Filmplakat des Animationsfilms "Mascha und der Bär"
Filmplakat des Animationsfilms "Mascha und der Bär" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Russland Wie politisch sind "Mascha und der Bär"?

Russlands international erfolgreichster Trickfilm soll Propaganda für den Kreml sein, sagen Experten aus Großbritannien und Osteuropa. Unser Ostblogger Maxim Kireev in Moskau hat sich die Serie angeschaut.

Filmplakat des Animationsfilms "Mascha und der Bär"
Filmplakat des Animationsfilms "Mascha und der Bär" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

eine Glosse von Maxim Kireev

Noch nie war es so leicht, Opfer russischer Propaganda zu werden. Kinderleicht genau genommen. Denn wenn Ihnen der russische Trickfilm "Mascha und der Bär" etwas sagt, dann sind Sie und vor allem Ihre Kinder bereits in Gefahr. Zu diesem Schluss kommen zumindest Experten aus Ländern, mit denen Moskau derzeit ein angespanntes Verhältnis unterhält.

Ein bisschen wie Putin

Jüngst zitierte die britische Zeitung "The Times" den Zeitgeschichtshistoriker der Universität von Buckingham und Geheimdienstexperten Anthony Glees, der das kleine Mädchen Mascha und ihren Bärenfreund als Kämpfer im russischen Propagandakrieg ausgemacht hat. Mascha legt sich mit Stärkeren an und sorgt ständig für Ärger und sei deshalb ein bisschen wie Kremlchef Wladimir Putin, findet Glees. Wird hier also der russische Präsident bewusst verniedlicht, um die Herzen und Köpfe der Europäer zu gewinnen?

Was an der Serie missfällt

Natürlich könnte man das alles als Blödsinn abstempeln. Doch die Trickfilmserie ist nicht nur Russlands erfolgreichstes Exportprodukt im Unterhaltungsgeschäft, sie läuft auch ganz ohne Warnhinweis im KiKA. Zudem ist der britische Historiker Anthony Glees mit seiner Meinung nicht allein. Journalisten aus Italien, Blogger und Kommunikationsexperten aus Estland, Politiker aus Litauen sowie der Ukraine - die Liste jener, die ein Problem mit "Mascha und dem Bären" haben, ist länger als gedacht.

Mal wird der freundliche Bär kritisiert, der weltweit als Symbolfigur für Russland steht, und angeblich ein viel zu gutes Bild des Landes vermittelt. Mal werden die Symbole aus der Sowjetzeit kritisiert, etwa eine Mütze mit fünfzackigem rotem Stern, den Mascha in einer der Folgen aufsetzt.

Mascha und der Bär Vorlage ist das russische Volksmärchen "Mischka der Bär", das in den 1960er-Jahren auch auf Deutsch herauskam. Im Märchen sind die Rollen ganz anders verteilt. Der Bär hält sich Mascha und Dascha als Haushälterin. In der Animationsserie ist Mascha eine emanzipierte Göre, die den Bären auf Trab hält.

Parallelen zur Moskauer Außenpolitik

Doch ist es nicht naiv, in Zeiten von Fake News, Internettrollen und Wahlbeeinflussung zu glauben, dass ein russisches Mädchen und ein Bär einfach so im Wald leben? Um das zu beantworten, muss man sich den Trickfilm natürlich anschauen. Da wäre der Anfang der Serie, bei dem Mascha beim Bären einfach so zu Hause aufkreuzt und für Chaos sorgt. Da der Bär sie nicht wieder loswird, werden sie beste Freunde.

Wer hier keine Parallelen zur russischen Außenpolitik erkennt, muss förmlich blind sein. Denn was könnte Putins langjährige Herrschaft im Kreml besser beschreiben, als dass der russische Bär das kleine, putineske Mädchen nicht zur Hölle schickt, sondern sich seinem Schicksal fügt.

Dann wäre noch der niedliche Panda, ein Cousin des russischen Bären, der in mehreren Folgen auftaucht, und mit dem Mascha unbedingt spielen will. Wer hier nicht die auf höchster Ebene zelebrierte, neue Freundschaft zwischen China und Russland erkennt, der hat wohl seit Jahren keine Nachrichten geschaut.

Mascha als Interimszarin

Ein Cartoonist arbeitet an einer Filmszene von <Macha und der Bär>.
Die Trickfilmserie wird in der Nähe von Moskau produziert. An einer Folge wird sechs Wochen lang gezeichnet. Bildrechte: dpa

Und wem das nicht ausreicht: Den ultimativen Beweis liefert eine der jüngsten Folgen. Da bekommen Mascha und der Bär Besuch von einem Löwen, ein Freund des Bären aus alten Zirkustagen, der nebenberuflich der "Zar der Tiere" ist. Doch muss sich der Löwe von Mascha belehren lassen, was man als Monarch zu tun und zu lassen hat. Beispielsweise, dass man nicht im Haushalt anpackt oder nicht zu Fuß läuft. Entnervt ernennt der Löwe die Besserwisserin zur Interimszarin, um in Ruhe einen Ausflug mit dem Bären zu unternehmen.

Untertanen werden mürrisch

Und klingelt es nun? Tatsächlich hatte Mascha davon geträumt, Zarin zu werden. Oder sollte man besser sagen, Kremlchef Putin hat davon geträumt? Mascha trommelt alle Tiere im Wald zusammen und verteilt allerhand Befehle. Erst soll ein Zarenmobil her, dann ein ganzes Zarenschloss mit allerhand Spielzeug und als alles fertig ist, verdonnert sie die Waldbewohner dazu, ihr ein fürstliches Mahl zu bereiten. Doch die Untertanen werden mürrisch und stürzen die junge Zarin, just als Löwe und Bär von ihrem Ausflug zurückkommen. In der Strafecke soll sie über ihre Fehler nachdenken. Plötzlich dämmert es Mascha: "Für einen Zaren gehört es sich nicht, sich von seinem Volk zu entfremden". Happy End.

Haben Sie die Botschaft verstanden?

Das kleine Mädchen Mascha im Haus des Bären.
Mascha hier im Haus des Bären Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der oberflächliche Betrachter könnte jetzt zum Schluss kommen, dass hier durchaus demokratische Werte propagiert werden. Dem einen oder anderen Russen könnte sogar die Frage in den Sinn kommen, was eigentlich die Medienaufsicht Roskomnadzor dazu sagt. Die Behörde verdonnert gerne immer wieder Medien wegen angeblichem Extremismus zu empfindlichen Geldstrafen.

Was genau wird denn nun hier propagiert? Für den unerfahrenen Zuschauer ist das alles etwas verwirrend. Doch die erfahrenen Betrachter erkennen, dass die Verwirrung nur belegt, wie perfide und ausgeklügelt die russische Propaganda wirklich funktioniert. Schließlich  fängt ja das ganze Schlamassel erst an, als der Zar-Löwe gutmütig die Macht aus den Händen gibt. Macht, mit der das kleine, tyrannische Mädchen nicht umgehen kann, und alles in einer Revolution endet. Fazit: Machtwechsel führen zu nichts Gutem. Hätten Sie es gemerkt? Ich auch nicht.

Protagonistin Mascha in Nahaufnahme. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im: KiKA | 26.11.2018 | 06:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2018, 12:01 Uhr

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Unser Ostblogger

Fotomontage Mann vor Fahne + Video
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK