Eine Frau gibt ein interview.
Lehrerin Anna Zając (Bildmitte). Bildrechte: Monika Sieradzka

Lehrerproteste "Gelbwesten" gibt es auch in Polen

In polnischen Schulen herrscht die "Lehrergrippe". Hunderte Lehrer lassen sich aus Unzufriedenheit über zu niedrige Gehälter krankschreiben. Unterrichtsstunden fallen aus, manche Schulen müssen wegen Abwesenheit der Lehrkräfte geschlossen werden. Auf diese Weise wollen die Lehrer die Öffentlichkeit auf ihre Probleme aufmerksam machen. Jetzt drohen die Lehrkräfte mit einem Generalstreik.

von Monika Sieradzka

Eine Frau gibt ein interview.
Lehrerin Anna Zając (Bildmitte). Bildrechte: Monika Sieradzka

Die Grundschullehrerin Anna Zając bringt es auf den Punkt: Mit umgerechnet 500 Euro im Monat sei sie nicht in der Lage, ihre Familie zu ernähren. Ihren Lohnstreifen präsentiert sie Journalisten nach einer der vielen Gesprächsrunden zwischen Lehrergewerkschaft und Schulministerium Anfang Januar 2019. Zając will auch die vorbeilaufende Schulministerin Anna Zalewska auf sich aufmerksam machen, doch diese ignoriert sie einfach.

Hart arbeiten, wenig verdienen

"Die Ministerin versuchte wegzuschauen, als sie an mir vorbeilief. Doch sie kennt die Lehrergehälter genau", sagt Anna Zając. Die Lohnerhöhung, die seit Januar 2019 gelte, könne höchstens die Inflation ausgleichen, erklärt sie. Ähnlich wie die Protestierenden in Frankreich tragen die polnischen Lehrer auch gelbe Westen, wenn sie zu Verhandlungen mit dem Schulministerium anreisen.

Anna Zając kennt den oft wiederholten Scherz, dass das polnische Schulwesen von den Ehemännern der Lehrerinnen finanziert werde. Doch sie findet ihn nicht witzig: "Eine Lehrerin ohne einen gut verdienenden Mann hat ein schwieriges Leben. Wir sind hart arbeitende Frauen und es ist eine Schande, dass wir von den Gehältern unserer Männer abhängig sind", empört sie sich.

Berufswechsel als Alternative

Sie selbst wohnt nach 13 Jahren im Lehrerberuf zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern bei ihren Eltern. Eine eigene Wohnung zu mieten, wäre der Familie zu teuer. Der Kauf einer Wohnung ist nahezu unmöglich, weil das Ehepaar für die Banken nicht kreditwürdig ist. Anna hat neuerdings einen Kurs in Buchhaltung absolviert, weil der Berufswechsel eine realistische Alternative wäre. Doch noch zögert sie: "Ich liebe meinen Beruf und möchte ihn eigentlich nicht aufgeben." Sie engagiert sich im "Bund der polnischen Lehrer" (ZNP), der größten Lehrergewerkschaft Polens mit 240.000 Mitgliedern. Die Gewerkschaft fordert die Erhöhung der Lehrerlöhne, die umgerechnet zwischen 500 und 900 Euro monatlich liegen, um 250 Euro.

Die ansteckende "Lehrergrippe"

Lehrer in Polen sitzen zusammen.
Gesprächsrunde der Gewerkschaftler mit Schulministerin Anna Zalewska (Bildmitte). Bildrechte: Monika Sieradzka

Die Regierung will nicht darauf eingehen und schlägt stattdessen eine Lohnerhöhung von umgerechnet etwa 70 bis 100 Euro vor. Deshalb protestieren die Lehrer in ganz Polen. Es ist noch kein Generalstreik, doch wenn die kürzlich begonnenen Tarifverhandlungen mit der Regierung platzen, dann kann es dazu kommen, möglicherweise sogar in der Zeit der Abiturexamen im Frühjahr. Dann würde die prekäre finanzielle Lage der Lehrer wenigstens allen Polen bewusst, so die Hoffnung der Lehrer. Doch noch wählen sie andere Formen des Protestes. Seit Dezember 2018 lassen sich die unzufriedenen Lehrer krankschreiben, so wie es vor einigen Monaten die protestierenden Polizisten getan haben. Die sogenannte "Lehrergrippe" war Mitte Januar besonders in den Schulen in dem 200 Kilometer nördlich von Warschau gelegenen Ort Allenstein verbreitet. Während der Prüfungen in einer dortigen Berufsschule war die Mehrheit der Pädagogen krankgeschrieben. In den masurischen Städten Nidzica (Neidenburg) und Szczytno (Ortelsburg) mussten für einige Tage sämtliche Schulen und Kindergärten schließen. Vom Virus der "Lehrergrippe" wurden bislang hunderte Lehrer in ganz Polen "angesteckt". Die Gewerkschaftschefs bezeichnen das als "eine lobenswerte Initiative von unten".

Lehrer ist kein geachteter Beruf

Auch männliche Lehrer sind unter den Streikenden. Adam Młynarski will sich bald krankschreiben lassen. Der Sport- und Geschichtslehrer aus einem Dorf in Zentralpolen verdient nach 20 Jahren Arbeit umgerechnet 750 Euro. Er beschreibt die Lehrer als "eine Berufsgruppe, die nicht geachtet wird". Es herrsche in der Gesellschaft die Überzeugung vor, dass der Lehrerberuf ein Job für Verlierer sei, sagt der 45-jährige. "Es ist erniedrigend, dass man als Lehrer oft weniger als ein Verkäufer im Gemüseladen verdient."

Premierminister Mateusz Morawiecki goss Öl ins Feuer, als er kürzlich im Fernsehen sagte,  dass "Lehrer mehr Freizeit als andere hätten und gleichzeitig mehr verdienen wollten". Die protestierenden Lehrer ärgern sich über diese Aussage. Sie hätten tatsächlich "nur" 18 Unterrichtsstunden pro Woche, argumentieren sie, doch hinzu kämen schließlich noch etliche Stunden für die Vorbereitung des Unterrichts und die Auswertung von Hausaufgaben und Klassenarbeiten.

Lohnerhöhung als "Wahlgeschenk"?

Wenn Adam Młynarski die Gesprächsrunden der Gewerkschaften mit der Regierung, die in unregelmäßigen Abständen stattfinden, verlässt, wirkt er müde und enttäuscht. Er spürt eine große Nervosität unter den Lehrern. "So viel Spannung zwischen Lehrern und Regierung habe ich noch nie erlebt. Die Entschlossenheit zum Generalstreik ist groß und wächst von Tag zu Tag", erklärt er. Drei Gesprächsrunden sind noch geplant. Bis zum 10. Februar 2019 will das Ministerium eine Lösung mit den Gewerkschaften gefunden haben.

Die von der Regierung versprochene Lohnerhöhung soll übrigens erst im Herbst 2019 vorgenommen werden. Die Lehrer bezeichnen das als eine Art "Wahlgeschenk", weil im Herbst auch Parlamentswahlen stattfinden. Viele Lehrer sind daher bereit, schon bald ihre gelben Westen überzustreifen und auf die Straße zu gehen.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in Aktuell: 13.10.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. April 2019, 12:54 Uhr