Public Viewing in der Altstadt von Dubrovnik
Public Viewing in der Altstadt von Dubrovnik. Bildrechte: IMAGO

Vor dem WM-Finale Kroatiens WM-Auftritt spaltet Nachbarn Serbien

Kroatiens WM-Auftritt spaltet das Nachbarland Serbien. Einerseits kommt der alte Hass wieder zum Vorschein, andererseits feuerten viele Serben den kleinen Nachbarn gegen den favorisierten Fußballgiganten Frankreich an.

von Andrej Ivanji

Public Viewing in der Altstadt von Dubrovnik
Public Viewing in der Altstadt von Dubrovnik. Bildrechte: IMAGO

Kroaten und Serben: Bis heute sind sie sich nicht ganz grün - selbst, oder vor allem, wenn es um Fußball geht. Das sah man vor ein paar Wochen bei der WM-Gruppenphase: Das Wetter ist sommerlich mild. Gaststätten in Belgrad haben für die Fußball-WM in Russland mit Fernsehern aufgerüstet. Die dicht aneinandergereihten Cafés in der Straße Njegoševa im Zentrum der Stadt sind voll. Man trinkt Bier oder Kaffee und schaut sich entspannt das Spiel Argentinien gegen Kroatien an. Noch ist Gruppenphase, noch hat die serbische Nationalmannschaft gute Chancen das Achtelfinale zu erreichen.

Kroaten und Serben: Ein schwieriges Erbe

Als die Kroaten in der zweiten Halbzeit anfangen, überragenden Fußball zu spielen, beginnen auch die ersten Zuschauer, die Kicker aus dem Nachbarstaat anzufeuern. Beim ersten Tor von Ante Rebić hält es die meisten nichr mehr auf ihren Plätzen: Jubel und Applaus aus allen Lokalen. Beim 2:0 hat man den Eindruck, dass mitten in Belgrad lauter kroatische Fans sitzen. Die vierzigjährige Juristin Ana schaut sich erfreut um: "Wie schön", sagt sie, "statt dem ganzen nationalistischen Scheiß, das hier. Das hätte ich nicht erwartet."

Fußball jubelt nach Tor.
Das gefällt nicht allen: Der Kroate Rebić bei seinem Tor. Bildrechte: imago/Kyodo News

"Wie könnt ihr nur für diese Faschisten sein", sagt ein junger Mann aus einer finster dreinschauenden Männerrunde vom Tisch nebenan. Dann die übliche Tirade: Kroaten haben im Zweiten Weltkrieg und im jugoslawischen Bürgerkrieg in den 1990er-Jahren Genozid an den Serben begangen, Kroaten hassen Serben, Kroaten sind Faschisten, Kroaten sind Chauvinisten ... Beim 3:0 für Kroatien in der Nachspielzeit zahlen die Männer demonstrativ und gehen.

Diese kleine Episode mit fünf erbosten Männern in einem Belgrader Café in einer milden Juninacht war nur ein Vorgeschmack auf das, was sich in den kommenden Wochen ereignen sollte - bis zum überraschenden Einzug Kroatiens ins WM-Finale gegen Frankreich am Sonntag, den 15. Juli.

Der albanische Adler

Die Stimmung gegen Kroatien wurde in Serbien zusätzlich aufgeheizt, als die serbische Nationalelf nach der Gruppenphase die Koffer packen musste. Ausschlaggebend war die Niederlage gegen die Schweiz, für die - siehe da - drei gebürtige Kosovo-Albaner spielten. Ausgerechnet Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri erzielten die Tore für die Schweiz und jubelten, indem sie mit den Händen den zweiköpfigen albanischen Adler formten. Da Serbien die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennt, empfand man das als nackte Provokation. Der serbische Nationalstolz litt so heftig, als ob man zum zweiten Mal den Krieg gegen die Kosovo-Albaner verloren hätte.

Raus mit kroatischen Fans

Der Erfolg des katholischen "Erzfeindes" Kroatien war danach für viele Serben wie Salz auf die aufgeriebene nationale Wunde, das Wettern gegen den Nachbarn erreichte seinen Höhepunkt im Viertelfinale beim Spiel Kroatien gegen das slawisch-orthodoxe, brüderliche Russland. "Wer die Kroaten anfeuert, der ist ein Verräter. Wer die Ustaschas (kroatische Faschisten) anfeuert, der soll raus aus Serbien. Wer die Kroaten anfeuert, dem sollte man den serbischen Pass abnehmen", schrieb der bekannte serbische TV-Moderator Ognjen Amidžić auf Twitter.

Aleksandar Vucic
Serbischer Staatspräsident Aleksandar Vučič für Engländer. Bildrechte: IMAGO

Auch von höchster Stelle konnte man hören, für wen serbische Patrioten zu sein haben: "Auch wenn man dieses Spiel tausend Mal wiederholen würde, wäre ich noch immer für Russland. Sollen sich doch diejenigen, die sich beim Westen einschleimen wollen, ärgern so viel sie wollen", erklärte Serbiens allesbestimmender Staatspräsident Aleksandar Vučič. Und vor dem Spiel Kroatien gegen England sagte er, dass die Briten in Serbien "mehr Fans haben werden, als sie je vermuten würden."

Hasswelle in sozialen Netzwerken

Die meisten Boulevardzeitungen gossen danach weiter Öl auf das nie gelöschte Kriegsfeuer. So wurde über die schwarzen kroatischen Trikots diskutiert, die angeblich eine Anspielung auf die Uniformen der kroatischen Ustaschas im Zweiten Weltkrieg sein sollen.

Eine gegen die serbischen Fans der kroatischen Nationalmannschaft gerichtete Hasswelle überflutete buchstäblich die sozialen Netzwerke. "Nun, ich weiß wirklich nicht, wie viele Serben die Kroaten umbringen sollen, damit die Serben kapieren, ob die Kroaten nun ihre Feinde oder Freunde sind", schrieb Bata Jole auf Twitter. Oder: "Wie ich sehe, rufen die Kroaten für Sonntag einen noch stärkeren Sturm als 1995 herbei. Sollen doch nur in Serbien diejenigen die Kroaten anfeuern, deren Arsch immer in Sicherheit und deren Bauch voll war", tweetete Ofkovac. (Während der kroatischen Militäroperation "Sturm" – "Oluja" – flüchteten 1995 rund 200.000 Serben aus Kroatien oder wurden vertrieben, Tausende wurden umgebracht.)

Đoković feuert Kroatien an

Tennisspieler Novak Djokovic reißt Hand nach oben. Publikum applaudiert im Hintergrund.
Tennisspieler Novak Đoković feuert das kroatische Nationalteam an. Bildrechte: dpa

Einen richtigen Wirbelsturm löste aber erst der serbische Tennisstar und Volksheld Novak Đoković aus, als er nach dem Ausscheiden der serbischen Nationalmannschaft klipp und klar schrieb: "Ich bin für Kroatien und hoffe, dass sie den Titel gewinnen." Zwischendurch tweetete er nach den Siegen der kroatischen Kicker: "Bravo Jungs, alle Achtung, nur weiter so".

Das war für viele Serben Hochverrat, so etwas von einem Mann zu lesen, bei dessen Spielen ganz Serbien den Atem anhielt. "Ist mir doch egal, was Đoković gesagt hat. Ich glaube, dass er ein Idiot ist. Und ich wiederhole es: Jeder, der für Kroatien und gegen die Russische Föderation ist, ist ein Psychopath und Verrückter. Er ist reif für das Irrenhaus“, erklärte der Abgeordnete der regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS) Vladimir Đukanović.

Darauf stellte sich die Präsidentin Kroatiens, Kolinda Graber-Kitarović, hinter den serbischen Tennisstar: "Dem großen Menschen und Sportsmann Novak Đoković wünsche ich von Herzen den Einzug ins Wimbledonfinale." Đoković spielte am Samstag vor dem WM-Finale in Moskau im Halbfinale in London gegen Rafael Nadal - und gewann.

Der Hoffnungsschimmer

Der kroatische Erfolg bei der WM in Russland spaltet Serbien. Zwar bringt er das alte nationalistische Gift hervor, doch man gewinnt den Eindruck, als ob sich die Hälfte der Serben vom Kriegsballast befreit hätte und den kleinen Nachbarn im Kampf gegen die Fußballgiganten lauthals anfeuert. Der kroatische Publizist Boris Dežulović hofft, dass sich auch Kroaten dessen bewusst seien, denn "politisch gesehen" sei das gar nicht zu unterschätzen. Und überhaupt nicht selbstverständlich wegen der unbeglichenen historischen Rechnungen und der nationalistischen Politik - sowohl in Belgrad, als auch in Zagreb.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: HÖRFUNK | 15.07.2018 | ab 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2018, 11:22 Uhr

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