Schießerei erschüttert die Krim

Mindestens 19 Menschen sind am Mittwoch an einer Berufsschule in Kertsch auf der von Russland annektierten Krim bei einer Schießerei ermordet worden. Die Motive des erst 18-jährigen Verdächtigen sind bislang nicht klar. Er soll sich nach der Tat selbst erschossen haben.

von Denis Trubetskoy

Bis 11.40 Uhr lokaler Zeit war das ein üblicher Tag in der Technischen Fachoberschule in Kertsch, der östlichsten Großstadt der seit März 2014 von Russland annektierten Krim-Halbinsel. Während einer kleinen Unterrichtspause betrat Wladislaw Rosljakow, ein 18-jähriger Chemie-Schüler im vierten Studienjahr, mit einem Gewehr das Einrichtungsgebäude. Rosljakow schoss dann auf die Menschen im Korridor des ersten Stocks und zündete offenbar eine selbstgebaute Bombe. Das schreckliche Ergebnis: Bisher mindestens 19 Tote und mehr als 40 Verletzte. Rosljakow selbst soll sich nach Angaben von Sergej Aksjonow, dem Ministerpräsidenten der Krim, im Nachhinein erschossen haben.

"Es ist eine kolossale Tragödie, sie ist nicht zu fassen", betont Aksjonow, der sich schnell auf den Weg von der Krim-Hauptstadt Simferopol nach Kertsch machte. Die von der Regierung und dem Ermittlungskomitee zuerst präsentierten Versionen haben sich im Laufe des Tages mehrmals geändert. Zunächst einmal wurde noch eine Gasexplosion im Gebäude der Fachoberschule vermutet. Allerdings haben Zeugen von Anfang an von der Anwesenheit einer bewaffneten Person und der Schießereien berichtet. Dann wurde die Detonation einer Bombe, angeblich in der Kantine, festgestellt. Allerdings haben die getöteten Opfer bisher allesamt Schusswunden.

Russland spricht zunächst von Terroranschlag

Das Präsident Putin direkt unterstehende russische Ermittlungskomitee und die Nationalgarde hatten sich bei der Einordnung der Straftat zunächst auf einen Terrorangriff geeinigt. Derzeit deutet jedoch vieles auf einen Amoklauf hin, obwohl über mögliche Motive des mutmaßlichenTäters noch wenig Konkretes bekannt ist. Mitschüler erzählten dem russischen Sender RBK, dass der Täter bereits mit Bomben experimentiert haben soll. "Er hat die Fachoberschule gehasst, weil die Lehrer böse waren", erzählte ein Bekannter von Rosljakow ebenfalls dem RBK. Die Schießerei wurde inzwischen von russischer Seite statt als Terrorangriff als "Mord von zwei oder mehreren Personen durch eine für die Gesellschaft gefährliche Methode" eingeordnet. Von Moskau aus sind zusätzliche Mitarbeiter des Ermittlungskomitees, des Inlandsgemeindienstes FSB und der Nationalgarde auf die Krim geschickt worden.

Sicherheitskräfte mit schwerem Gerät vor Berufschule in Kertsch
Die Armee ist auf den Straßen von Kertsch präsent Bildrechte: IMAGO

Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass der vermeintliche Täter Wladislaw Rosljakow vor etwa einem Monat einen Waffenschein bekommen und offenbar vor einigen Tagen dazu noch 150 Patronen gekauft hat. "Auf uns wurde geschossen. Eine Freundin wurde vor meinen Augen erschossen. Ich habe gesehen, wie sie gefallen ist und sich nicht mehr bewegte", erzählt eine Augenzeugin in einem im russischen sozialen Netzwerk VK verbreiteten Audio. "Ich sitze auf dem Boden, ich habe sogar Angst, zu Hause zu sein." "Es waren Einzelschüsse, ich habe mehr als zehn gehört", erklärt ein weiterer Augenzeuge der unabhängigen russischen Zeitung Nowaja Gaseta. Im Kleidungsstil von Rosljakow finden einige russische Medien zudem gewisse Parallelen zum damals 18-jährigen Eric Harris, der im April 1999 zusammen mit einem Freund zwölf Schüler an der Columbine High School erschossen hat.

Ausnahmezustand und dreitägige Trauer in Kertsch

Krim-Ministerpräsident Aksjonow hat wegen der Tragödie in Kertsch eine dreitägige Trauer auf der Halbinsel angekündigt. Es gibt auch unbestätigte Meldungen, dass alle Schulen und Kindergärten in Kertsch, wo im Moment etwa 150.000 Menschen leben, vorübergehend geschlossen wurden. "Die Atmosphäre ist angespannt“, erzählt ein Journalist aus Kertsch dem MDR. "Zum einen sind die Straßen auf einmal leerer geworden, zum anderen merkt man schon richtig, dass sehr viele Sicherheitsbeamte bereits aus Moskau angereist sind. Das ist nicht zu übersehen."

Dass der vermeintliche Amoklauf von Kertsch etwas mit den schwierigen ukrainisch-russischen Beziehungen angesichts der Annexion der Krim zu tun haben könnte, scheint derzeit eher unwahrscheinlich. Weil die Ukraine die Halbinsel nach wie vor als eigenes Territorium betrachtet, ist dennoch mit einer klaren Reaktion aus Kiew zu rechnen, die anfangs ausblieb. Zuletzt ist die Lage auf der Krim mehrmals zum Thema geworden. Zum einen wegen der Fertigstellung der russischen Brücke über die Straße von Kertsch, die einen diplomatischen Konflikt um das Asowsche Meer ausgelöst hat. Und zum anderen wegen des bis dahin noch nicht geklärten Chemie-Unfalls in einem Titanwerk in Armjansk, an der Grenze zum von der Ukraine kontrollierten Gebiet.

(zuerst veröffentlicht am 17.10.2018)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: MDR Aktuell | 17.10.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2018, 11:33 Uhr