Sprachpfleger mit "Schießgewehr"

In Litauen überprüfen zwei staatliche Behörden, wie korrekt Künstler, Journalisten und Unternehmen ihre Muttersprache benutzen. Im Alltag führen die Kontrollen zu allerlei Problemen und rufen viel Kritik hervor.

von Vytenė Stašaitytė

Viele Litauer nennen sie schlicht die "Sprachpolizei". Ihretwegen bekommen Schriftsteller und Journalisten, aber auch Unternehmer regelmäßig Wutanfälle. Denn hinter dem Begriff stecken zwei einflussreiche staatliche Behörden: die Staatliche Kommission der litauischen Sprache und die Staatliche Sprach-Inspektion. Ihre Beamten haben das Recht, uns nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz zu bestrafen. Die Strafen reichen von einer einfachen Verwarnung bis zu Geldstrafen zwischen 86 und 434 Euro.

25 Seiten verbotener Fehler

Aber wofür eigentlich? Zum Beispiel für das Verletzen der von der Sprachkommission aufgestellten Sprachregeln. Hierzu gehören grammatische Fehler, falsche Aussprache, die Nutzung von Anglizismen und vieles mehr. Dazu gibt es eine Liste der "großen Fehler der litauischen Sprache". Und davon gibt es eine Menge: die Liste ist 25 Seiten lang.

Internationaler Buchladen in der Altstadt von Vilnius.
In den Vilniuser Buchhandlungen bekommt man Literatur in vielen verschiedenen Sprachen. Litauische Bücher sollen aber möglichst frei von fremden Wörtern bleiben. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė

Als Muttersprachlerin muss ich zugeben, dass das Litauische auch nicht einfach ist. Es ist eine archaische Sprache mit sieben grammatischen Fällen, unzähligen Ausnahmen und anderen Fallstricken. Auch ich mache in meiner alltäglichen journalistischen Arbeit Fehler. Für TV- und Radio-Journalisten ist es aber noch schwieriger. Sie stehen unter ständiger Beobachtung von Kommission und Inspektion. Sie werden regelmäßig getadelt, auch wenn tatsächliche Strafen eher eine Seltenheit sind.

Behörden fühlen sich falsch verstanden

Die Behörden seien gar nicht so böse, wie man sie darstellt, meinen sie selbst. Laut dem Leiter der Inspektion, Donatas Smalinskas, wurde im Jahr 2016 nur ein einziges Buch wegen vieler Fehler mit einer Warnung "honoriert". Kein Journalist und kein Unternehmen sei bestraft worden. Diese seien nur über die gefundenen Fehler informiert worden.

"Wir sind der Meinung, dass eine korrekte Sprache ein wichtiges Kriterium für die Qualität eines Buches ist", meint Smalinskas: "Wir verteidigen das öffentliche Interesse, analysieren die Beschwerden der Bürger und kümmern uns um Bildungsprojekte. Der Öffentlichkeit wird oft suggeriert, dass wir Linguisten immer auf der Jagd sind und für jede Kleinigkeit Strafen aussprechen. So ist es aber nicht. Bestraft wird nur in sehr seltenen Fällen."

Gewehre sind zum Schießen da

"Seit Jahren spricht man über die üblen Repressionen, aber wenn man sich die realen Statistiken ansieht, findet man keine", wehrt sich auch Daiva Vaišnienė gegen die Vorwürfe. Sie leitet die Sprachkommission, die andere Instanz der "Sprachpolizei". Die Kritik funktioniere für sie frei nach einem berühmten Zitat des russischen Regisseurs und Schauspielers Konstantin Stanislawski: "Wenn ein Schießgewehr an der Wand hängt, wird es auch mal schießen.“

Daiva Vaišnienė ärgert das: "Es hängt zwar nur, aber trotzdem wird so getan, als ob wir sofort losschießen würden, sobald wir mal eine nicht korrekte Aussprache auf der Straße hören. Ich ironisiere, aber auch die Vorwürfe sind stark übertrieben. Für die Literatur gilt eine totale Freiheit. Es gibt sogar Bücher, die im SMS-Stil geschrieben sind."

Vorbeugende Selbstzensur der Verlage

Schrifsteller Markas Zingeris.
Der Schriftsteller Markas Zingeris kennt die Probleme, die viele seiner Kollegen mit den litauischen Sprachbehörden haben. Auch für seine Bücher erteilen diese "Korrekturvorschläge". Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė

Selbst, wenn es nicht schießt: Das Gewehr an der Wand nervt Markas Zingeris, einen berühmten litauischen Schriftsteller und Leiter des staatlichen jüdischen Museums. Er kennt mehrere Fälle, in denen Lektoren die Bücher von Autoren aus Angst vor den Behörden ins Absurde korrigiert haben. Zingeris hofft, dass sein bald erscheinender Roman "Ich saß Stalin auf dem Schoß" keine Probleme für seinen Herausgeber verursachen wird. Der hat nämlich auf viele der vorgeschlagenen Korrekturen verzichtet.

Der Schriftsteller ist überzeugt, dass schon die möglichen Strafen zu einer Selbstzensur führen. Für ihn sind die Beamten daher "Feinde der lebendigen Kultur." Das zeige sich am Beispiel nichtlitauischer Wörter, die man kursiv schreiben müsse: "Darin steckt eine große Dosis Heuchelei und ein Mangel an Verständnis für verschiedene Literaturformen. Wenn es im 16. Jahrhundert so eine Sprachinspektion in Frankreich gegeben hätte, hätte es auch keinen François Rabelais gegeben. Und auch keinen William Shakespeare in England, der tausende von neuen Wörtern in die englische Sprache gebracht hat.“

Sprachinitiative vor Gericht

Es gibt weitere Hinweise, dass die zwei Behörden die Gewehre nicht immer hängen lassen. So unterstützten beide Institutionen eine Klage gegen eine Initiative in der Hauptstadt Vilnius. Sie ließ die Straßenschilder der Stadt, die fremden Ländern gewidmet sind, auch in den jeweiligen Originalsprachen beschriften. In Litauen sind zweisprachige Straßenschilder jedoch per Gesetz verboten. Am Ende wurde die Klage aber abgewiesen.

Zweisprachiges Straßenschild in Vilnius.
Schild des Anstoßes: In Vilnius gibt es seit einiger Zeit zweisprachige Straßenschilder. Das ist den Behörden ein Dorn im Auge. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė

Auch einige Unternehmer ärgern sich über die Hüter der Sprache. Es gab schon mehrere Fälle, in denen es aus sprachlichen Gründen Probleme mit dem Registrieren neuer Unternehmensnamen gab. So wurde einer Mode-Designerin vorgeworfen, dass ihr Name zu umgangssprachlich sei. Der mediale Protest hat der jungen Unternehmerin letztendlich geholfen, sich trotzdem gegen die Institutionen durchzusetzen.

Wut gegen "Sprachpolizei"

Der berühmte Journalist und Kolumnist Rimvydas Valatka ist genervt von diesen und ähnlichen Scharmützeln. Aus Anlass der Buchmesse in Vilnius Ende Februar hat er einen wütenden Kommentar auf dem größten litauischen Nachrichtenportal "Delfi" veröffentlicht. Er halte es für einen Skandal, dass es so eine sanktionsfähige Inspektion überhaupt gebe. Außerdem wies der Autor darauf hin, dass es Behörden dieser Art europaweit nur noch in Tschechien und Russland gebe.

“Dem ganzen Volk ständig vorzuwerfen, dass es kein Hochlitauisch sprechen könne, ist anmaßend. Die Litauer und ihre Sprache sollten nicht von der Polizei ausgepeitscht und getadelt, sondern geliebt werden. Unser Sprechen und Schreiben muss endlich entkriminalisiert werden. So würden Staat und Unternehmen sich auch ihr Geld sparen”, so Valatka. Ginge es nach dem Schriftsteller, würden die Institutionen einfach ganz abgeschafft. Und mit ihnen die sprachlichen Schießgewehre.

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2017, 13:33 Uhr

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