Litauens Macho-Regierung – ein Ärgernis für die EU

Nur der Posten des Umweltministers kann Litauen in den Augen der EU retten. Noch ist der Stuhl leer – aber hoffentlich wird er bald von einer Frau besetzt. Wenn nicht, wird Litauen der einzige Staat in der EU sein, dessen Regierung ausschließlich aus Männern besteht. Und damit wäre auch die an sich schöne Statistik der Frauenquote in Litauen dahin.

von Vytenė Stašaitytė

Dalia Grybauskaitė, XVII Regierung. Dezember 2016
Die litauische Regierung 2016 - noch mit drei Ministerinnen. Bildrechte: Robertas Dačkus

Im Dezember 2018 feierte die Regierung in Litauen, gebildet vom "Bund der Bauern und der Grünen" sowie einem Teil der zerbröckelten Sozialdemokratischen Partei, ihren zweiten Geburtstag und damit die Mitte der Legislaturperiode. Aber von Feststimmung konnte nicht die Rede sein, denn kurz vorher waren drei von vierzehn Ministern entlassen worden. Zwei davon waren Frauen: die Bildungsministerin Jurgita Petrauskienė und die Kulturministerin Liana Ruokytė-Jonnson. Damit verschwanden die letzten Frauen aus dem Kabinett, nachdem Justizministerin Milda Vainiutė bereits im vergangenen März ihren Posten geräumt hatte. Ersetzt wurden die Frauen samt und sonders von Männern. Jetzt ist nur noch der Posten des entlassenen Umweltministers vakant, aber die zunächst gerüchteweise gehandelten Nachfolger waren alle männlich.  

Schallende Ohrfeige für Frauen

Vaidotas Beniušis
Chefredakteur Vaidotas Beniušis Bildrechte: privat

Die Veränderungen in der Regierung sorgten für Kritik, sogar unter Männern. "Einerseits werden aus den wichtigsten westlichen Ländern – aus den USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich – Botschafterinnen nach Vilnius geschickt, weil die Frauen einen besonderen Zugang zur litauischen Präsidentin Dalia Grybauskaitė haben. Sie organisiert regelmäßig ein Frauen-Botschafterinnen-Mittagessen, zu dem Männer nicht geladen sind. Andererseits droht Litauen zum einzigen Staat der EU zu werden, in dem es keine Frauen in der Regierung gibt", schrieb Vaidotas Beniušis, Chefredakteur der Nachrichtenagentur BNS. Sollte der Posten des Umweltministers wieder an eine Frau gehen, dann teilen wir uns den letzten Platz mit Ungarn, denn dort gibt es auch nur eine Frau in der Regierung. Beniušis ist überzeugt davon, dass das dem Image Litauens schadet. Ausgerechnet in dem Land, in dem das "Europäische Institut für Gleichstellungsfragen" (EIGE) seinen Sitz hat und dessen Präsidentin Grybauskaitė den "Council of Women World Leaders" leitet, bekommen Frauen eine derartig schallende Ohrfeige. 

"Wir lieben die Frauen, aber ..."

Saulius Skvernelis
Premierminister Saulius Skvernelis Bildrechte: Pressestelle der litauischen Regierung

Premier Saulius Skvernelis versuchte, seine Entscheidungen zu verteidigen. Er tat es aber äußerst ungeschickt: "Wir lieben die Frauen", sagte der Regierungschef und behauptete, dass man in Litauen viel für Gleichberechtigung täte, aber er fügte auch hinzu, dass es bei einem Ministerposten nun einmal auf die Kompetenz ankomme und weniger auf das Geschlecht. Mit dieser Argumentation goss er Öl ins Feuer. "Der Premier liebt Frauen, aber findet für sie keine Verwendung in der Regierung. Wenn es ihm wirklich um Kompetenzen ginge, würde er sich daran erinnern, dass die Frauen 65 Prozent aller Magister und 60 Prozent aller Doktortitel in Litauen besitzen. Sie erledigen oft den Löwenteil der Arbeit in den Ministerien, aber Entscheidungen dürfen sie nicht treffen", empörte sich die berühmte Frauenrechtlerin Margarita Jankauskaitė auf ihrer Facebook-Seite.

Clash mit der Präsidentin

Irma Gudžiūnaitė
Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė (rechts) mit der Kandidatin für das Amt der Umweltministerin Irma Gudžiūnaitė. Bildrechte: Robertas Dačkus

Die Präsidentin, die für ihre Kritik an Premier Saulius Skvernelis und seinem Kabinett bekannt ist, nahm kein Blatt vor dem Mund. Noch vor der Reise zum Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2019 sagte sie, dass sie es der Regierung zu "verdanken" habe, dass sie sich nun unangenehmen Fragen stellen muss, weil Litauen am schlechtesten in Sachen Frauenquote innerhalb der EU dastehe. Und das hatte durchaus Wirkung – der Premier präsentierte prompt eine Frau als Kandidatin für das Umweltministerium. Doch die junge Sozialdemokratin – die 30-jährige Justiz-Vizeministerin Irma Gudžiūnaitė – fiel durch. Sie wurde von der Staatspräsidentin wegen mangelnder Kompetenz abgelehnt.

Frauen an der Macht

Es gab Zeiten, in denen die Frauen stärker auf wichtigen Posten vertreten waren. Zum Beispiel war von 2009 bis 2012 neben der Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė auch die Präsidentin des Parlaments eine Frau – die Konservative Irena Degutienė. Zwei sehr wichtige Ministerposten hatten ebenfalls Frauen inne: Rasa Juknevičienė war Verteidigungsministerin, Ingrida Šimonytė, die sich dieses Jahr um das Präsidentenamt bewirbt, leitete das Finanzministerium.

Frauen in Führungspositionen

Wenn man das Gesamtbild anschaut, liegt Litauen mit seinen Frauen in Führungspositionen im EU-Vergleich auf vorderen Rängen. Laut Eurostat schneidet Litauen sogar besser als Deutschland ab. 2017 leiteten Frauen in Litauen 39,1 Prozent der Unternehmen. Damit lag Litauen auf Platz 7 in der EU, weitaus besser als Deutschland, das mit nur 29,4 Prozent auf Platz 20 landete. Im EU-Durchschnitt waren ein Drittel der Personen in litauischen Führungsetagen Frauen.

Frauen leiten oft kleine Firmen

Die nackten Zahlen verbergen aber einiges. In Litauen wird die Statistik besonders von den Kleinunternehmen bestimmt. Und es sind oft Frauen, die kleine Unternehmen leiten. Was die großen Unternehmen angeht, ist der Anteil der Frauen viel geringer. Die Wirtschaftszeitung "Verslo žinios" veröffentlicht jedes Jahr die "TOP 1000" der größten Unternehmen in Litauen - im Jahr 2017 wurden nur 12 Prozent von ihnen von Frauen geleitet. 

Nur geringe Gehaltsunterschiede

Die EU-Statistiken von Eurostat zeigen auch, dass in Litauen die Gehaltsunterschiede kleiner sind als im Durchschnitt der EU und auch viel kleiner als in Deutschland. 2016 verdienten die Frauen in Litauen 14,2 Prozent weniger als die Männer, während in Deutschland die Differenz bei 21,5 Prozent lag. Der Durchschnitt der EU lag bei 16,2 Prozent. Und noch eine positive Statistik: Am 11. Februar, dem internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft, wurde bekanntgegeben, dass Litauen führend in der EU ist, was den Anteil der Frauen in der Wissenschaft angeht. Sogar 58 Prozent der Wissenschaftler und Ingenieure in Litauen sind Frauen. Der Durchschnitt in der EU liegt bei 40 Prozent und in Deutschland – bei 33 Prozent.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: 20.09.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2019, 10:47 Uhr

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