsehen bereits bekleidet. Seit 2015 spielt er in der Satireserie "Diener des Volkes", einer der beliebtesten Fernsehproduktionen der Ukraine, den Geschichtslehrer Wassyl Goloborodko, der nach einer Wutrede in seiner Schule, heimlich von einem Schüler gefilmt, überraschend zum Präsidenten gewählt wurde, aber weiter danach in seiner alten Wohnung mit den Eltern bleibt und gnadenlos gegen Korruption vorgeht. Der Höhepunkt der ersten Staffel: Der korrupte ukrainische Ministerpräsident wird während einer Talkshow vor laufenden Kameras verhaftet.

Verbindungen zum zweitreichsten Oligarchen

Mittlerweile wird die dritte Staffel der Serie produziert, die kurz vor der Präsidentschaftswahl im Sender 1+1 des Poroschenko-kritischen Oligarchen Ihor Komojskyj laufen wird. Im gleichen Sender wurde wenige Minuten vor Mitternacht des 31. Dezember eine Neujahrsansprache Selenskyjs ausgestrahlt, in der er seine Kandidatur verkündete. Die traditionelle Ansprache des amtierenden Präsidenten, eine feste Institution im postsowjetischen Raum, wurde dafür nach hinten gerückt, was für große Aufregung bei ukrainischen Internet-Usern sorgte.

Seitdem wird Selenskyj eine enge Verbindung zum umstrittenen Oligarchen und zweitreichsten Ukrainer Kolomojskyj unterstellt. Selenskyjs Produktionsfirma Kwartal 95, die durch beliebte Serien zum Marktführer in der Ukraine wurde, hat seit 2012 einen zehnjährigen Exklusivvertrag mit Kolomojskyjs Sender 1+1. Die beiden beteuern allerdings, ihre Beziehungen seien ausschließlich geschäftlicher Natur.

Wohlhabender Medienunternehmer

Und in der Tat ist Selenskyj nicht nur als Komiker, sondern als erfolgreicher und wohlhabender Medienunternehmer bekannt. In der für Präsidentschaftskandidaten verpflichtenden Vermögenserklärung gab er unter anderem an, fünf Luxuswohnungen in Kiew zu besitzen. Ob er es mit Transparenz allerdings wirklich so ernst nimmt, bleibt fraglich. Denn obwohl er immer behauptete, seit Beginn des Konflikts mit Russland keine Wirtschaftsinteressen mehr im Nachbarland zu haben, fanden Journalisten von Radio Svoboda heraus, dass eine auf dem Papier zypriotische, von Selenskyj gegründete Firma nach wie vor auf dem russischen Filmmarkt aktiv ist. Der Komiker ist aus der Firma wenige Tage nach der Enthüllung ausgestiegen, ein Beigeschmack bleibt dennoch, obwohl er offenbar so gut wie keine Auswirkungen auf Selenskyjs gute Umfragewerte hat.

Vages Programm

Wofür steht aber der potenzielle Präsident Selenskyj politisch? In erster Linie nach wie vor für die Show. So lässt der 41-Jährige, der aus dem ostukrainischen Krywij Rih stammt und einen Jura-Abschluss vorweisen kann, seinen Wahlkampf in einem Videoblog Schritt für Schritt dokumentieren - das Material wird gelegentlich auch bei 1+1 ausgestrahlt.

In Sachen Wahlprogramm bleibt Selenskyj, der die Ukraine als "Land der Träume" bezeichnet, dagegen sehr vage. Er wolle mehr Volksabstimmungen einführen und die kleinen und mittleren Unternehmer entlasten. Er spricht sich für einen NATO-Beitritt aus und stilisiert sich zum russischsprachigen ukrainischen Patrioten.

Neues Gesicht in der Politik

Und was sagen die "gewöhnlichen" Ukrainer zu dieser Kandidatur? Die Meinungen gehen da auseinander. Olena aus Charkiw, 29 Jahre, PR-Beraterin, meint: "Selenskyj hat keine politische Erfahrung? In unserem Land sehe ich das eher als Vorteil. Er ist ein durchaus ehrlicher, kluger Mensch – und wir brauchen unbedingt neue Gesichter in der Politik."

Ganz anders sieht das Mychajlo, ein 45 Jahre alter Ingenieur aus Lwiw: "Einen Clown als Präsidenten, der dazu noch überwiegend Russisch spricht, das ist nicht in meinem Sinne." Wenn man den Umfragen Glauben schenken darf, könnte dem Komiker und TV-Star am 31. März jedenfalls eine ähnliche Sensation gelingen wie der Kunstfigur, die er im Fernsehen spielt – ziemlich überraschend ins oberste Amt gelangen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Hörfunk: MDR aktuell | 31.12.2018 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2019, 11:20 Uhr

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