Neue russische Mädchen auf der Krim

Im April 2014 präsentierten sich die "Die Offizierstöchter" mit einer Aktion auf der Krim. Das Motto: "Ich bin die Tochter eines Offiziers – und auf der Krim ist alles eindeutig". Was sollte damit aber gemeint sein?

von Denis Trubetskoy

Es war einmal ein Kommentar. Als die Annexion der Krim durch Russland Anfang März 2014 bereits voll im Gange war, schrieb ein Nutzer mit einem männlichen Benutzernamen unter einem proukrainischen Video auf Youtube: "Ich komme selbst von der Krim, ich habe 50 Jahre hier gelebt und bin Offizierstochter. Glaubt mir einfach, es ist nicht alles eindeutig hier. Niemand möchte sich abspalten." Der Kommentar wurde schnell zum Meme im russischsprachigen Internet. Zum einen war es zumindest merkwürdig, dass ein solcher Kommentar von einem männlichen Account gepostet wird. Auf der anderen Seite war es schon damals deutlich, dass die Mehrheit der Krim-Bewohner das völkerrechtswidrige Vorgehen Russlands auf der Halbinsel unterstützt.

Ein Meme inspiriert zu einer Bewegung

Bewegung "Offizierstöchter" auf der Krim
Die "Dotscheri Ofizerow" bei ihrer ersten Aktion im April 2014 Bildrechte: Dotscheri Ofizerow

Bis heute ist unklar, wer der Verfasser oder die Verfasserin dieses Kommentars wirklich war. Dass diese drei Sätze allerdings eine ganze Bewegung inspirieren würden, hätte dieser oder diese wohl kaum für möglich gehalten. Doch genau das ist am Ende passiert. Anderthalb Monate später, am 25. April 2014, präsentierte sich eine Organisation namens Dotscheri Ofizerow ("Die Offizierstöchter") mit ihrer ersten großen Aktion. Im Zentrum von Sewastopol, das seit 1783 als Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte dient, sammelten sich die Töchter der Offiziere der russischen Schwarzmeerflotte, die allesamt die für die russische Flotte üblichen gestreiften T-Shirts trugen. Das Motto der Aktion stand auf den zahlreichen Tafeln: "Ich bin die Tochter eines Offiziers – und auf der Krim ist alles eindeutig". Was genau eindeutig sein soll, zeigten die zahlreichen russischen Fahnen sowie Putin-Porträts.

Madina Mirakowa, die derzeit einen Teil der Projekte der "Offizierstöchter" koordiniert, war damals noch nicht dabei. Die 22-Jährige, die ursprünglich aus einer nach Zentralasien deportierten krimtatarischen Familie kommt und erst 1999 mit ihren Eltern auf die Krim zurückkehrte, hat erst aus Sozialen Medien über die Initiative erfahren. Es dauerte jedoch nur wenige Monate, bis sie sich dem Projekt anschloss. "Der Grund war vor allem, dass ich meine Stadt – Sewastopol – liebe, auch wenn ich woanders herkomme. Und sie war von Anfang an russisch geprägt", erklärt Mirakowa ihre Motive. Dabei studiert sie ukrainische Philologie an der Universität Simferopol – und schreibt gerade ihre Diplomarbeit über die berühmte ukrainischsprachige Dichterin Lina Kostenko.

Das neue russische Mädchen

Das große Ziel unserer Bewegung ist, mit medienwirksamen PR-Aktionen das Bild des neuen russischen Mädchens zu propagieren und der ganzen Welt zu zeigen.

Madina Mirakowa
Bewegung "Offizierstöchter" auf der Krim
Angelina Pletenjowa (links) und Madina Mirakowa (rechts) gehören zu den Aktivistinnen der Bewegung Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Wer genau ist dieses neue russische Mädchen? "Sie soll vor allem ihre Heimat lieben, sozial und politisch aktiv sein sowie die für Russland üblichen traditionellen Werte teilen", glaubt die 22-jährige Mirakowa. Die Reihe der Ideen, die die Offizierstöchter bereits umgesetzt haben, ist tatsächlich lang. Unter anderem haben sie Wladimir Putin mit einer Aktion auf einem Schiff der Schwarzmeerflotte zum Geburtstag gratuliert, einen Kalender für den russischen Präsidenten herausgegeben oder auch einen Aufruf an die russische Fußball-Nationalmannschaft aufgezeichnet.

Kult um Putin

Es fällt sofort auf, dass ein bedeutender Teil der Offizierstöchter-Aktionen etwas mit Wladimir Putin zu tun hat. "Putin ist ein großartiger Präsident, wir betrachten ihn als unseren Vater", sagt Angelina Pletenjowa, eine der 80 bis 90 Aktivistinnen der Organisation. Die ebenfalls 22-Jährige ist in Sewastopol geboren und hat in der Stadt der russischen Schwarzmeerflotte, die mit zwei großen Verteidigungen während des Krimkrieges und des Zweiten Weltkrieges zum Teil des russischen Militärmythos wurde, ihr ganzes Leben verbracht. "Es ist die Stadt mit einer besonderen Geschichte – und die Schwarzmeerflotte wird immer Teil davon sein", meint Pletenjowa.

Bewegung "Offizierstöchter" auf der Krim
Eine Ausstellung mit Fotos zum Thema Patriotismus ist das neueste Projekt der "Offizierstöchter" Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Zusammen mit Mirakowa hat sie vor allem bei der letzten großen Aktion der Offizierstöchter mitgewirkt. Fünf Monate lang haben sie "patriotische" Fotos gemacht, um sie schließlich Anfang März in einer Ausstellung zu präsentieren. Im Mittelpunkt: russische Fahnen, Schiffe der Schwarzmeerflotte, die Offizierstöchter selbst – und eben Wladimir Putin. Das Buch mit seinen besten Zitaten wurde sogar während der feierlichen Eröffnung verlost. "Wir würden zwar jeden Anführer unterstützen, der im Interesse des russischen Volkes agiert", betont Marina Midakowa. "Wir hoffen aber, dass Putin so lange wie möglich Präsident bleibt", antwortet sie auf die Frage, was die Offizierstöchter eigentlich machen werden, wenn Putin nicht mehr Russlands Präsident ist.

Russische Jugendunion finanziert die "Offizierstöchter"

Bewegung "Offizierstöchter" auf der Krim
Familie, Staat, Putin, die russsiche Sprache - diese und andere Werte zieren als Wörter die Wand des Clubes der Dotscheri Ofizerow. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Mittlerweile haben sie auch einen eigenen "Club der Offizierstöchter", der sich an der Promenade von Sewastopol befindet und sowohl Büro als auch Veranstaltungsraum ist. Ohne die Finanzierung aus Moskau wären der Club und die Umsetzung einiger Projekte kaum vorstellbar. Dass es sie tatsächlich gibt, ist allerdings kein Geheimnis: Die Offizierstöchter sind Teil des großen russischen Jugendprojektes Set ("Netz") und werden durch die Russische Jugendunion finanziert. Laut den Aktivistinnen ist die ursprüngliche Idee der Offizierstöchter ganz unabhängig entstanden, außerdem haben sie eigenen Aussagen nach große Freiheit in ihrem Engagement. "Der Kontakt mit Moskau ist da, aber wir setzen hier ja eigene Projekte um", erzählt Mirakowa.

Bewegung "Offizierstöchter" auf der Krim
Ungewöhnlich: Die Tatarin Schasne Sulejmanowa ist "Offizierstochter". Ihre Ethnie ist auf der Krim traditionell eher nicht nach Russland orientiert. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Während die allermeisten Aktivistinnen der Offizierstöchter ethnische Russinnen sind, gibt es neben Mirakowa auch eine weitere Krimtatarin in ihren Reihen. "Es ist keine einfache Situation für das Volk, tatsächlich gibt es unterschiedliche Meinungen", sagt Schasne Sulejmanowa (20), die aus Jewpatorija kommt und nun an der Universität Sewastopol studiert. "Mit meiner Teilnahme will ich aber zeigen, dass es der Krim in Russland gut geht. Mit Wladimir Putin haben wir einen weisen und ruhigen Präsidenten. Und dank der Offizierstöchter fühle ich mich einig mit dem ganzen Land."

Drei Jahre nach der russischen Annexion der Krim loben die Offizierstöchter die neue russische Realität auf der Halbinsel im Schwarzen Meer. "Probleme gibt es zwar genug. Russland ist es aber gelungen, in dieser schwierigen Zeit für Stabilität auf der Krim zu sorgen" erzählt Mirakowa. "Gott sei Dank haben wir hier keinen Krieg, wir leben unter einem friedlichen Himmel. Und das ist das Wichtigste." Für sie ist auf der Krim auch drei Jahre danach alles eindeutig. Ob es aber allen Krim-Bewohnern gleichermaßen geht, darf bezweifelt werden.

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2017, 15:17 Uhr

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