Plakat zur Erinnerung an die Ermordung von Jan Kuciak und seiner Verlobten
Plakat zur Erinnerung an die Ermordung von Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova Bildrechte: IMAGO/CTK Photo

Slowakei: Ein Jahr nach Journalisten-Erschießung Nach Kuciak-Mord: Investigativjournalismus boomt

Vor einem Jahr wurden der junge slowakische Enthüllungsjournalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova ermordet. Der Mord hat das Land verändert. Die Polizei konnte mehrere Tatverdächtige fassen. Wer aber den Mord in Auftrag gegeben hat, ist noch immer unklar. Ein Gespräch über die Hintergründe und die Veränderungen im Land mit dem slowakischen Journalisten Tibor Macák.

von Helena Šulcová 

Plakat zur Erinnerung an die Ermordung von Jan Kuciak und seiner Verlobten
Plakat zur Erinnerung an die Ermordung von Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova Bildrechte: IMAGO/CTK Photo

Vier Tatverdächtige sitzen in U-Haft. Wie nah ist die Polizei daran, den Auftraggeber zu finden? 

Ein Tatverdächtiger hat als Auftraggeber den slowakischen Unternehmer Marian Kočner angezeigt, über den Jan Kuciak früher recherchiert hat. Kočner hat zwar jede Beteiligung an dem Mord bestritten, die Polizei ermittelt aber auch in diese Richtung. Es kann jedoch sein, dass an der Spitze der Gang noch jemand anderes stand. Es wird sicher nicht einfach, den Hauptauftraggeber zu finden. Auch bei dem Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia wissen wir noch nicht, wer der Auftraggeber war. 

Dass aber Jan Kuciak wegen seiner Arbeit als Journalist ermordet wurde, steht fest?

Genau. Das bezweifelt keiner. Er war Investigativjournalist, es gab keine anderen Motive. Auch die Tatverdächtigen haben ausgesagt, dass der Grund für seine Ermordung seine journalistische Tätigkeit war. Nur der Tod seiner Verlobten war nicht geplant. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort.

Nach dem Mord an Jan Kuciak gab es große Demonstrationen im ganzen Land. Mehrere Politiker, darunter auch Regierungschef Robert Fico, sind zurückgetreten. Eine direkte Verbindung zwischen dem Mord und slowakischen Politikern hat sich aber mindestens bis jetzt nicht bestätigt. War der Druck der Opposition und der slowakischen Medien auf Fico nicht übertrieben? 

Tibor Macák
Tibor Macák, Journalist beim öffentlich-rechtlichen slowakischen Sender RTVS und Generalsekretär der Vereinigung der Europäischen Journalisten (AEJ), über den Journalistenmord und die Veränderungen in der Slowakei. Bildrechte: Tibor Macák

Der Rücktritt von Robert Fico war die richtige Folge. Auch abgesehen von dem Mord an Jan Kuciak, hätte Fico seinen Posten räumen müssen. Seine Beraterin hatte nach bisherigen Informationen Kontakte zur italienischen Mafia. Unter der Fico-Regierung gab es viele Korruptionsskandale, über die Jan Kuciak berichtete. Aber Fico ist politisch weiter stark, er ist Vorsitzender der stärksten Partei "SMER" und Fraktionschef der Partei im Parlament. 

Robert Fico hat diese Woche angekündigt, dass er wieder Regierungschef werden möchte. Wie stehen seine Chancen für ein Comeback? 

Wie die politische Atmosphäre im Land ist, wird sich jetzt im März bei der Präsidentschaftswahl und im Mai bei der Europawahl zeigen. Bei diesen Wahlen wird sich zeigen, wie groß die Unterstützung für die Regierungspartei SMER ist, deren Chef Fico weiterhin ist. Die entscheidenden Parlamentswahlen sind für nächstes Jahr geplant. Auch wenn Fico und seine Partei die Parlamentswahl gewinnen sollten, ist fraglich, ob jemand mit ihm eine Koalition bilden wird.

Wie hat der Mord an Jan Kuciak die Medienszene in der Slowakei verändert? Haben die Journalisten in der Slowakei Angst, investigativ zu arbeiten?

Ganz im Gegenteil. Nach dem Mord an Jan Kuciak ist die Zahl der Investigativjournalisten in der Slowakei gestiegen und viele politische und unternehmerische Skandale bekannt geworden. Das hat die Redaktionen veranlasst, sich verstärkt diesen Themen zu widmen. Heute hat fast jede Redaktion in der Slowakei eine Investigativabteilung. Das war noch vor einem Jahr nicht üblich. Es ist also wahrscheinlich das Gegenteil von dem eingetreten, was sich die Auftraggeber des Mordes vorgestellt hatten. 

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 31.01.2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 13:27 Uhr

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