Wie Russland und Litauen sich die Sowjet-Zeit gegenseitig vorrechnen

50 Jahre war Litauen Teil der Sowjetunion. Für die sowjetische Besatzung will das Land, ebenso wie seine baltischen Nachbarn, entschädigt werden. Nun provoziert Russland mit einer eigenen Rechnung für die Zwangsehe.

von Vytenė Stašaitytė

Litauen
Alexander Udalzow, der russische Botschafter in Litauen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alexander Udalzow, der russische Botschafter in Litauen, ist nicht gerade als fleißiger Interviewgeber bekannt. Schon gar nicht, was litauische Medien anbetrifft. Mit der in Litauen erscheinenden russischen Zeitung "Litowskii Kurier"  hat er dagegen gesprochen. Und für Empörung in seinem Gastland gesorgt. Seiner Meinung nach nämlich schuldet Litauen Russland für die Modernisierung des Landes zu Sowjet-Zeiten – etwa für den Bau der Infrastruktur und verschiedener Fabriken - 72 Milliarden US-Dollar. Was bedeutet: Eigentlich sollte nicht Litauen von Russland eine Entschädigung für die Okkupationsjahre verlangen. Sondern umgekehrt.

Unfreiheit für 72 Milliarden US-Dollar

"Zwischen 1940-1990 hat man ca. 65 Milliarden US-Dollar in die Entwicklung der Wirtschaft in Litauen investiert. Als Ergebnis wurde dort die chemische und petrochemische Industrie geschaffen, man baute die größten Unternehmen – die Ölraffinerie in Mažeikiai, Chemieanlagen in Kėdainiai, das Düngemittelwerk in Jonava, das Kernkraftwerk in Ignalina", rechnete Udalzow vor. Somit sei es offensichtlich, dass die mögliche Frage nach Entschädigung von der litauischen Seite an Russland als Rechts-Nachfolger der Sowjetunion absurd sei. Im Gegenteil, Russland als die größte Teil-Republik der damaligen UdSSR, sei im Wesentlichen für den Gesamthaushalt aufgekommen – und habe daher Anrecht auf mehr als 72 Milliarden Dollar. Zudem habe Litauen auch beispielsweise von Lieferungen russischer Energieressourcen und mineralischer Rohstoffe profitiert, so Udalzow.

"Deshalb hat Russland keine Freunde"

Diese Aussage hat für viel Aufregung in Litauen gesorgt – von hochrangigen Politikern und Kolumnisten bis hin zu manchem Normalbürger, der seiner Wut in den sozialen Medien freien Lauf ließ. Und nicht nur ethnische Litauer empörten sich. Konstantin Amelüschkin, russischstämmig und Teil der russischen Redaktion des größten Nachrichtenportals des Landes "Delfi", sprach in einem sehr kritischen Kommentar von "Dreistigkeit" und "Chauvinismus".

Konstantin Amelüschkin
Konstantin Amelüschkin vom litauischen Nachrichtenportals "Delfi" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Amelüschkin wütete, dass Russland wieder seinen Chauvinismus den kleineren Nachbarn gegenüber demonstriere. Für so ein Benehmen sollten sich die "normalen" Russen schämen. Gleichzeitig rief der 39-Jährige, der seit zwölf Jahren in Litauen lebt und mit seiner litauischen Frau zwei Kinder hat, dazu auf, dass man besagte Russen nicht an den Aussagen des Botschafters messen sollte.  "Ich bin der Meinung, dass so ein Benehmen nicht tolerierbar sein sollte. Das ist wohl die Antwort, warum Russland keine oder fast keine Freunde an seinen Grenzen hat: Weil es mit seinen Nachbarn nicht respektvoll umgeht. Wenn es sich so benimmt, wird es immer nur Feinde haben. Ich will aber nicht, dass die Litauer, die die Meinung des Botschafters hören, denken, dass alle Russen genauso sind. Ich weiß, dass es viele Russen gibt - auch diejenigen, die wie ich mit der russischen Staatsbürgerschaft hier leben, die solche Aussagen nicht unterstützen", - so Amelüschkin im Interview mit "Heute im Osten".

Gezielte Provokation

Dafür, dass die Aussage als gezielte Provokation gemeint war, sprechen zwei Dinge: Zum einen erschien das Interview kurz vor zwei wichtigen Gedenktagen in Litauen. Am 14. und 15. Juni gedenkt unser Land der Opfer sowjetischer Deportationen nach Sibirien von 1941 und der Opfer der Okkupation.

Zum anderen antwortete der russische Botschafter zwar auf eine Frage nach den Entschädigungsforderungen, die die baltischen Staaten schon jahrelang beschäftigen. Da allerdings klar ist, dass das jetzige Russland solche Forderungen nicht akzeptieren wird, rangiert das Thema eigentlich seit Jahren auf der Prioritätenliste nicht gerade hoch oben.

Nettozahler, nicht Profiteur

Noch im Jahr 2000 hat eine Kommission in Litauen festgestellt, dass die Sowjetunion einen Schaden von 20 Milliarden US-Dollar (umgerechnet nach dem damaligen Kurs wären das ca. 23 Milliarden Euro) allein für Litauen verursacht hat. Der Ruf nach Entschädigung wurde auch im Gesetz verankert, aber man machte keine weiteren Schritte, um die Reparationen auch zu bekommen.

2015 unterschrieben die Justizminister aller drei baltischen Länder eine Deklaration mit dem Ziel, die Entschädigung für die sowjetische Okkupation zu berechnen und diese und die Übernahme der Verantwortung für die Verbrechen auf internationaler Ebene zu verlangen. Dass dies ein Russland unter Wladimir Putin ernsthaft beeindruckt – damit rechnet allerdings niemand.

Der lettische Wissenschaftler Gatis Krūmiņš hat im vorigen Jahr eine Analyse vorgestellt, wonach auch rein zahlenmäßig die baltischen Länder nicht Profiteure der Sowjetunion waren - sondern im Gegenteil mehr an die zentrale Kasse in Moskau abgeben mussten als sie zurück bekamen. Nach seiner Recherche flossen ca. 5-6 Prozent des litauischen  Landeshaushalts dorthin. Ähnlich sei es auch in Lettland und Estland gewesen. Ein schmerzhaftes Detail - aus dem eigenen Haushalt und der zentralen Kasse floss viel Geld an die sowjetische Armee und Sicherheits-Organe, die gegen die Freiheitskämpfer und andere ideologisch unliebsame Gruppen vorgingen. 

Die Last der Vergangenheit

Dass die Sowjetunion vor allem wirtschaflich scheiterte, ist kein Geheimnis. Und so sieht man in Litauen vor allem, zu welcher Last "Investitionen" und "Modernisierungen", von denen Russland so stolz spricht, nach 1990 wurden. Die Kollektivierung auf dem Lande hatte die Agrarkultur verändert, auf dem Weg in die Marktwirtschaft blieb manch einer auf der Strecke. Uneffiziente Fabriken wurden geschlossen und verfielen. Plattenbauviertel im ganzen Lande gelten als marode und müssen dringen renoviert werden. Die Zeche zahlen unterdessen andere: Litauen musste mit Hilfe von EU-Geldern das einst weltgrößte Atomkraftwerk in Ignalina abschalten. Und der Nachholbedarf, um etwa näher an Deutschland und die skandinavischen Länder heran zu kommen, ist nach wie vor riesig.

Kein Geheimnis ist auch, dass jede Rechnung – ganz gleich, welche Seite sie nun präsentiert – nur Makulatur sein kann. Um das Bild von den sowjetischen Investitionen in die Infrastruktur aufzugreifen: Die Höhe der Investition ist nicht das Problem. Problem der Balten ist, dass sie nach diesen Investitionen nie gefragt haben. Dass die Sowjetzeit als Ära von Besetzung und Unterdrückung empfunden wird. Und dass die Äußerungen Udalzows jeden Respekt davor vermissen lassen. Vytautas Lansdbergis, von 1990 bis 1992 erstes Staatsoberhaupt des unabhängigen Litauens, dürfte daher vielen Litauern aus dem Herzen gesprochen haben, als er nach der Moskauer Rechnung gefragt wurde:"Sollen wir auch für die Reise nach Sibirien zahlen?"

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 05.06.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Juli 2017, 17:25 Uhr