Bunker
Informationstafeln an den touristischen Routen in den litauischen Wäldern erinnern an die Partisanenbewegung Bildrechte: Vytene Stasaityte

Kult um litauische Partisanen

Hase, Vogel, Drossel und Eiche lebten einst in dunklen Wäldern – was wie ein Märchen klingt, war schreckliche Realität für vier litauische Partisanen, die unter diesen Decknamen gegen die sowjetischen Okkupanten kämpften.

von Vytenė Stašaitytė

Bunker
Informationstafeln an den touristischen Routen in den litauischen Wäldern erinnern an die Partisanenbewegung Bildrechte: Vytene Stasaityte

An einem romantischen Wald, am Ufer des Bachs Ratnyčėlė, haben vier Männer – Bronius Kukauskas ("Hase"), Bronius Sinkevičius ("Vogel"), Vytautas Sadauskas ("Drossel") und Pranas Suraučius ("Eiche") – 1947 über Nacht einen kleinen Bunker errichtet. In diesem Bunker versteckten sie sich fast zwei Jahre lang – im Sommer, aber auch im kalten Winter, ohne Strom und ohne Heizung. "Hase" und "Eiche" sind im Kampf gefallen. "Vogel" wurde im Wald verletzt, später im KGB-Gefängnis in Vilnius brutal gefoltert und erschossen. Einzig "Drossel" hat überlebt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, als Litauen wieder unabhängig wurde, sorgte er dafür, dass die Geschichte des Bunkers und der vier Kameraden bekannt wurde. Der inzwischen verfallene Bunker, der als Glücksbunker gilt, da die Sowjets ihn nie gefunden haben, wurde 1997 an gleicher Stelle rekonstruiert. Jetzt ist er ein Gedenkort, der viele Besucher anzieht. Dabei gab es viele solcher Bunker im ganzen Land.

"Waldbrüder"

Vytenė Stašaitytė in litauischem Waldbunker 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die "Waldbrüder" sind ein sehr wichtiges Narrativ in der neueren litauischen Geschichte. Für die "Waldbrüder" tobte in Litauen bis in die 1950er-Jahre hinein der Krieg weiter. Nach Einschätzungen der Historiker haben in dieser Zeit mindesten 50.000 Partisanen gegen die Sowjetmacht gekämpft, etwa 20.000 von ihnen sind gefallen. Die Partisanen hatten einen starken Rückhalt in der Bevölkerung. Etwa 100.000 Menschen, so schätzt man, haben die Partisanen unterstützt. Die Erinnerung an diese Kämpfe ist lebendig, es gibt immer noch Zeitzeugen. Dem Sowjetstaat ist es nicht gelungen, dieses Kapitel der Geschichte während der Okkupation – denn als solche betrachten die Litauer ihre Zugehörigkeit zur UdSSR – auszuradieren.

"Ihr Kampf war nicht umsonst"

Das Thema hat sogar Eingang in die litauische Popkultur gefunden. Die Band "Skylė" hat ein sehr erfolgreiches Musikalbum mit dem Titel "Broliai" (Brüder) den Partisanen gewidmet. Und die Band hatte damit großen Erfolg.

Band Skyle
Die litauische Band "Skylė" hat eines ihrer Alben den Partisanen gewidmet Bildrechte: Mantas Puida

Bandleader Rokas Radzevičius, von Beruf Historiker, und seine Frau Aistė Smilgevičiūtė hatten das Gefühl, dass die Geschichte der "Waldbrüder" mit zu viel Pathos dargestellt wird und deshalb junge Leute zu wenig anspricht. Inspiration für ihre rührenden Songs schöpften sie aus den Gedichten der Partisanen und aus dem Tagebuch des berühmten Waldbruders Lionginas Baliukevičius. "Uns hat der Erfolg überrascht. Das zeigt, dass eine neue Generation auch einen neuen Blickwinkel braucht", sagt die Sängerin Smilgevičiūtė. "Es ist sehr wichtig, dass uns der Preis unserer Freiheit klar ist. Wir müssen verstehen, dass man Werte schätzen und verteidigen muss. Obwohl der Kampf nach dem tragischen Ende des Partisanenkrieges verloren schien, wirkt das aus heutiger Perspektive anders – die Partisanen haben uns eine wichtige Nachricht hinterlassen, ihr Kampf war nicht umsonst."

Großes Interesse an den "Waldbrüdern"

Bunker der "Waldbrüder" in Litauen 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von dem großen Interesse an den "Waldbrüdern" zeugt auch die hohe Zahl der rekonstruierten Bunker und touristischen Routen in den Wäldern, die meist von privaten Initiativen finanziert werden. Und auch beim Staatlichen Museum für Genozid-Opfer, das im Volksmund "KGB-Museum" heißt, merkt man das – es ist eines der meistbesuchten Museen in der litauischen Hauptstadt Vilnius. In den Jahren 1940 bis 1941 und 1944 bis 1991 wurde das Gebäude von den sowjetischen Geheimdiensten NKWD, MGB und KGB genutzt, und während der deutschen Besatzung von der Gestapo. Viele "Waldbrüder", die nicht bei Gefechten im Wald fielen, wurden an diesem Ort ermordet. Und so sehen es viele Litauer heute als ihre Pflicht an, ausländischen Gästen die Besichtigung dieses Museums ans Herz zu legen.

Viele Touristen sind überrascht, dass es in Litauen einen so breiten Widerstand gegen die Sowjetunion gab. Die Reaktion überrascht den Historiker Dr. Darius Juodis nicht: "Die Historiker im Westen, die sich mit der Geschichte Osteuropas und des Baltikums beschäftigen, kennen dieses Thema, aber für den durchschnittlichen Westeuropäer ist das ein weißer Fleck. Wenn man den Terminus 'Partisan' nennt, denkt man sofort an den Widerstand gegen Hitler im Zweiten Weltkrieg in Polen oder Frankreich, aber nicht an den Widerstand gegen die Sowjets, obwohl dieser sehr stark war und lange andauerte – nicht nur in Litauen, Lettland und Estland, sondern auch in Belarus und in der Ukraine."

Dr. Juodis arbeitet im Forschungszentrum für Genozid und Widerstand und beschäftigt sich viel mit dem Thema. Er erklärt, dass die Partisanen in Litauen sehr gut organisiert waren. Sie hatten Armeestrukturen übernommen, waren sehr gut vernetzt, diszipliniert und trugen sogar Uniformen. 1949 gründeten sie die Bewegung der Freiheitskämpfer in Litauen, die sie zur höchsten politischen Institution erklärten. Ihr Ziel war es, die Unabhängigkeit Litauens wiederherzustellen.

CIA-Bericht über Kampf der Partisanen freigegeben

Die litauischen "Waldbrüder"
1949: Partisanen unterwegs in den Wäldern von Vilnius Bildrechte: Staatliches Museum für Genozid-Opfer Vilnius

Dass der litauische Widerstand den Sowjets Sorgen bereitete, bestätigen auch die jüngst freigegebenen Akten des US-Geheimdienstes CIA. In der mehr als zwölf Millionen Seiten zählenden Dokumentensammlung findet sich auch Einiges über die Partisanenkämpfe in Litauen. In einem Report vom 8. November 1949 heißt es etwa, die Partisanen seien gut organisiert und bewaffnet. Sie würden gegen Kollektivierung kämpfen und Mitbürger bestrafen, die den Sowjets helfen. Ferner wird berichtet, dass die Bevölkerung die "Waldbrüder" unterstütze, obwohl sowjetische Geheimdienste sehr stark präsent seien.

Dr. Juodis warnt aber, diese Berichte für bare Münze zu nehmen, da sie ziemlich grobe Fehler und falsche Einschätzungen enthielten. Doch auch aus den Fehlern ließe sich viel ablesen. Die CIA-Berichte zeigten" nämlich, "dass der Geheimdienst gar nicht so gut informiert war. Außerdem findet man da keinerlei Absichten vermerkt, Litauen oder andere von den Sowjets eroberte Länder zu befreien. Und genau das war leider die große Hoffnung und Illusion der Waldbrüder und der Bevölkerung."

Über die letzten Partisanen gibt es übrigens unterschiedliche Angaben. Als letzter aktive Partisan gilt Pranas Končius, der sich 1965 nach einem Gefecht mit den Sowjets das Leben nahm. Doch es gibt auch Berichte von einem anderen "Waldbruder", Stasys Guoga ("Tarzan"), dem es angeblich gelungen war, sich bis zu seinem Tod 1986 in den litauischen Wäldern zu verstecken.

Im Widerstand gegen die Sowjetunion

1940 übernahm Sowjetrussland den baltischen Nachbarn Litauen. Zehntausende Litauer kämpften dann nach Ende des Weltkrieges weiter - im Untergrund gegen die Sowjetmacht. Viele von ihnen kamen dabei ums Leben.

Uniformierte Frauen und Männer stehen an einem Wappen
Tanne, Dzūkas (nach der Region Dzūkija), Milda (nach der heidnischen Liebesgöttin), Kamille, Vanagas (Habicht) und Akacija (Akazie) – wie diese Partisaninnen und Partisanen des Bezirkes Daivana im Jahr 1948 trugen alle litauischen Widerstandskämpfer einen Tarnnamen. Historiker schätzen, dass rund 50.000 Litauer im Untergrund gegen die sowjetische Herrschaft in ihrem Land gekämpft haben. Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
Uniformierte Frauen und Männer stehen an einem Wappen
Tanne, Dzūkas (nach der Region Dzūkija), Milda (nach der heidnischen Liebesgöttin), Kamille, Vanagas (Habicht) und Akacija (Akazie) – wie diese Partisaninnen und Partisanen des Bezirkes Daivana im Jahr 1948 trugen alle litauischen Widerstandskämpfer einen Tarnnamen. Historiker schätzen, dass rund 50.000 Litauer im Untergrund gegen die sowjetische Herrschaft in ihrem Land gekämpft haben. Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
Uniformierte Männer und Frauen stehen an einem Grab
Litauen wurde 1940 von Sowjetrussland einverleibt. Für die Partisanen ging der Krieg nahtlos weiter – bis in die 1950er-Jahre. Schätzungsweise 21.000 von ihnen kamen dabei ums Leben. Bei Kämpfen im Wald, wie hier im Sommer 1949 im Bezirk Tauro … Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
Litauen Partisanen im Widerstand gegen Sowjetunion
… oder in den Gefängnissen der Geheimdienste NKWD, MGB und KGB. Die Leichen wurden oft geschändet und öffentlich zur Abschreckung ausgestellt, wie hier 1951 im Hof des Ministeriums für Staatssicherheit in Lazdijai. Diese Opfer waren Partisanen des Bezirkes Daivana. Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
Litauen Partisanen im Widerstand gegen Sowjetunion
Litauens Partisanen waren auch im Winter im Widerstand. Hier sind die Leiter verschiedener Einheiten im Februar 1949 auf dem Weg
zu einer Versammlung der Anführer.
Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
Litauen Partisanen im Widerstand gegen Sowjetunion
In jedem Bezirk in Litauen hatten die Partisanen eine Druckerei. Hier auf dem Bild sind die Mitarbeiter der "Zentrale" des Bezirkes Daivana zu sehen. Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
Litauen Partisanen im Widerstand gegen Sowjetunion
Ritual auch im Untergrund im Wald: Auszeichnungsfeier in der Partisaneneinheit von Daivana im Jahr 1948. Hier wird Sofija Budėnaitė-Ramunė (Kamille) geehrt. Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
Litauen Partisanen im Widerstand gegen Sowjetunion
Auch das gab es bei den "Waldbrüdern": Wanderungen mit Akkordeon - und die Gewehre griffbereit. Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
Litauen Partisanen im Widerstand gegen Sowjetunion
Einer der bekanntesten litauischen Partisanen war der Fallschirmjäger Juozas Lukša- Skrajūnas (Flieger), links im Bild. Er durchbrach zweimal die Grenze zu Polen und gelangte so weiter in den Westen, mit einem Memorandum an die Vereinten Nationen und einem Brief der Litauer an den Papst. Von 1948 bis 1950 schrieb er in Paris seine Autobiografie. Skrajūnas, 1950 per Fallschirmsprung wieder nach Litauen zurückgekehrt, kam 1951 in einem Hinterhalt ums Leben. Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius
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Litauen Partisanen im Widerstand gegen Sowjetunion
Einer der bekanntesten litauischen Partisanen war der Fallschirmjäger Juozas Lukša- Skrajūnas (Flieger), links im Bild. Er durchbrach zweimal die Grenze zu Polen und gelangte so weiter in den Westen, mit einem Memorandum an die Vereinten Nationen und einem Brief der Litauer an den Papst. Von 1948 bis 1950 schrieb er in Paris seine Autobiografie. Skrajūnas, 1950 per Fallschirmsprung wieder nach Litauen zurückgekehrt, kam 1951 in einem Hinterhalt ums Leben. Bildrechte: Museum der Genozidopfer Vilnius

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2017, 10:19 Uhr

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