Warum polnische Lehrer das Schulsystem lahmlegen

In Polen fand am 8. April der bisher größte Lehrerstreik des Landes statt. 80 Prozent der Schulen blieben geschlossen. Die Lehrer fordern mehr Gehalt und Reformen. Unsere Ostbloggerin hat mit einem Lehrer gesprochen.

Mann mit Brille und mehrere Kinder halten Urkunden in die Kamera
Lehrer Marcin Zaród hat mit seinen Schülern verschiedene Preise gewonnen, etwa in einem Wettbewerb zur Internetnutzung. Am Montag wird auch er an den landesweiten Lehrerstreiks in Polen teilnehmen. Bildrechte: Marcin Zarod

Den Englischlehrer Marcin Zaród habe ich vor ein paar Jahren bei einer Fotoausstellung über die südpolnische Kreisstadt Tarnów kennengelernt. Aus der Ausstellung wurde später ein preisgekröntes Geschichtsprojekt, bei dem die Jugendlichen die Vergangenheit ihrer Heimatstadt Tarnów entdeckten.

Marcin Zaród arbeitet im dortigen Janusz Korczak-Gymnasium und hat zusammen mit seinen Schülern mittlerweile schon viele Erfolge bei internationalen Wettbewerben erzielt. Der 44-Jährige ist ein Kung Fu-Enthusiast mit viel positiver Energie. Kein Wunder, dass er bei den Schülern beliebt ist und 2013 sogar den Titel "Polens Lehrer des Jahres" gewonnen hat.

Aus Liebe zum Beruf

Mit seinen Englischkenntnissen und seinen Kontakten könnte Marcin Zaród problemlos eine andere, besser bezahlte Arbeit finden. Er bereut aber keine Sekunde, als Lehrer zu arbeiten. Zaród liebt seinen Beruf. Doch auch er ärgert sich über die Art und Weise, wie in Polen mit den Lehrern umgegangen wird. "Die Regierung behandelt uns wie Idioten", sagt Zaród.

Nach 23 Jahren im Beruf bekommt er 3.000 polnische Zloty Netto im Monat, also knapp 700 Euro - ein üblicher Lehrerlohn in Polen. Wie 80 Prozent der polnischen Lehrer und Kindergartenerzieher tritt er deshalb am Montag in den Streik. "Ja, es gibt zwar eine ungeschriebene Regel, dass Berufsgruppen wie Lehrer, Ärzte oder etwa Feuerwehrleute nicht in den Streik gehen, damit das Leben funktionieren kann. Aber irgendwann reicht es", sagt Zaród.

Nebenjobs ernähren die Familie

Er spricht von einer Überbelastung der Lehrer: "In unseren Verträgen ist von 18 Stunden Arbeit pro Woche die Rede. Doch niemand rechnet die Zeit für die Vorbereitung des Unterrichts, die Prüfung der Klassenarbeiten und die Durchführung der Examen mit ein. Ich habe mal zusammengerechnet: meine Arbeitswoche als Lehrer beträgt im Schnitt 47 Stunden."

Frau, Mann und zwei Kinder in schwarzen Trainingsanzügen mit Stöckern in der Hand in einer Turnhalle
Aktive Familie: Lehrer Marcin Zaród, seine Frau Dorota und die beiden Kinder betreiben in ihrer wenigen Freizeit Kung Fu. Bildrechte: Marcin Zarod

Die Arbeit, die Marcin Zaród in die von den Schülern und den Eltern so geschätzten internationalen Schülerprojekte reinlegt, kommt ehrenamtlich oben drauf. Mit Übersetzungs- und Weiterbildungstätigkeiten verdient Zaród zusätzliches Geld. "Meine Frau ist auch Lehrerin. Wir haben zwei Kinder, 11 und 14 Jahre alt. Ohne zusätzliche Arbeit würden wir nie über die Runden kommen", sagt der 44-Jährige.

Derzeit liegen die Lehrerlöhne in Polen je nach Gemeinde, Region und Berufsjahren zwischen 600 und 1000 Euro, knapp unter dem polnischen Durchschnittslohn. Die Lehrer-Gewerkschaften fordern für eine Lohnerhöhung von umgerechnet 180 bis 240 Euro im Monat. Die Regierung bietet weitaus weniger. Deshalb treten landesweit 80 Prozent der Lehrer in den Streik.

Strukturwandel ist notwendig

Doch beim Lehrerprotest geht es auch um die Schüler, sagt Lehrer Zaród: "Wenn von Überbelastung die Rede ist, dann sind die Schüler genauso betroffen wie wir Lehrer, wenn nicht sogar schlimmer. Mein Sohn geht in die siebte Klasse. Sein Unterricht beginnt jeden Tag um 7.30 Uhr und endet um 15.30 Uhr. Danach haben sie einen mit Hausaufgaben vollgepackten Nachmittag und Abend."

Das Unterrichtssystem sei auf das Auswendiglernen von mehr oder minder wichtigen Fakten ausgelegt, während ein selbständiges Denken zu kurz komme, meint Zaród. Ein Kind, das keine Zeit für die Erholung und Hobbys habe, sei dem Stress und psychischen Krankheiten ausgesetzt. Mit dem Streik wollen er und die anderen Lehrer auch auf dieses Problem aufmerksam machen.

Prüfungen stehen auf dem Spiel

400.000 Lehrer und Kindergartenerzieher haben sich landesweit für den Streik ausgesprochen. Das bedeutet, dass Millionen von Kindern und Jugendlichen keinen Unterricht bekommen werden. Die Betreuung der Kinder müssen die Eltern übernehmen. Obwohl das für viele Menschen ungeplanten Urlaub oder eine zusätzliche Einspannung der Großeltern bedeutet, höre ich von den betroffenen Eltern kaum ein böses Wort über die streikenden Lehrer.

"Ich finde es einen Skandal, dass ein hochqualifizierter Lehrer ähnlich viel verdient wie ein Verkäufer im Einzelhandel. Die Regierung verteilt Geld an verschiedene Gruppen, warum sollten die Lehrer auf der Strecke bleiben?", sagt etwa meine Freundin Magda. Ihr 15-jähriger Sohn ist besonders betroffen, weil er wie Tausende anderer polnischer Schüler ab Mittwoch die Abschlussprüfungen der Mittelstufe ablegen soll. Ob die Prüfungen überhaupt stattfinden oder ob sie verschoben werden, weiß zur Zeit niemand. Dahinter steckt natürlich ein Kalkül der Streikenden, damit ihr Protest maximale Aufmerksamkeit erhält.

Die streikenden Lehrer bleiben übrigens nicht zu Hause, sondern kommen wie jeden Tag in die Schule, um eine Streikliste zu unterzeichnen. So werden es auch Marcin Zaród und seine Frau Dorota tun. In den Schulen ihrer Kinder, Natalia und Kamil, wird ebenfalls gestreikt. Deshalb nimmt Marcin ihre beiden Kinder mit in die Schule. Dort sollen sie an diesem Tag eine andere Lektion lernen: dass man auch mal um seine Rechte kämpfen muss.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 13.10.2017 | 17:45 Uhr

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